Manche Menschen rühmen sich gern damit, dass das Portugiesische die einzige Sprache sei, die das Wort „Saudade" kennt. Tatsächlich liefern die meisten Übersetzungen in andere Sprachen vor allem Begriffe für Abwesenheit, Nostalgie oder das Gefühl des Vermissens. Doch „Saudade" existiert nicht nur im Portugiesischen: Das Wort stammt aus dem Lateinischen und taucht, teils mit anderer Bedeutung, in mehreren romanischen Sprachen auf.
Und nicht nur das Portugiesische hat solche Exklusivitäten. Auch das Japanische steckt voller Verben, Ausdrücke und Wörter, die sich nicht wörtlich in andere Sprachen übersetzen lassen. Für das, was Portugiesen „Saudade" nennen, gibt es im Japanischen allerdings kein einzelnes Wort.
Wenn es also kein direktes Wort gibt, um dieses Gefühl in einer anderen Sprache auszudrücken: Wie sagt man auf Japanisch, dass man jemanden vermisst? Es gibt mehrere Wege, und in diesem Artikel schauen wir uns die wichtigsten davon an.

Das Japanische ist im Umgang mit Gefühlen erstaunlich präzise. So gibt es mehrere Wege, „Ich liebe dich" zu sagen, oder auszudrücken, dass man jemanden oder etwas mag. Ähnlich verhält es sich, wenn man das Gefühl von „Saudade" oder Vermissen wiedergeben will. Häufig werden Verben miteinander kombiniert, um neue Ausdrücke zu bilden, und viele Verben tragen je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen, was anfangs durchaus verwirrend sein kann.
Was ist Saudade?
„Saudade" beschreibt ein leises, oft wehmütiges Gefühl, das entsteht, wenn jemand oder etwas fehlt: eine Person, ein Ort, eine vergangene Zeit, ein Geschmack. Wer „Saudade" empfindet, sehnt sich nicht nur nach etwas Zukünftigem, sondern blickt zugleich auf etwas zurück, das bereits vergangen ist.
Der Begriff stammt aus dem Lateinischen (solitate) und hat sich im Portugiesischen zu einem eigenständigen Wort verfestigt, das in anderen Sprachen keine wirkliche Entsprechung besitzt. Viele Sprachen behelfen sich mit Kombinationen wie „schmerzliche Sehnsucht" oder „wehmütiges Vermissen", die dem Original aber nur annähernd gerecht werden.
Interessant ist, dass das Japanische eine vergleichbare Vielfalt an Nuancen kennt, ohne dass es ein einziges Schlüsselwort dafür gibt. Stattdessen tragen verschiedene Wörter jeweils einen eigenen Schwerpunkt: Sehnsucht nach einer Person, Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit, stilles Alleinsein oder tiefes, literarisches Heimweh.
恋しい – Koishī (Sehnsucht nach einer Person)
Dieser Ausdruck steht für „Saudade", Sehnsucht und das Gefühl des Vermissens, sollte aber mit Bedacht eingesetzt werden: Das Kanji 恋 trägt die Bedeutung von Liebe und Leidenschaft. Am gebräuchlichsten ist koishī, wenn man die eigene Freundin, den Freund oder den Partner anspricht. Es kann sich aber auch auf Menschen beziehen, die man lange nicht gesehen hat, oder sogar auf Essen und Gegenstände, auch wenn es dafür treffendere Wörter gibt. Wer koishī verwendet, signalisiert fast immer eine engere, intime Beziehung.
Beispiele:
- 私は恋しい – watashi wa koishī – Ich vermisse dich (wörtlich: Ich bin sehnsüchtig);
- 私はあなたが恋しい – watashi wa anata ga koishī – Ich vermisse dich;
- あなたが恋しい – anata ga koishī – Ich vermisse dich;
- 私もあなたが恋しいです – watashi mo anata ga koishī desu – Ich vermisse dich auch;
- アメリカのピザが恋しいな〜 – amerika no piza ga koishī na – Ich vermisse amerikanische Pizza.

会いたい – Aitai (Ich will dich sehen)
Dieser Ausdruck gehört zu den häufigsten, um in Japan zu sagen, dass man jemanden vermisst. Wörtlich bedeutet er allerdings „Ich will dich treffen" oder „Ich will dich sehen". Wer aitai sagt, bringt also den Wunsch nach Begegnung zum Ausdruck, was der Bedeutung von „Saudade" sehr nahekommt.
Schreibt man ai (会) mit dem Kanji 愛, trägt es zusätzlich die Bedeutung von Liebe. Im Alltag bleibt es jedoch beim Treffenwunsch.
Im Japanischen teilen sich viele Wörter ähnliche Aussprachen oder Kanji-Bestandteile, was die Bedeutungen miteinander verknüpft. Zwischen 会いたい und 愛 gibt es allerdings keine offizielle etymologische Brücke.
- 久美子さんにすっごく会いたいよ。 – Kumiko-san ni suggoku aitai yo. – Ich will Kumiko schrecklich gern sehen / Ich vermisse Kumiko sehr. (すっごく lässt sich mit „sehr", „ungeheuer" oder „furchtbar" wiedergeben.)

