Wissen Sie, wie man einen Tsuru aus Papier faltet? Und kennen Sie die Bedeutung des Kranichs in Japan? Tsuru (鶴) ist das japanische Wort für diesen Vogel. Die gefaltete Figur gehört zu den Formen, die man als Erstes mit Origami verbindet.
Origami ist die japanische Kunst des Papierfaltens, ohne Schneiden und ohne Kleber. Unter den Tieren, die dabei entstehen, hängen am Tsuru die Geschichten, die man sich in Japan über den Kranich erzählt.
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Was ist Tsuru?
Im Alltag meint tsuru die Kraniche überhaupt. Der Vogel auf Bildern, Kimonos und in der Faltanleitung ist fast immer der Mandschurenkranich, Grus japonensis, auch Rotkronenkranich genannt. Er wird etwa eineinhalb Meter hoch. Das Körpergefieder ist weiß, Hals und Teile der Flügel sind schwarz, und auf dem Scheitel sitzt eine nackte, karmesinrote Krone. Die Lebenserwartung liegt bei rund 30 Jahren.
Kraniche sind große Vögel mit langem Hals und langen Beinen. Viele Arten rufen weit hörbar, weil die Luftröhre verlängert ist und den Ton verstärkt. Der Mandschurenkranich lebt in Sümpfen und anderen Süßwasser-Feuchtgebieten: auf Hokkaidō als Standvogel, auf dem ostasiatischen Festland mit Zug in die Küstenregionen. Die IUCN stuft die Art als stark gefährdet ein.

Einen Tsuru falten
Es gibt mehrere Faltfolgen. Die Abbildung unten zeigt eine übliche mit 17 nummerierten Schritten auf gelbem Grund. Dafür reicht ein quadratisches Blatt.
- Falten Sie beide Diagonalen vor und öffnen Sie das Blatt wieder. Das ist Schritt 1.
- Legen Sie das Quadrat entlang einer Diagonale zum Dreieck, Schritt 2.
- Öffnen Sie die obere Lage und drücken Sie sie flach, Schritt 3. Wenden Sie das Blatt und wiederholen Sie das Öffnen, bis eine Raute mit der geschlossenen Spitze nach oben liegt.
- Falten Sie die unteren Kanten zur Mitte, Schritt 6. Klappen Sie die obere Spitze nach unten und ziehen Sie sie an der gestrichelten Linie wieder hoch, Schritt 8. Es entsteht die hohe Raute, Schritt 9, die Vogelbasis. Wenden Sie das Blatt, Schritt 10, und wiederholen Sie diese Falten auf der Rückseite.
- Falten Sie die unteren Kanten noch einmal zur Mitte, auf beiden Seiten, Schritte 12 und 13, bis die Figur schmal ist.
- Ziehen Sie eine der beiden unteren Spitzen innen nach oben. Das wird der Hals. Die andere Spitze wird der Schwanz, Schritte 14 und 15. Ein kurzer innerer Gegenbruch an der Halsspitze formt den Kopf, Schritt 16.
- Ziehen Sie die Flügel nach links und rechts auseinander. Schritt 17 ist der fertige Tsuru.

Dieselbe Faltkunst bringt auch andere Figuren hervor: Würfel, Schleifen, Hunde, Hasen, Frösche. Der Tsuru ist darunter die Figur, von der man tausend Stück faltet.

