Du hörst jemanden am Smartphone sagen: 電話してる statt 電話している – und plötzlich klingt das Japanisch nicht mehr wie im Lehrbuch. Genau hier stecken nuki kotoba [抜き言葉]: Formen, bei denen im Alltag ein Laut einfach wegfällt.
Zwei Muster tauchen besonders oft auf: い抜き言葉 (i nuki kotoba) und ら抜き言葉 (ra nuki kotoba). Beide machen die Sprache schneller und lockerer – und beide werden in formellen Texten ganz anders bewertet. Wenn du die Muster kennst, verstehst du Chats, Anime und Straßenjapanisch besser, ohne sie blind in eine Prüfung oder eine E-Mail zu kopieren.

Inhalt 5
Was nuki kotoba im Alltag bedeuten
Im gesprochenen Japanisch kürzen Menschen Formen ab, die in der Schriftsprache vollständig bleiben. Das Weglassen von い [i] oder ら [ra] ist so ein Muster – vergleichbar damit, dass in vertrauten Chats auch Partikeln wie は oder を oft still verschwinden. Es geht um Tempo und Nähe: Freunde, Nachrichten, soziale Medien, Blogs, lockere Dialoge.
Wichtig: i-nuki und ra-nuki sind verwandt im Namen, aber nicht dasselbe Phänomen. Das eine betrifft vor allem Verlaufs- und Hilfsformen mit 〜ている; das andere die Möglichkeitsform von ichidan-Verben mit 〜られる.
I nuki kotoba [い抜き言葉]
Beim i nuki kotoba fällt das い aus Formen wie 〜ている / 〜でいる und verwandten Wendungen. In der Praxis wird daraus oft:
- 「ている」→「てる」
- 「でいる」→「でる」
- 「しています」→「してます」
- 「していました」→「してました」
- 「きている」→「きてる」
- 「いられなかった」→「られなかった」 (in sehr lockerer Rede)
Kurz gesagt: teiru wird zu teru, deiru zu deru. In Chats und Anime begegnet dir das ständig – und es klingt für Muttersprachler in der Umgangssprache völlig normal. In formellen Briefen, Bewerbungen oder Prüfungsaufsätzen bleibt die volle Form sicherer.
Wenn du Verbformen systematisch übst, hilft auch der Überblick über Wörterbuchform und Masu-Form: Die nuki-Varianten bauen darauf auf, ersetzen aber keine saubere Grundgrammatik.
Ra nuki kotoba [ら抜き言葉]
Beim ra nuki kotoba fällt das ら aus der Möglichkeitsform von ichidan-Verben. Statt 〜られる hört man 〜れる:
- 「食べられる」→「食べれる」
- 「喋られる」→「喋れる」
- 「教えられる」→「教えれる」
- 「見られる」→「見れる」
- 「来られる」→「来れる」
Der Hintergrund ist praktisch: Bei godan-Verben gibt es schon lange eigene Möglichkeitsformen wie 読める oder 書ける, die sich von Passiv/Respekt abheben. Bei ichidan-Verben deckt die Standardform 見られる oft sowohl Möglichkeit als auch Passiv/Respekt ab – und im Alltag drängt sich die kürzere 見れる-Form als reine Möglichkeit auf.
Genau deshalb ist ra-nuki umstrittener als i-nuki. In der Umgangssprache ist es weit verbreitet; in der gehobenen Gemeinsprache und in Zeitungen gilt die volle Form weiterhin als die sichere Wahl. Die Kultusbehörde (Bunka-chō) hat ら抜き言葉 ausdrücklich als Phänomen der gesprochenen Sprache beschrieben und die volle Form in formellen Kontexten bevorzugt.
Ganze Sätze, die im Alltag kürzer werden
Oft fällt nicht nur ein Laut – auch Partikeln und Füllwörter rutschen raus. Unten steht jeweils die vollständige, formellere Variante und die lockere Alltagsversion.
1. Jemand telefoniert gerade mit einem Freund.
今、友達と電話をしています。 Ima, tomodachi to denwa o shite imasu.
Wird zu
友達と電話してます。 Tomodachi to denwa shitemasu.
2. Vorhin hat jemand ferngesehen.
さっきはテレビを見ていました。 Sakki wa terebi o mite imashita.
Wird zu
さっきテレビ見てました。 Sakki terebi mitemashita.
In beiden Fällen siehst du i-nuki (してます, 見てました) und zusätzlich den Verzicht auf を bzw. die leichtere Themenmarkierung. Wer Partikeln noch unsicher findet, kann parallel die Seite zu へ, に und で lesen – im echten Gespräch verschwinden sie oft genau dann, wenn der Kontext ohnehin klar ist.
Wann du nuki-Formen nutzen solltest – und wann nicht
I-nuki ist in Chats, unter Freunden und in lockeren Dialogen der Normalfall. Wer konsequent nur している sagt, klingt oft steif, obwohl es grammatisch korrekt ist.
Ra-nuki hörst du ebenfalls oft, aber die Reaktionen sind gemischter: Manche finden es natürlich und klarer (Möglichkeit vs. Passiv), andere empfinden es als „falsch“ oder unreif – vor allem in formellen Texten, Nachrichten und Schule. Für Lernende gilt eine einfache Faustregel: verstehen und erkennen ja; in formellen Aufgaben und seriösem Schreiben die volle Form 〜られる behalten.
Kurz: Nuki-Formen machen dein Japanisch alltagstauglich. Die Kunst liegt nicht darin, sie überall einzusetzen, sondern zu hören, wann Muttersprachler sie wählen – und wann sie bewusst die lange Form lassen.
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