Gaijin oder Gaikokujin: Ist das japanische Wort für Ausländer rassistisch?

Gaijin oder Gaikokujin: Ist das japanische Wort für Ausländer rassistisch?

Ein Wort, zwei Bedeutungen, drei Jahrhunderte: was gaijin wirklich bedeutet und warum die Debatte nicht endet.

Etwas, das unter den Ausländern, die in Japan leben, ziemlich diskutiert wird, ist der Begriff gaijin [外人]. Er bedeutet Ausländer, klingt aber alles andere als neutral, und die Debatte darum ist so alt wie die Sprache selbst. In diesem Artikel möchte ich das Wort gründlich untersuchen: woher es kommt, wie die Japaner es verwenden und warum es bis heute für Streit sorgt.

Die drei Kanji führen dabei in die Irre. Das Ideogramm [外] bedeutet außen, außerhalb, das Ideogramm [国] steht für Land, Region und Staat, und [人] bezieht sich auf Menschen. Aus [外] und [人] allein entsteht 外人, gaijin. Obwohl das Wort heute vor allem als Kurzform von gaikokujin [外国人] benutzt wird, ist es historisch gesehen keineswegs eine Abkürzung: Der Begriff stammt aus dem Chinesischen, wo 外人 (wàirén) Auswärtige und Außenstehende bezeichnet, und ist bereits in Texten der Heian-Zeit belegt. Damals stand er für Menschen, die nicht zur Familie oder zur Dorfgemeinschaft gehörten, die fremd waren und gelegentlich sogar als Bedrohung empfunden wurden. Das Wort ist älter als die Landesgrenze, die es heute beschreibt.

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Warum sorgt das Wort gaijin für so viel Diskussion?

Schlägt man die Bedeutungen von gaikokujin [外国人] auf Seiten wie jisho nach, findet man: Ausländer, ausländischer Staatsangehöriger, Person außerhalb des Landes und sogar Alien. Und Alien? Das englische Wort meint nicht nur Außerirdische. Wörtlich betrachtet sind Außerirdische von außerhalb des Landes, von außerhalb der Erde, von außerhalb der Galaxie. Auch gaijin [外人] trägt also eine Bedeutung jenseits von Ausländer: Auf jisho.org erscheint zusätzlich das englische outsider. Fremder, Außenstehender, Laie und in alten Bedeutungen auch profan. Das Wörterbuch vermerkt allerdings, dass es sich dabei um eine archaische Bedeutung handelt, die heute kaum noch gebraucht wird.

Die japanische Sprache kennt viele Synonyme für dasselbe, aber auch Wörter mit mehreren Bedeutungen. Ein Beispiel aus meinem Alltag: Ich habe mich selbst einmal geirrt, als eine Japanerin das Wort yasumi [休み] benutzte, das ebenfalls nur einen freien Tag oder eine Nacht Schlaf bezeichnen kann. Solche Doppeldeutigkeiten sind in Japan Alltag, und wer sie nicht kennt, gerät leicht in die Irre.

Wie kann das Weglassen des Zeichens [国] so viel Streit auslösen? Es gibt zahlreiche Ausdrücke und Wörter, die in formellen Gesprächen, in Zeitschriften, im Fernsehen und in den Medien die Kurzform gaijin [外人] verwenden. Selbst wenn über ausländische Athleten gesprochen wird, hört man gaijinsenshu [外人選手]. Die Kürzung selbst ist also nicht verboten: Sie steht auf den Listen der Begriffe, die von den Sendern vermieden werden sollen, weil sie als abwertend empfunden werden kann. Die neutrale Alternative, die in Medien und Behörden Standard ist, lautet 外国人, gaikokujin.

Brasilianische Gäste bei einem Treffen in Japan

Enttäuschte Nachkommen, weil sie keine Japaner sind

Ein weiterer großer Grund für Streit und Ablehnung liegt in der Gemeinschaft der Nachkommen japanischer Einwanderer, die in Japan leben. Wer dort geboren wurde und selbst japanische Eltern hat, gilt oft als gaijin, selbst wenn er japanisch aussieht und in Japan aufgewachsen ist. Auch ein Japaner, der im Ausland geboren und außerhalb der japanischen Kulturmuster erzogen wurde, kann als gaijin bezeichnet werden. Umgekehrt kann jemand, der vollständig in Sprache und Kultur der japanischen Gesellschaft aufgeht, den Begriff vermeiden.

Dasselbe Muster kenne ich aus Brasilien: Dort werden Menschen, deren Familien keine Verbindung zu Japan haben, häufig Asiaten oder Japaner genannt und mit Chinesen oder Koreanern verwechselt. In Brasilien wie in Japan passiert das mit Menschen gemischter Herkunft, und in beiden Fällen steckt keine böse Absicht dahinter, sondern Bequemlichkeit und fehlende Genauigkeit.

