Unko: die ungewöhnliche japanische Kultur rund ums Klo

Goldkacke, Toiletten-Gott und Kacke-Museum: Japans überraschend vielschichtiger Umgang mit dem ganz normalen Mist

Wusstest du, dass die Japanerinnen und Japaner eine ziemlich ausgeprägte Faszination für Badezimmer haben? In der Populärkultur tauchen Animes rund um Kacke auf, eigene Toiletten-Gottheiten, eine „goldene Kacke" als Glücksbringer und sogar ein Gebäude in Tokio, das aussieht wie ein vergessenes Werk auf dem stillen Örtchen. In diesem Artikel machen wir eine kleine Rundreise durch die Unko-Kultur – also durch das, was die Japanerinnen und Japaner mit dem ganz normalen menschlichen Mist anstellen.

Das japanische Wort für Kot, Kacke oder Scheiße lautet unko [うんこ] und wird im Alltag auch für „Mist", „Dreck" oder „Müll" benutzt. Klingt banal, ist es aber nicht: Unko taucht in Japan erstaunlich oft in Kunst, Werbung, Architektur und Spielzeug auf – und das mit vollem Ernst und einem verschmitzten Lächeln.

Unko – Kot in Japan

Das japanische Wort für Kot heißt unko, weil un [うん] das kleine Geräusch ist, das man beim Drücken macht – so eine Art „Uff!" auf Japanisch. Das ko [子] ist ein Diminutiv, also eine Verkleinerungsform, die das Wortchen niedlicher und verspielter klingen lässt. Ein anderes gebräuchliches Wort für Kot ist daiben [大便], was wörtlich „großer Reis" bedeutet – eine schöne Art, das Thema zu umschreiben.

Im Deutschen sagen wir „Mist", wenn wir über etwas Schlechtes reden. Im Japanischen gibt es dafür das Wort kuso [糞] – das klingt zwar ähnlich wie unser Schimpfwort, wird im Alltag aber selten wörtlich benutzt. Das Verb für „sich entleeren" lautet kusomaru [糞放る], und ja, es klingt lustig, ist es auch.

Übrigens: In Japan wird Kot gerne als Spirale dargestellt. Der Grund ist simpel – viele Toiletten sind als hockbare Moped-Tank-Modelle gebaut, also mit einem Loch im Boden. Die Form, die dabei rauskommt, sieht halt aus wie eine kleine Schnecke. Sagt man halt so.

Es gibt ein Unternehmen namens UNCO, das ursprünglich hochwertige Kleidung herstellte, irgendwann aber auf die schiefe Bahn geriet – nämlich auf die der Kacke. Heute findest du dort T-Shirts, Socken, Sneakers mit Kacke-Logo und kleine Stoff-Kacktierchen. Klingt nach Nischenmarkt? Ist es auch – und es funktioniert prächtig.

Was hältst du von Plüschtieren im Scheiße-Emoji-Look? Oder davon, Curry aus einer Schüssel zu essen, die wie eine Toilette aussieht? Das sind die kleinen Absurditäten, die du in Japan tatsächlich im Laden findest.

Bunter Kacke-Emoji-Plüsch liegt neben einer pinken Toilettenschüssel, die mit Curry und Reis gefüllt ist

Wie wäre es also damit, in einer Toilette zu essen oder eine Kacke zu umarmen?

Kin no Unko – die goldene Kacke

In Japan gibt es die „Glücks-Kacke", besser bekannt als kin no unko [金のうんこ], also „goldener Kot". Diese goldene Kacke wurde in den 2000er-Jahren zu einem regelrechten Symbol – und das aus einem einfachen sprachlichen Zufall: Das „un" am Anfang von unko klingt exakt gleich wie das „un" im Wort für Glück [運]. Ein Wortspiel, das einen ganzen Markt geschaffen hat.

So beliebt war die Goldscheiße, dass im Jahr 2006 rund 2,7 Millionen Handy-Schlüsselanhänger mit goldenem Kacke-Motiv verkauft wurden. Eines der Hauptunternehmen dahinter war Ryūkōdō aus Kyōto. Firmenchef Koji Fujii hatte die Idee Ende 1999, mitten in der japanischen Wirtschaftskrise, als die Stimmung im Land am Boden lag. Er wollte ein billiges Produkt anbieten, das den Leuten ein kleines Lächeln ins Gesicht zaubert. Und was eignet sich dafür besser als eine lächelnde Kacke aus Porzellan?

Einige dieser kin no unko sind aus echtem Porzellan und mit echtem 24-Karat-Gold überzogen. Ein kleiner Schlüsselanhänger ist schon ab 105 Yen zu haben, eine ausgewachsene Kacke auf rotem Seidenkissen kostet ab 2.100 Yen. Das ist weniger, als man für ein Mittagessen in Tokio bezahlt – und macht offenbar deutlich mehr her.

