In japanischen Animes sehen japanische Figuren oft ganz anders aus als auf der Straße: bunte Haare, große Augen, eine Statur, die in der Rushhour eher selten vorkommt.
Im Westen dreht sich das Klischee um. In manchen Zeichnungen – South Park ist das bekannte Beispiel – werden dieselben Merkmale übertrieben: winzige Augen, riesige Brille, Pferdezähne, albernes Gesicht, extrem kleine Gestalt. Die Absicht ist Spott.
Aber diese Karikaturen von heute sind harmlos neben einem Kurzfilm, den Warner Bros. 1943 mitten im Zweiten Weltkrieg herausbrachte. Er heißt Tokio Jokio, dauert etwa sieben Minuten und taucht leicht auf YouTube auf: In den USA ist er gemeinfrei, weil das Urheberrecht 1971 nicht verlängert wurde.
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Die Tokio Jokio-Animation
Der Clip gibt sich als japanische Wochenschau aus, die amerikanische Truppen „vom Feind“ erbeutet hätten. Der Erzähler eröffnet sinngemäß: Achtung bitte, dieser Film sei der Öffentlichkeit übergeben worden, gefangen genommen beim Feind – ein Beispiel für bösartige japanisch-nazistische Propaganda.
Dann der Hahn, der krähen will. Aus seinem Inneren platzt ein Geier mit Zähnen und dicker Brille und sagt auf einem gebrochenen Japanisch-Englisch „Kikeriki, please!“ – eine Verhöhnung der Pathé-Wochenschau, inklusive der Stereotypen, die Hollywood 1943 für „Japaner“ bereithielt.
Es folgt der Block „Zivilschutz“. Die „beste Luftangriffssirene“ sind zwei Männer, die sich gegenseitig mit einer riesigen Nadel in den Hintern stechen und schreien. Der „Beobachtungsposten“ ist ein Pfahl voller Schlüssellöcher. Der „Flugzeugbemaler“ tupft buchstäblich Punkte auf eine Maschine. Das „Brandverhütungszentrum“ liegt bereits in Trümmern. Der Erzähler: „Oh, Mist! Zu spät!“
Danach eine Tafel „Brandbomben: Erste Lektion“. Ein Mann mit Regenschirm liest, man solle fünf Sekunden Abstand halten. Er schaut auf die Uhr, zählt – und brät Würstchen an der Bombe, bis sie explodiert. Als er aus dem Loch steigt, fehlt ihm das Gesicht; Brille und Hut schweben weiter. Der Gag spielt mit „losing face“, dem Verlust des Gesichts im doppelten Sinn.
Tojo, Yamamoto und die Achse
Bei den „Küchentricks“ zeigt Hideki Tojo, damals Premierminister, wie man ein Sandwich aus Bezugsscheinen faltet – und schlägt sich danach selbst mit einem Knüppel auf den Kopf. Das „Siegesoutfit“ hat keine Ärmel, keine Falten, kein Revers und schließlich keine Uniform: ein fast nackter Mann friert und wärmt sich an einer Kerze.
Bei den „Hauptpersonen“ läuft Admiral Isoroku Yamamoto auf Stelzen, um größer zu wirken, und kündigt an, im Weißen Haus Friedensbedingungen zu diktieren. Eine Herausgebernotiz reserviert den Raum: ein elektrischer Stuhl. Der Gag traf ein Publikum, das wusste, dass Yamamoto im April 1943 bereits tot war – der Clip kam am 15. Mai 1943 in die Kinos.
General Masaharu Homma soll „japanische Kühle bei Luftangriffen“ vorführen und rennt panisch gegen Bäume, bis er in einem hohlen Stamm verschwindet. Ein Stinktier kommt hinterher und setzt eine Gasmaske auf.
Die „Nachrichten von der Achse“ nehmen auch Europas Diktatoren mit: ein Esel als „Lord Hee Haw“ (Anspielung auf den Nazi-Radiosprecher Lord Haw-Haw), Hitler mit einer Postkarte von Rudolf Heß aus britischer Haft, Mussolini als „Ruine Nr. 1“ mit einem Jo-Jo. Die japanische Marine wird als zu früh zu Wasser gelassenes U-Boot, Menschentorpedo und Minensucher mit Besen verhöhnt.
Wer hat Tokio Jokio gemacht?
Tokio Jokio ist ein Schwarz-Weiß-Kurzfilm der Reihe Looney Tunes, produziert von Leon Schlesinger, verliehen von Warner Bros. Regie führte Norman McCabe; in den Credits steht „Cpl. Norman McCabe“, weil er vor der Veröffentlichung zur US-Armee eingezogen wurde. Es war sein letzter Kurzfilm als Regisseur bei Warner. Die Stimmen kommen von Mel Blanc, die Musik von Carl W. Stalling, die Story von Don R. Christensen. Länge: rund sieben Minuten.
Der Titel ist ein Wortspiel: Tokio – die ältere Schreibung für Tokyo – plus englisch joke. Der Clip ist als erbeutete Wochenschau gerahmt, nicht als klassischer Bugs-Bunny-Jäger. Genau das macht ihn als Kriegsdokument so unbequem: Hollywood verpackt ethnische Karikatur als „Nachrichten aus Japan“.
Was war die Absicht von Tokio Jokio?
Die USA und das Kaiserreich Japan standen im Krieg. Solche Clips sollten den Feind klein machen und das eigene Publikum bei Laune halten. Beide Seiten – Alliierte und Achse – produzierten Propaganda. Tokio Jokio zielt weniger auf Strategie als auf Aussehen und Stimme: Brille, Zähne, winziger Körper, gebrochenes Englisch. Heute gilt der Film als rassistisch und würde so nicht mehr im Fernsehen laufen.
Wer den Krieg selbst nachlesen will, findet bei uns die Geschichte des kaiserlichen Japans bis zum Zusammenbruch und, weiter zurück, die Meiji-Restauration und die Kriege davor. Ein anderes Ende desselben Krieges erzählen die Soldaten, die bis 1974 weiterkämpften.
Tokio Jokio gehört nicht zu den elf Looney-Tunes-Filmen, die später wegen rassistischer Stereotype gegenüber Schwarzen aus dem US-Fernsehen genommen wurden. Trotzdem blieb er nach 1945 aus dem normalen Wiederholungskanon. Dass Warner das amerikanische Urheberrecht 1971 nicht verlängerte, macht den Clip in den USA gemeinfrei – nachweisbar ist die fehlende Verlängerung, nicht eine absichtliche Auslöschung. Deshalb liegt er auf YouTube und in Filmarchiven.
Als Witz ist der Kurzfilm heute flach. Als Quelle, wie Karikatur im Krieg funktioniert, bleibt er unangenehm klar.
Spezialist mit mehr als 10 Jahren Erfahrung in asiatischer Kultur, mit Fokus auf Japan, Korea, Anime und Spiele. Autodidakt, Autor und Reisender, der Japanisch, Reisetipps und tiefgehende Kuriositäten vermittelt.
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