Der Kranich in den Kulturen
Kraniche stehen auch in Erzählungen außerhalb Japans. Schönheit und der Balztanz, bei dem die Vögel springen und die Flügel öffnen, haben früh dazu geführt, dass man den Vogel als Zeichen gelesen hat. Mekka, Griechenland und China kommen zuerst. In Japan wird derselbe Vogel zur Faltfigur.
Tsuru in Mekka
Allat, al-Uzza und Manat waren drei Göttinnen, die vor dem Islam in Mekka und der Umgebung verehrt wurden. In einer umstrittenen Überlieferung heißen sie gharānīq. Das arabische Wort wird oft mit Kranichen übersetzt, die genaue Bedeutung ist offen. Die Episode steht in frühen Geschichtsberichten und wird von vielen muslimischen Gelehrten abgelehnt. Mekka liegt im Hedschas.
Tsuru in Griechenland
Das griechische Wort für Kranich ist γέρανος, geranos. Die Geranie hat ihren Namen von diesem Wort, weil die Frucht an einen Kranichschnabel erinnert.
Eine alte Anekdote, die Friedrich Schiller 1797 als Ballade „Die Kraniche des Ibykus“ aufgeschrieben hat, macht den Schwarm zum Zeugen. Der Dichter Ibykos wird auf dem Weg zu den Isthmischen Spielen überfallen und erschlagen. Sterbend ruft er einen Schwarm Kraniche an. Später, im Theater, verraten sich die Täter, als die Vögel über sie hinwegziehen und einer ausruft, das seien die Kraniche des Ibykos.
Tsuru in China
Auf Chinesisch heißt der Kranich hè (鹤). Er steht für langes Leben und erscheint seit langer Zeit bei hohen Beamten. Mehrere Kampfkunststile haben sich Bewegungen dieses Vogels abgeschaut. Bekannt sind Hung Gar, in dem Tiger und Kranich zusammenkommen, und die Kranichform unter den fünf Tieren des Shaolin.
Tsuru in Japan
In Japan steht der Kranich neben Drache und Schildkröte. Die Erzählung schreibt ihm tausend Jahre zu und liest ihn als Glück und langes Leben. Gemeint ist derselbe Vogel mit weißem Gefieder und roter Krone, dessen Leben bei rund 30 Jahren liegt. Origami hat ihn trotzdem zu seiner bekanntesten Figur gemacht.
Wer tausend Origami-Kraniche faltet, senbazuru (千羽鶴), soll einen Wunsch erfüllt bekommen. Die älteste erhaltene gedruckte Anleitung dazu ist das Senbazuru Orikata von 1797. Ich weiß nicht, ob der Wunsch eintrifft, aber wer tausend Blätter falten will, braucht dafür Geduld.

Nach 1945 ist der Papierkranich zusätzlich ein Zeichen für den Frieden geworden, durch Sadako Sasaki. Ihre Geschichte steht im eigenen Abschnitt.
Geschichten um den Tsuru
Zwei japanische Fassungen und ein paar ältere Beobachtungen. Die Fassungen weichen voneinander ab, weil sie mündlich weitergegeben wurden. Der Kern der beiden japanischen Fassungen bleibt erkennbar: jemand rettet einen Kranich, der Kranich kommt als Mensch zurück und webt Stoff aus eigenen Federn, und er geht, sobald man ihn dabei sieht.
Die Rückkehr des Tsuru
Es war einmal ein altes Paar. An einem verschneiten Wintertag ging der Mann in die Stadt, um Holz zu verkaufen. Unterwegs fand er einen Tsuru in der Falle eines Jägers. Aus Mitleid befreite er den Vogel.
In derselben Nacht, der Schnee fiel dicht, kam ein schönes Mädchen an die Tür. Ihre Eltern seien tot, sagte sie. Sie sei auf dem Weg zu Verwandten gewesen, die sie nie gesehen hatte, und habe sich verirrt. Sie bat um eine Nacht. Das Paar nahm sie auf.
Am nächsten Tag schneite es weiter, und das Mädchen blieb. Sie kümmerte sich um das Paar und machte die beiden froh. Eines Tages fragte sie, ob sie als Tochter bleiben dürfe, statt zu Verwandten zu gehen, die sie nicht kannte. Das Paar war einverstanden.
Später bat sie: „Ich möchte einen Stoff weben. Kauft mir bitte Garn.“ Als sie das Garn hatte, sagte sie, niemand dürfe in die Kammer schauen. Drei Tage webte sie ohne Unterbrechung. Dann bat sie, den Stoff zu verkaufen und neues Garn zu kaufen. Der Stoff war so fein, dass die Stadt davon sprach, und er brachte einen guten Preis.
Mit dem neuen Garn webte sie ein zweites Tuch, noch feiner, und das Paar wurde wohlhabend. Als sie sich für ein drittes Tuch wieder einschloss, hielt das Paar das Versprechen eine Weile. Dann wollte die Frau wissen, wie ein so schöner Stoff entsteht. Sie schob die Tür auf.
Wo das Mädchen hätte sitzen sollen, sah sie einen Tsuru. Er riss sich eigene Federn aus und wob sie zwischen die Fäden, bis der Stoff glänzte. Große Teile der Flügel fehlten schon. Vor dem erschrockenen Paar kam die Tochter, die mit dem Weben fertig war, und sagte, sie sei der Kranich, den der Mann aus der Falle gelassen hatte. Weil man sie erkannt hatte, musste sie gehen. Sie wurde wieder zum Vogel, flog auf und ließ die beiden mit ihrer Reue zurück.
Die Kranichfrau
Eine andere Fassung ändert die Rollen. Sie wird oft Tsuru Nyōbō genannt, die Kranichfrau, und hängt mit Tsuru no Ongaeshi (鶴の恩返し) zusammen, der Dankbarkeit des Kranichs. Ein Mann heiratet eine Frau, die ein Kranich in Menschengestalt ist. Um Geld ins Haus zu bringen, reißt sie sich Federn aus und webt ein seidenes Tuch, das der Mann verkauft. Mit jedem Tuch wird sie kränker. Als er sieht, wer sie ist und woher die Krankheit kommt, verlässt sie ihn, wie in der ersten Geschichte.
Ähnlich enden mehrere Erzählungen über Männer, die eine Kitsune heiraten, einen Fuchsgeist in Frauengestalt. Der Fuchs bleibt, bis der Mann die Gestalt erkennt. Dann geht sie.