寂しい – Sabishī (Einsamkeit durch Vermissen)
Das Wort sabishī bedeutet wörtlich „allein, einsam, verlassen". Japaner nutzen es jedoch häufig, um auszudrücken, dass man jemanden vermisst und sich deshalb leer fühlt. In Sätzen, die „Ich vermisse dich" wiedergeben, taucht sabishī in der Alltagssprache öfter auf als aitai.
Eine wichtige Unterscheidung: sabishī wird mit dem Kanji 淋 (淋しい) geschrieben, wenn die Einsamkeit besonders schwer wiegt. Wer lediglich sagen will, dass man jemanden vermisst, verwendet besser das Kanji 寂.
- 彼女は彼がいなくて寂しい。 – Kanojo wa kare ga inakute sabishī. – Sie vermisst ihn.
- 君がいなくて寂しいよ。 – Kimi ga inakute sabishī yo. – Ich vermisse dich / Ich habe „Saudade".
- あなたが日本を離れたら、私たちはとても寂しく思うでしょう。 – Anata ga Nihon o hanaretara, watashitachi wa totemo sabishiku omou deshō. – Wir werden dich sehr vermissen, wenn du Japan verlässt.

懐かしい – Natsukashī (Nostalgie und Erinnern)
Der Ausdruck natsukashī lässt sich mit „kostbar", „nostalgisch", „ersehnt" und „längst vergangen" umschreiben. Er wird häufig verwendet, um Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit, einer Reise oder einer vergangenen Lebensphase auszudrücken. Ebenso passt er, wenn man eine bestimmte Person vermisst, mit der einen Erinnerungen verbinden:
- この歌を聞いたら、あなたについて思って、懐かしむんだ。 – Kono uta o kiitara, anata ni tsuite omotte, natsukashimu nda. – Wenn ich dieses Lied höre, denke ich an dich und vermisse dich.
- 小学校の先生達のことが懐かしい。 – Shōgakkō no sensei-tachi no koto ga natsukashī. – Ich vermisse meine Grundschullehrer / Ich habe „Saudade" nach meinen Grundschullehrern.
Weitere Ausdrücke: Kyōshū, Shibō und mehr
Es gibt im Japanischen noch weitere Begriffe, die dem portugiesischen „Saudade" nahekommen, vor allem in gehobener Sprache und Literatur:
- 郷愁 – kyōshū: Heimweh, Sehnsucht nach der Heimat. Das Wort wird besonders in literarischen Texten verwendet, etwa wenn jemand über die Kindheit oder ein fernes Dorf spricht. Auch in Sportberichten über Heimspiele taucht es gelegentlich auf.
- 思慕 – shibō: eine zarte, fast andächtige Sehnsucht, oft nach einer verstorbenen Person oder einer unerwiderten Liebe. Shibō klingt in Alltagsgesprächen seltener an, kommt aber in Gedichten, Romanen und Biografien regelmäßig vor.
- 物思い – mono'omoi: wörtlich „Gedanken an etwas". Bezeichnet ein stilles, in sich gekehrtes Nachdenken über Vergangenes.
- 惜別 – sekibetsu: das schmerzliche Gefühl des Abschieds von jemandem, der einem wichtig ist.
Was all diese Wörter verbindet, ist ihre Präzision: Jedes beschreibt eine eigene Schattierung von Sehnsucht, intime, nostalgische, wehmütige oder stille. Wer im Japanischen „Saudade" ausdrücken will, wählt daher weniger ein Wort als vielmehr die passende Stimmung.
Kulturelle Nuancen: Welches Wort wann?
Die Wahl des passenden Ausdrucks hängt stark von der Beziehung und vom Ton ab:
- Koishī wirkt intim und wird vor allem gegenüber Partnern, engen Freunden oder der Familie verwendet. Im Büro oder gegenüber Vorgesetzten klingt es zu persönlich.
- Aitai eignet sich für Freundschaften und lockere Beziehungen. Wer einen Kollegen vermisst, drückt das eher mit aitai aus als mit koishī.
- Sabishī beschreibt die eigene Gefühlswelt. Es passt, wenn man ausdrücken will, wie sehr die Abwesenheit an einem nagt, und eignet sich auch für lyrische oder nachdenkliche Momente.
- Natsukashī bezieht sich auf Vergangenes: Orte, Zeiten, Erlebnisse. Es schwingt immer ein warmes, leicht wehmütiges Erinnern mit.
- Kyōshū und shibō gehören in formellere oder literarische Kontexte, etwa in Aufsätzen, Reden oder in der Belletristik.
Diese Feinabstimmung ist typisch für die japanische Sprache: Gefühle werden nicht in einem einzigen Wort gebündelt, sondern über Ton, Beziehung und Anlass präzise sortiert. Genau deshalb lohnt es sich, beim Ausdruck von „Saudade" nicht das vermeintlich nächstliegende Wort zu wählen, sondern das, das zur Situation passt.
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