Warum tragen viele Japaner keinen Bart?

Warum tragen viele Japaner keinen Bart?

Vom Samurai-Ideal über die Rasurpflicht im Büro bis zum Bart als Modezeichen: eine alte Regel bröckelt.

In Japan sieht man viele glatt rasierte Männer. In Werbung, an Bahnhöfen und in Büros wirkt das oft wie selbstverständlich. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum viele Japaner keinen Bart tragen? Liegt es daran, dass bei ihnen weniger Haare wachsen? Oder halten sie einen Bart für unhygienisch?

Die kurze Antwort: Weder Genetik noch Hygiene erklären das allein. Der Bart hat in Japan eine wechselhafte Geschichte. Mal galt er als Zeichen von Stärke, mal als Zeichen von Ungepflegtheit. Heute entscheiden Beruf, Generation und Umfeld darüber, ob ein Mann ihn trägt.

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Hige: ein Wort, zwei Bedeutungen

In Japan heißt Gesichtsbehaarung allgemein hige [髭]. Das Wort deckt den Schnurrbart ebenso ab wie den Vollbart. Wer genauer sein will, nennt die Stelle: kuchihige für den Oberlippenbart, agohige für den Kinnbart, hōhige für die Wangen. Die Schrift unterscheidet diese Formen mit eigenen Zeichen; die gesprochene Sprache tut das oft nicht.

Ein Zufall der Aussprache fällt auf: hige [卑下] bedeutet auch Selbstabwertung. Daraus lässt sich keine Abneigung der japanischen Sprache gegen Bärte ableiten. Es ist ein Homophon, also ein Wort, das gleich klingt und etwas anderes meint. Im Alltag ist die Doppelbedeutung selten ein Thema. Sie zeigt aber, wie viele Bedeutungen ein kurzes Wort tragen kann.

Ein älterer Mann mit weißem Bart in traditioneller japanischer Kleidung zerschneidet mit einem Schwert einen Apfel

Vom Samurai zum Angestellten: eine Geschichte der Rasur

Im Mittelalter und in der frühen Edo-Zeit gehörte ein Bart für Samurai zum guten Ton. Ein Mann ohne Bart galt als wenig wehrhaft. Wer nur spärlichen Wuchs hatte, half nach: Es gab künstliche Bärte, sogenannte tsukehige, die mit einem Band hinter den Ohren befestigt wurden. Auch Toyotomi Hideyoshi soll bei einem Feldzug einen solchen Bart getragen haben.

Das änderte sich, als das Land befriedet war. In der Edo-Zeit wurde der kriegerische Habitus zum Problem für das Shogunat. Wer einen Bart trug, wirkte wie ein Mann, der am alten Kriegerideal festhielt. 1670 erließ die Regierung unter Tokugawa Ietsuna ein Verbot, das als Ōhige Kinshirei bekannt ist. Nur ältere Männer durften ihren Bart behalten. 1686 folgte ein zweites Verbot. In der Folge setzte sich der glatt rasierte Look durch. Zugleich wurde der Chonmage zur Norm: abrasierter Vorderkopf, Haarknoten am Hinterkopf.

Ein Bart wurde damit zum Zeichen für etwas anderes. Er stand für Trauer oder einen niedrigen Rang. Wer um einen Angehörigen trauerte, durfte ihn zeitweise wachsen lassen. Im Alltag aber galt: Ein gepflegtes Gesicht war bartlos. Diese Regel hielt sich über Jahrhunderte und prägte das Bild, das Japaner von einem ordentlichen Mann hatten.

Darsteller in historischen Edo-Kostümen stehen in einer nachgebauten Straße im Freilichtpark Edo Wonderland

Meiji: Der Bart kehrt zurück

Mit der Meiji-Restauration 1868 verlor die Samurai-Klasse ihre politische Macht. Japan öffnete sich dem Westen, und mit den neuen Vorbildern kam auch der Bart zurück. Junge Beamte trugen zunächst einen Schnurrbart, später folgten Lehrer, Wissenschaftler und Offiziere. Der Bart galt nun als Zeichen von Bildung und Weltläufigkeit.

Der Kaiser machte den Wandel sichtbar: 1873 ließ Meiji sich den Haarknoten abschneiden und zeigte sich in westlicher Kleidung mit Bart. Für seine Untertanen war das ein starkes Signal: Wer zur modernen Elite gehören wollte, trug Bart. In dieser Zeit entstanden auch die langen, sorgfältig gepflegten Bärte, die man auf alten Fotografien von Politikern und Generälen sieht. Der General Nagaoka Gaishi war für seinen sogenannten Propellerbart bekannt, der rund 70 Zentimeter lang geworden sein soll.

Der Trend hielt nicht an. Mit dem Aufstieg des Büroangestellten im 20. Jahrhundert wurde der glatt rasierte Mann wieder zur Norm. Der Rasierhobel, den King Camp Gillette 1901 patentieren ließ, machte die tägliche Rasur billiger. Im Ersten Weltkrieg gewöhnten sich amerikanische Soldaten das Rasieren an, und nach 1945 setzte sich der saubere Look in Japans Wirtschaftswunderzeit durch. Eine Untersuchung der Stadt Tokio zählte 1973 nur noch fünf Prozent Männer mit Bart.