Den endgültigen Durchbruch schafften die Produkte im Jahr 2000, als japanische Schülerinnen auf Schulausflügen damit anfingen, die kleinen goldenen Kacke-Anhänger als Souvenirs zu kaufen. Die Kinder machten den kin no unko zum Schulhof-Trend – und lösten damit einen landesweiten Boom aus, der wochenlang durch die Medien ging.

Übrigens: In "The Legend of Zelda: Breath of the Wild" findest du einen Gegenstand namens Hestus Geschenk, der verblüffend nach einem kin no unko aussieht. Ob das ein bewusst gesetztes Easter-Egg der Spieleentwickler ist, ist nicht bestätigt – auffällig ist die Ähnlichkeit aber allemal. Man muss dafür übrigens alle Korok-Samen sammeln, was eine kleine Lebensaufgabe für sich ist.

Es wird übrigens oft spekuliert, dass das allgegenwärtige, rätselhaft lächelnde Kacke-Emoji 💩, das 2014 Einzug in unsere Smartphones hielt und auf der ganzen Welt ständig benutzt wird, von den Japanerinnen und Japanern liebevoll unchi [うんち] genannt wird. Das ist eine schöne Erklärung – auch wenn der genaue Ursprung des Emojis bei Unicode in den USA liegt.

Mehrere goldfarbene Kacke-Schlüsselanhänger mit kleinen Gesichtern auf einem Tisch, das meistverkaufte Glücksbringer-Souvenir Japans

Na komm, willst du nicht auch ein kin no unko mit nach Hause nehmen?

Asahi Beer Hall – das Kacke-Gebäude

In Sumida, im Osten Tokios, steht ein auffälliges Gebäude namens Asahi Beer Hall, das im Volksmund auch schlicht Flamme oder unko-biru [うんこビル], also „Kacke-Gebäude", genannt wird. Den Spitznamen trägt es, weil einer der Türme mit seiner goldenen Krone stark an einen Kackehaufen erinnert. Geschmackssache.

Natürlich war das nie der eigentliche Zweck des Gebäudes – Asahi ist schließlich eine der bekanntesten Brauereien Japans. Der Entwurf stammt vom französischen Designer Philippe Starck und wurde 1989 fertiggestellt. Die Form des Bauwerks ist eigentlich ein überdimensionales Bierglas, das als Kontrast zum benachbarten Gebäude gedacht ist, das die Asahi-Büros beherbergt und an einen goldenen Bierkrug erinnert. Es gilt heute als eines der markantesten modernen Wahrzeichen Tokios.

Die goldene Struktur auf dem Dach des Asahi-Gebäudes soll das brennende Herz des Asahi-Bieres und gleichzeitig einen schaumigen Kronendeckel darstellen. Die goldene Flamme wiegt stolze 360 Tonnen und wurde mit Methoden des Unterwasserbaus montiert – ja, das Teil ist wirklich beeindruckende Ingenieurskunst, auch wenn es die meisten Einheimischen an etwas anderes erinnert.

Goldene Kacke-Figur mit lächelndem Gesicht auf rotem Seidenkissen, klassischer Glücksbringer aus Kyoto

Der Gott der Toiletten

Im Shintō gibt es mehr Gottheiten, als man zählen kann, und sie wohnen buchstäblich überall – auch im Badezimmer. Der Kot blieb dabei selbstverständlich nicht außen vor. Es gibt einige japanische Gottheiten, die eine enge Verbindung zu Toilette und Badezimmer haben.

Bis vor nicht allzu langer Zeit war es in Japan üblich, kleine Götterfiguren zu verehren, die man unter dem Namen benjo-gami [便所神] – „Badezimmer-Gottheiten" – zusammenfasst. Dafür wurden religiöse Figuren im Badezimmer aufgestellt oder unter dem Toilettenboden vergraben. Das klingt kurios, war aber ein ganz normaler Teil des religiösen Alltags.

In früheren Zeiten sammelten japanische Bauernhöfe menschliche Fäkalien, um sie als Dünger auf den Feldern zu verwenden. Aus diesem täglichen Kontakt mit dem menschlichen Mist entstand der lokale Glaube an den Badezimmer-Gott, bekannt als kawaya kami [厠神] – also wörtlich „Gottheit der Latrine".

Aufgrund dieser landwirtschaftlichen Funktion spielte kawaya kami eine wichtige Rolle bei der Förderung der Fruchtbarkeit. Jedes Jahr zu Neujahr wurden kleine Rituale durchgeführt, bei denen man den Gott um eine gute Ernte im kommenden Jahr bat. Beim Ritual aß man Reis, der symbolisch für etwas Großes stand, das der Gott „hinterlassen" hatte – ob es sich dabei um Kot handelte, darüber wird in der Forschungsliteratur bis heute trefflich spekuliert.

