Okunoshima - Die berühmte Kanincheninsel

Wilde Kaninchen, dunkle Kriegsgeschichte und ein Geheimnis, das jahrzehntelang verschwiegen wurde.

Stell dir eine kleine japanische Insel vor, auf der dich am Hafen sofort Dutzende Kaninchen neugierig empfangen, friedlich um deine Füße hoppeln und sich ohne Scheu füttern lassen. Genau das erwartet Besucher auf Okunoshima (大久野島), besser bekannt als Usagi Jima (ウサギ島), die Kanincheninsel. Wer zum ersten Mal dorthin reist, ist meistens überrascht, wie zahm die Tiere sind und wie tief die Insel mit der dunklen Geschichte Japans im Zweiten Weltkrieg verknüpft ist.

Okunoshima liegt in der Seto-Inlandsee, gehört verwaltungstechnisch zu Takehara in der Präfektur Hiroshima und ist nur wenige Kilometer vom Festland bei Mihara und Tadanoumi entfernt. Die Insel ist klein, gerade einmal rund vier Kilometer lang, und lässt sich bequem in einem halben bis ganzen Tag zu Fuß oder mit dem Leihfahrrad erkunden. Heute findet man dort einen Campingplatz, einen Golfplatz, ein Resort-Hotel, Wanderwege, Aussichtspunkte, einen Badestrand und das kleine Poison Gas Museum, das an die unrühmliche Vergangenheit der Insel erinnert.

Kaninchen auf der Insel Okunoshima
Am Hafen von Okunoshima warten die ersten Kaninchen schon auf Besucher.
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Die Kaninchen von Okunoshima

Die heutige Kaninchenpopulation von Okunoshima geht auf Tiere zurück, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf der Insel freigelassen wurden. Lange hieß es in Reiseführern und vor Ort, die aktuellen Tiere stammten noch von Versuchstieren ab, die man in den 1920er- und 1930er-Jahren für Tests mit chemischen Waffen gehalten hatte. Inzwischen geht die offizielle Lesart der Präfektur Hiroshima jedoch davon aus, dass diese ursprünglichen Tiere nach der Aufgabe der Anlage eingeschläfert wurden und die heutigen Kaninchen auf eine kleinere Gruppe zurückgehen, die in den 1950er- und 1960er-Jahren von Schulen und Privatpersonen ausgesetzt wurde.

Wirklich aufklären lässt sich diese Frage nicht mehr, und genau dieses halbe Geheimnis macht den Besuch für viele Japan-Reisende erst so spannend. Was man hingegen mit eigenen Augen sieht: Auf der Insel leben schätzungsweise mehrere Hundert wilde Kaninchen, die sich an den Menschen gewöhnt haben und Futter aus der Hand annehmen. Um die Tiere und die sensible Pflanzenwelt zu schützen, sind auf der Insel deshalb klare Regeln zu beachten. Hunde, Katzen und andere Raubtiere dürfen nicht mitgebracht werden, das Jagen, Fangen oder Festhalten der Kaninchen ist streng verboten, und auch das Füttern mit mitgebrachtem Brot, Gemüse oder menschlicher Nahrung ist untersagt. Zugelassen ist ausschließlich das offizielle Kaninchenfutter, das am Hafen und am Museum für wenige Hundert Yen verkauft wird.

Okunoshima ist bei weitem nicht der einzige ungewöhnliche Tierort in Japan. Wer sich für ähnliche Reiseziele interessiert, findet auf Nekojima und den Katzeninseln Japans eine ganze Sammlung weiterer Katzenparadiese, und wer es eher mythisch mag, kann sich in den Artikel über Kitsune und die Füchse in der japanischen Kultur einlesen. Ebenfalls lohnenswert ist ein Besuch in Nara, der Stadt der Hirsche, die kulturell und tierisch gleichermaßen beeindruckt.

Kaninchen grasen auf der Insel Okunoshima
Die Kaninchen leben frei auf der Insel und sind an Menschen gewöhnt.

Giftgasmuseum

Bevor die Insel zum Symbol für putzige Kaninchen wurde, war sie über zwei Jahrzehnte lang ein streng geheimer Standort der japanischen Rüstungsproduktion. Von 1929 bis 1945 stellte das Kaiserreich Japan auf Okunoshima chemische Kampfstoffe her, darunter Senfgas (Yperit), Tränengas und andere Reizstoffe. Zeitweise arbeiteten auf der kleinen Insel über 6.000 Menschen in mehreren Produktionsanlagen, und die Gesamtproduktion wird auf rund 6.000 Tonnen Kampfmittel geschätzt. Wegen der Giftstoffe wurde Okunoshima im Zweiten Weltkrieg sogar von den Alliierten von den Landkarten getilgt, damit feindliche Bomber den Standort nicht nutzen konnten.