Ainu, Genetik und die Grenzen der Erklärung

Wer einen dichten Bart trägt, ist in Japan nicht automatisch ein Nachkomme der Ainu. Diese Gleichsetzung hält sich, ist aber falsch. Die Ainu sind die indigene Bevölkerung im Norden Japans, besonders auf Hokkaidō. Alte Ainu-Männer trugen traditionell wallende Vollbärte, und ein Bart galt als Zeichen von Würde. Frauen trugen ein Tattoo um den Mund, das ebenfalls als Ainu-Bart bezeichnet wird.

Die japanische Mehrheitsgesellschaft grenzte sich lange über den Bartwuchs ab. In der Edo-Zeit galt ein bartloses Gesicht als Zeichen von Zivilisation, ein Bart als Zeichen von Wildheit. Das traf die Ainu und später auch Europäer und Amerikaner. Für sie entstand das abwertende Wort ketō [毛唐], das auf den als wild empfundenen Haarwuchs anspielte. Der Begriff ist heute veraltet. Seine Geschichte zeigt aber, wie eng Bart und Fremdzuschreibung verbunden waren.

Genetik erklärt nur einen Teil. Die Bartdichte ist von Mann zu Mann sehr unterschiedlich. Sie allein erklärt keine kulturelle Regel. Fest steht: Ein Bart sagt weder etwas über eine Ainu-Abstammung noch über die soziale Schicht aus. Die alten Bilder wirken nach, weil sie über Generationen weitergegeben wurden.

Was Unternehmen heute vorschreiben

Ein landesweites Bartverbot gibt es in Japan nicht. Die Regeln kommen aus den Betrieben: Viele Unternehmen und öffentliche Einrichtungen schreiben in ihren Dienstanweisungen ein gepflegtes, oft glatt rasiertes Gesicht vor, besonders in Berufen mit Kundenkontakt. Wer sich nicht daran hält, riskiert eine Rüge oder eine schlechtere Beurteilung.

Ganz frei sind die Unternehmen dabei nicht. Gerichte haben entschieden, dass eine schlechtere Bewertung wegen eines Bartes ohne entsprechende Regel eine Menschenrechtsverletzung sein kann. 2008 wurde dem damaligen Postunternehmen empfohlen, einen Mitarbeiter nicht wegen seines Bartes herabzustufen. 2010 bestätigte das Bezirksgericht Osaka eine Entschädigung. In einer Umfrage des Gewerkschaftsbunds Rengō aus dem Jahr 2019 gaben 571 von 1.000 Beschäftigten an, es gebe in ihrem Betrieb Regeln zum Erscheinungsbild. Viele davon betrafen Bärte, und 111 Befragte sagten, Verstöße würden bestraft.

Die Praxis ist uneinheitlich. In der Mode und in der Unterhaltung ist ein gepflegter Bart längst sichtbar. In konservativen Branchen und im direkten Kundenkontakt gilt er weiterhin als heikel. Entscheidend ist oft weniger die Haarlänge als der Eindruck von Sauberkeit. Ein Dreitagebart kann akzeptiert sein, ein ungepflegter Vollbart eher nicht.

Bärte in der Öffentlichkeit

Prominente zeigen, dass der Bart längst kein Nischenphänomen ist. Der Regisseur Hayao Miyazaki, der Spieleentwickler Hideo Kojima und der Künstler Takashi Murakami tragen auffällige Bärte. Auch der Schauspieler Takayuki Yamada und der Journalist Jumpei Yasuda sind mit Bart bekannt. Das Bild unten zeigt einige dieser Gesichter, dazu ein Komiker im Matrosenkleid und zwei Frauen mit künstlichen Bärten.

Collage verschiedener Bartträger in Japan, darunter Hideo Kojima, Takashi Murakami und Hayao Miyazaki

Für junge Angestellte bleibt der glatt rasierte Look trotzdem die sichere Wahl. Ein Bart fällt auf und wird als Aussage gelesen. Das hängt auch mit dem Ideal der männlichen Schönheit in Japan zusammen, das lange vom gepflegten, bartlosen Gesicht ausging. In kreativen Berufen und in der Unterhaltung ist er sichtbarer als in konservativen Büros. Die Regel hat sich gelockert.

Der Bart ist in Japan damit weniger eine Frage der Genetik als eine Frage des Umfelds. In einem konservativen Büro kann er noch immer anstoßen; in einem kreativen Beruf gilt er als selbstverständlich. Die alte Regel gilt weiter, doch sie verliert an Kraft.

Wie nehmen Sie das wahr?

Quellen und nützliche Links

Über den Autor

Kevin Henrique

Spezialist mit mehr als 10 Jahren Erfahrung in asiatischer Kultur, mit Fokus auf Japan, Korea, Anime und Spiele. Autodidakt, Autor und Reisender, der Japanisch, Reisetipps und tiefgehende Kuriositäten vermittelt.

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