Erwähnenswert ist auch ein Wortspiel, das in Japan kursiert: Ersetzt man das Zeichen [外] (außen) durch [害] (Schaden, Nachteil), erhält man 害人, kigaijin. Dieser Ausdruck taucht in japanischen Online-Diskussionen auf, spätestens seit 2023, und wird in japanischen Wörterbüchern als abwertender Netzslang für einen lästigen Ausländer geführt. Der Unterschied zu 外人 ist nur ein Zeichen, aber es verändert die Aussage: Aus jemand von außen wird jemand, der Schaden bringt.

Und noch ein Hinweis: Mischlinge werden in Japan ha-fu [ハーフ] genannt, nach dem englischen half. In Brasilien sagt man im Übrigen hafu mit doppeltem f, weil das einfache f im Japanischen gar nicht existiert.

Brasilianischer Taxifahrer in Japan

Wörter im Zusammenhang mit Ausländer [gaikokujin]

Vor der Meiji-Ära gab es mehrere Bezeichnungen, und keine davon war freundlich gemeint. Für Europäer verwendete man ab dem 16. Jahrhundert 南蛮人 (nambanjin, Südbarbaren) und 紅毛人 (kōmōjin, Rotschöpfe). In der Spät-Edo-Zeit lösten sie 異人 (ijin, ein anderer, fremdartiger Mensch), 異邦人 (ihōjin, Mensch aus einem anderen Land) und 異国人 (ikokujin, Fremder aus einem fremden Land) ab, denn das Zeichen 異 steht für fremd, anders, ungewöhnlich und unregelmäßig. Eine Sonderstellung nimmt 内国人 (naikokujin, Inländer) ein: Die japanische Regierung bezeichnete damit die nichtjapanischen Bevölkerungsgruppen in ihren rasch wachsenden Kolonien, etwa Taiwan und Korea unter japanischer Herrschaft. Das zeigt, wie eng das Wort über den Alltagsgebrauch hinaus mit Ausschlusspolitik verbunden war. Diese Begriffe verschwanden nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem allgemeinen Sprachgebrauch, während sich ab den 1860er-Jahren die Form gaikokujin durchsetzte, die nach 1872 von der Meiji-Regierung in offiziellen Dokumenten verwendet wurde.

Wer in Japan lange gelebt hat, kennt noch ein anderes Wort: die Ausländerkarte, 外国人登録証 (gaikokujin tōrokushō), die bis 2012 jeder ausländische Staatsangehörige mitführen musste und die im Englischen als Alien Registration Card bekannt war. Zum 9. Juli 2012 wurde das Fremdenregistrierungssystem abgeschafft. Seitdem gibt es die 在留カード (zairyū kādo, Aufenthaltskarte) für mittel- und langfristig Aufenthaltsberechtigte und die 特別永住者証明書 für Sonderpermanentresidenten. Der alte Ausweis ist damit aus dem Alltag verschwunden, das Wort 外国人 nicht.

Das Zeichen [胡] bedeutet wörtlich Barbar und zugleich Ausländer. Es steckt in Wörtern wie verdächtig, finster und fraglich, aber auch in völlig harmlosen Komposita wie 胡椒 (Pfeffer) und 胡瓜 (Gurke). Seine Herkunft hängt mit ethnischen Gruppen in China zusammen. Auch das Kompositum 毛唐人 wurde verwendet, um Chinesen und in übertragener Bedeutung auch Europäer zu bezeichnen. Das Problem dieses Worts liegt im Zeichen [毛], das Haar bedeutet: Die Europäer wurden wegen ihrer Bärte buchstäblich als Behaarte bezeichnet.

Eine Auswahl von Wörtern im Umfeld von gaikokujin:

DeutschJapanischRomaji
Importiert, von außen kommend外来gairai
Fremdwährung, ausländisches Geld外貨gaika
Ausländisches Land外国gaikoku
Außenminister外相gaishō
Anderes Land, fremdes Staatsgebiet他国takoku
Fremdenfeind外国人嫌悪gaikokujinken'o
Weiße Person白人hakujin
Graffiti in Japan

Warum die meisten Japaner das Wort für harmlos halten

Die meisten Japaner, besonders Jüngere, wissen nichts über die Herkunft des Worts oder über seine Geschichte. Für sie ist gaijin schlicht die Kurzform von gaikokujin, so wie poketto monsutā zu Pokémon und kokusai rengō zu kokuren verkürzt werden. Japanisch ist generell sehr gut im Abkürzen. So heißen ausländische Autos gai-sha [外車], und Ausländer heißen dann eben gaijin. Das geschieht automatisch, und für die Sprechenden ist es normal.

Problematisch wird es dort, wo das Wort personell wird. In der Grundsatzstudie 令和6年度 在留外国人に対する基礎調査 der japanischen Einwanderungsverwaltung (出入国在留管理庁) aus dem Herbst 2024 gaben 12,7 % der befragten ausländischen Staatsangehörigen an, persönlich mit Hassrede konfrontiert worden zu sein. Weitere 31,6 % hatten sie selbst miterlebt oder gehört, insgesamt also 44,3 %. Am häufigsten passierte das im Internet (65,5 %), danach bei Flugblättern im öffentlichen Raum (19,0 %) und bei Demonstrationen (18,7 %). Ende 2024 lebten 3,77 Millionen Menschen mit ausländischem Aufenthaltsstatus in Japan, ein Höchststand.