Beim Neujahrsritual wurde das Badezimmer oft extra geschmückt und blitzsauber gehalten. Vielleicht ist diese alte Tradition tatsächlich einer der Gründe, warum japanische Badezimmer bis heute einen geradezu legendären Ruf genießen, was Sauberkeit und Komfort angeht.

Es gibt im japanischen Volksglauben übrigens auch allerlei Badezimmer-Geister wie Hanako-san und Aka-Manto – Geschichten, die an die westliche Vorstellung von „der Blondine im Spiegel" erinnern und bei denen man ein kleines Ritual dreimal wiederholen muss. Wann hören die japanischen Absonderlichkeiten eigentlich auf? Vermutlich nie.

Illustration der japanischen Geistergestalt Aka-Manto, einem Jungen mit rotem Mantel, der in Schulbadezimmern spukt

Aka-Manto und Hanako-san – zwei Bewohner des japanischen Badezimmers, mit denen du besser kein Treffen im Dunkeln haben willst.

Unko für Kinder

Kanji zu lernen ist für jeden eine Herausforderung – erst recht für kleine Kinder. Um die Monotonie beim Pauken von mehr als 1.000 Kanji-Zeichen aufzulockern, hat Japan einen ganz besonderen Lehrer erfunden: Professor Unko, einen ungepflegt-sympathischen Schnurrbartträger mit Kacke-Emoji-Optik.

Dieser kauzige Lehrmeister war ein solcher Erfolg, dass seine Bücher bis heute mehr als 1,83 Millionen Mal verkauft wurden. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ein Buch über Scheiße Kinder dazu bringt, Japanisch zu lernen? In Japan offensichtlich niemanden, der nicht damit gerechnet hat.

Als ob das nicht genug wäre, gibt es auch noch einen Anime namens Unko-san, der 2009 veröffentlicht wurde. Der Anime erzählt die Geschichte einer Fee, die Glück bringen kann – mit dem kleinen Haken, dass die Fee selbst eine Kacke ist. Alle Charaktere sind Kacke, und sogar die Insel, auf der sie leben, hat die Form eines Kackehaufens. Pädagogisch wertvoll in einem sehr japanischen Sinne.

Schild mit der Aufschrift Unko-san vor einer hellen, cartoonhaften Landschaft, Werbung für den Kacke-Anime

Willkommen in der Welt von Unko-san, in der buchstäblich alles aus Kacke besteht – und das mit vollem Ernst.

Museen für Scheiße in Japan

Wir reden hier nicht im übertragenen Sinne von „Mist", sondern wirklich wörtlich von Scheiße. Im Himeji-Literaturmuseum in der Präfektur Hyōgo gibt es eine Dauerausstellung, die sich um ungewöhnliche Literatur dreht – darunter eine kleine, aber feine Sektion mit dem Titel „Exkrement-Literatur", in der Bücher rund um das Thema Kot gesammelt werden.

Und dann gibt es da noch das Unko-Museum, das mittlerweile dauerhaft in Tokio und Yokohama zu Hause ist. Das Museum war ursprünglich als temporäre Pop-up-Installation gedacht, wurde aber so gut angenommen, dass es sich zu einer festen Attraktion im Vergnügungsviertel Odaiba entwickelt hat. Ein bunter, quietschvergnügter Ort voller Kacke-Installationen, der laut Betreiberangaben rund 100.000 Besucherinnen und Besucher pro Monat anzieht.

In diesem Museum hat wirklich alles die Form von Kot oder einer Toilette: Ballons, Speisen, Spielstationen mit Kacke-Motiven und viele farbenfrohe, skurrile Installationen zum Anfassen und Fotografieren. Wenn du in Japan bist und auf skurrile Pop-up-Museen stehst, ist das Unko-Museum definitiv einen Besuch wert.

Bunte Installation im Unko-Museum in Odaiba mit überdimensionierten Toiletten und Kacke-Figuren als Fotomotiv

Das waren die wohl ungewöhnlichsten Höhepunkte der japanischen Kot-Kultur. Welche der genannten Kuriositäten hat dich am meisten überrascht – die goldene Kacke, der Toiletten-Gott, der Professor-Unko-Lehrbestseller oder das ganze Unko-Museum? Und falls du selbst schon einmal in Japan warst: Ist dir dort ein Kacke-Souvenir, ein Kacke-Anime oder ein Kacke-Museum begegnet, das wir hier unbedingt noch hätten erwähnen sollen?

Ein kurzer Video-Rundgang durch das Unko-Museum in Yokohama.
Kevin Henrique

Über den Autor: Kevin Henrique

Spezialist mit mehr als 10 Jahren Erfahrung in asiatischer Kultur, mit Fokus auf Japan, Korea, Anime und Spiele. Autodidakt, Autor und Reisender, der Japanisch, Reisetipps und tiefgehende Kuriositäten vermittelt.

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