Äsop, Plinius und der wachsame Kranich
In einer Fabel Äsops fressen Gänse und Kraniche am selben Ort, als ein Jäger sein Netz auswirft. Die Kraniche sind leicht und fliegen auf. Die Gänse, schwerer und langsamer, bleiben im Netz.
Bei Plinius dem Älteren steht, dass die Kraniche unter sich eine Wache aufstellen, während die anderen schlafen. Der Wächter hält einen Stein in der Klaue. Schläft er ein, fällt der Stein, und er wacht auf. In der europäischen Heraldik heißt diese Haltung Kranich in seiner Wachsamkeit: der Vogel mit erhobenem Fuß und Stein.
Griechische und römische Quellen verbinden den Tanz der Kraniche mit dem geranos, einem Reigen auf Delos, den man Theseus und Apollon zuschreibt. Die Schritte ahmen die Bewegung des Schwarms nach.
Sadako Sasaki
Sadako Sasaki wurde am 7. Januar 1943 in Hiroshima geboren. Am 6. August 1945, beim Atombombenabwurf, war sie zweieinhalb Jahre alt. Sie wuchs danach als scheinbar gesundes, sportliches Mädchen auf. Am 10. Januar 1955 wurde bei ihr Leukämie festgestellt, eine Erkrankung, die unter den Überlebenden der Bombe häufig war.
Ihre beste Freundin erzählte ihr von senbazuru. Sadako faltete im Krankenhaus und wünschte sich, gesund zu werden. In weniger als einem Monat hatte sie die tausend fertig und faltete weiter. Ihr Bruder Masahiro Sasaki spricht von rund 1600 Kranichen bis zu ihrem Tod. Am Morgen des 25. Oktober 1955 starb sie, zwölf Jahre alt.
Das Kinderbuch von Eleanor Coerr, auf Deutsch „Sadako und die tausend Papierkraniche“, lässt sie bei 644 Kranichen aufhören. Diese Zahl stammt aus dem Roman. Die Familie und die Ausstellung im Friedensmuseum Hiroshima gehen von mehr als tausend Figuren aus.
Das Kinder-Friedensdenkmal
Nach Sadakos Tod sammelten Mitschüler und Schulen Geld. 1958 wurde im Friedenspark von Hiroshima das Kinder-Friedensdenkmal eingeweiht, gestaltet von Kikuchi Kazuo, nahe dem Friedensmuseum und der Atombombenkuppel. Oben steht eine Mädchenfigur mit einem Kranich. In den Kästen darum liegen Papierkraniche, die aus vielen Ländern geschickt werden.

Figur, Wunsch und Hiroshima
Die Faltfolge endet bei Schritt 17 mit Hals, Kopf und zwei Flügeln. Die tausend Jahre und der erfüllte Wunsch stehen in der Erzählung. In Hiroshima sammelt das Kinder-Friedensdenkmal genau diese Papierkraniche, die Sadako im Krankenhaus gefaltet hat.






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