Ein Fall, der in Japan bis heute zitiert wird, ist der von Debito Arudou und seiner Familie. Der 1965 in den USA geborene japanische Staatsbürger wurde 2001 in Otaru auf Hokkaidō der Zutritt zu einem öffentlichen Thermalbad verweigert. Nachdem ein Gericht die Klage abgewiesen und ein höheres Gericht das Urteil aufgehoben hatte, entschied das Oberste Gerichtshof zu Gunsten der Kläger und verurteilte den Betreiber zur Zahlung von je einer Million Yen (rund 8.000 Euro) an die drei Kläger. Der Fall gilt als Beleg dafür, wie schnell ein Wort in eine Tat münden kann.

Genau hier liegt der Punkt, den die Debatte offen lässt: Ob ein Wort rassistisch ist, entscheidet nicht das Wörterbuch, sondern der Zusammenhang. Die Soziologin Mayumi Itoh schrieb 1995, das Wort sei für sich genommen nicht abwertend, betone aber die exklusive Haltung der japanischen Gesellschaft und habe deshalb pejorative Konnotationen angenommen, die viele Westler stören. Die Japanistin Naomi Gottlieb von der University of Queensland ergänzte, die meisten japanischen Fernsehsender meiden das Wort heute, während 外国人 der Standard in Medien und Behörden sei.

Stand der Debatte: Medien, Behörden und die Grauzone

Die offizielle Sprache ist eindeutig: Behörden und Nachrichten verwenden 外国人, und für Menschen mit ausländischem Aufenthaltsstatus hat sich der Begriff 外国人居住者 (gaikokujin kyozai sha, ausländische Wohnbürger) etabliert. Auch die Medien haben ihre Hausregeln angepasst: 外人 steht auf den Listen mit Begriffen, die der Sender nicht mehr verwenden soll, und in der Alltagssprache ist das Wort laut Enzyklopädie im Rückgang, aber nicht verschwunden.

Die Debatte verlässt aber nicht das Wörterbuch. Sie verlagert sich in Foren und Kommentarspalten, wo aus einem verkürzten Fremdwort eine Beleidigung wird, und sie hat eine Schwester in jeder Sprache: Im Japanischen spricht man von Farang, im Spanischen von Gringo, im Thailändischen von Farang und auf Māori von Pākehā. Überall lässt sich dieselbe Frage stellen, und überall wird sie anders beantwortet.

Auch die Sicht der Betroffenen hat sich in den letzten Jahren deutlicher zu Wort gemeldet. Die taiwanische Schriftstellerin Li Qin-Feng beschrieb 2020 in einem Essay, wie sie das Wort 外人 in einem Schaufenster in Takadanobaba sah, das sich an Ausländer richtete, und wie sich ihre Unbehagen anfühlte: Die Bedeutungen klingen im Chinesischen nach Außenseiter und Ausgeschlossener, obwohl die Japaner damit schlicht Ausländer meinen. Ihre Konklusion ist differenzierter als ein Verbot: Es hilft nicht, alle potenziell diskriminierenden Begriffe zu streichen, weil damit die tatsächliche Diskriminierung nicht verschwindet.

Was Sie in Japan sagen können

Für den Alltag lässt sich daraus eine einfache Regel ableiten. In formellen Situationen, in Behörden, in Medien und gegenüber Menschen, die Sie gerade kennenlernen, ist 外国人 die richtige Wahl, ebenso die Formulierung 海外の方 (Person von Übersee). In einer Runde, in der alle Japaner unter sich sind und das Wort ohne Häme fällt, hört man gaijin weiterhin, und viele Japaner benutzen es selbstbewusst über sich, zum Beispiel im Scherz über das eigene Akzent.

Vorsicht ist geboten bei Formulierungen wie baka gaijin, wo es zur Beschimpfung wird, bei der Variante 害人 und bei allem, was die Herkunft eines Menschen zum Gegenstand macht. Und wenn Sie in Japan hören, dass jemand von "Nur Japaner" spricht, ist das kein Sprachproblem, sondern ein gesellschaftliches: manche Läden weisen Ausländer ab. Wer sich mit dem Gaijin Hunter beschäftigt, liest die andere Seite derselben Debatte.

Und wer die Sache auf Deutsch diskutieren will: Die Verwandtschaft ist international. Wer im Japanischen von Farang spricht, findet im Englischen "foreigner", im Spanischen "Gringo" und im Deutschen "Ausländer" mit demselben Doppelpunkt. Man sollte sich nicht über das Wort gaijin aufregen, solange es nicht in einem abwertenden Ton fällt, nicht mit baka kombiniert wird und nicht die eigene Herkunft zum Argument macht.

Quellen und nützliche Links

Über den Autor

Kevin Henrique

Spezialist mit mehr als 10 Jahren Erfahrung in asiatischer Kultur, mit Fokus auf Japan, Korea, Anime und Spiele. Autodidakt, Autor und Reisender, der Japanisch, Reisetipps und tiefgehende Kuriositäten vermittelt.

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