Nach der Kapitulation Japans 1945 wurden die Anlagen demontiert, die giftigen Bestände vernichtet und die Insel über Jahrzehnte hinweg einfach vergessen. Erst 1988 eröffnete das Okunoshima Poison Gas Museum (大久野島毒ガス資料館), das die Geschichte der Insel dokumentiert, die Wirkung der Gase auf den menschlichen Körper erklärt und an die vielen Arbeiter und Anwohner erinnert, die langfristig unter den Folgen litten. Das Museum ist klein, gut zweisprachig beschildert (Japanisch und Englisch) und ein wichtiger Kontrastpunkt zum verspielten Kaninchen-Image der Insel. Wer Okunoshima wirklich verstehen will, sollte den Besuch der Anlage fest einplanen.

Reise nach Okunoshima

Okunoshima ist ein klassisches Tagesausflugsziel ab Tokio, Osaka, Hiroshima oder Kyoto. Die bequemste Anreise führt über Hiroshima, von dort mit der Sanyo-Linie Richtung Mihara bis zur JR-Station Tadanoumi. Wer mit dem Japan Rail Pass unterwegs ist, kann die Strecke ohne Aufpreis nutzen, alternativ fallen je nach Verbindung wenige hundert Yen an. Von Tadanoumi bringt eine kurze Fährüberfahrt von etwa zehn Minuten Besucher auf die Insel, Tickets kosten rund 600 Yen pro Person und werden am Fähranleger vor Ort gelöst.

Eine andere Option ist der Weg über Mihara, wo Busse bis zum Hafen von Tadanoumi verkehren. Wer bereits in Hiroshima übernachtet, kann die Hin- und Rückreise gut an einem Tag kombinieren und die Insel zwei bis vier Stunden lang erkunden. Für einen entspannten Halbtagesausflug reicht das völlig, für Fotografen und Tierliebhaber empfiehlt sich eher ein ganzer Tag mit Picknick am Strand. Geöffnet ist die Insel ganzjährig, im Hochsommer kann es allerdings sehr heiß werden, sodass leichte Kleidung, Sonnenschutz und ausreichend Wasser auf die Packliste gehören. Auf der Insel selbst gibt es ein einfaches Restaurant, einen Kiosk und den Campingplatz, wer besonderen Wert auf Auswahl legt, sollte aber auf dem Festland in Takehara oder Mihara essen.

Der folgende Clip zeigt einen typischen Besuchstag auf Okunoshima mit Eindrücken von der Fährfahrt, den Kaninchen und dem Museum:

Videoimpressionen von einem Besuch auf Okunoshima.

Okunoshima besuchen oder nicht?

Wer Tiere mag, Japan abseits von Tokio und Kyoto erleben möchte und sich für die dunkleren Kapitel der japanischen Geschichte interessiert, für den lohnt sich der Ausflug nach Okunoshima sehr. Wer hingegen empfindlich auf Tierleid reagiert oder die strikten Regeln vor Ort (kein Fangen, kein Füttern mit normalem Essen, kein Mitbringen von Hunden und Katzen) nicht akzeptieren möchte, sollte lieber einen anderen Tierort in Japan wählen. Wichtig ist vor allem der richtige Erwartungsrahmen: Okunoshima ist kein Freizeitpark und kein Streichelzoo, sondern eine kleine Naturinsel mit einer historischen Tiefe, die man respektieren sollte.

Am Ende bleibt Okunoshima einer jener Orte, an denen das Heute und das Gestern Japans besonders nah beieinanderliegen. Wer einmal mit einem Kaninchen auf dem Schoß am Hafen gesessen hat und kurz darauf im Museum über Senfgas und Kriegsverbrechen liest, versteht Japan ein Stück besser, als jeder Reiseführer es beschreiben könnte.

Quellen
Kevin Henrique

Über den Autor: Kevin Henrique

Spezialist mit mehr als 10 Jahren Erfahrung in asiatischer Kultur, mit Fokus auf Japan, Korea, Anime und Spiele. Autodidakt, Autor und Reisender, der Japanisch, Reisetipps und tiefgehende Kuriositäten vermittelt.

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