Massaker von Nanking – Die Schattenseite Japans

Massaker von Nanking – Die Schattenseite Japans

Sechs Wochen Gewalt nach dem Fall der Hauptstadt – und ein Streit um die Toten, der China und Japan bis heute nicht...

Nanking war der Ort, an dem eine der größten Katastrophen im Krieg gegen China Gestalt annahm. Nicht irgendwo an einer Frontlinie: in der damaligen Hauptstadt, nach der Einnahme, über Wochen.

Wer Japan nur über Höflichkeit, Pünktlichkeit und Popkultur kennt, stolpert hier. Die Frage ist nicht, ob in Nanking gemordet und vergewaltigt wurde. Die Frage, die Peking und Tokio bis heute nicht zur Ruhe kommen lässt, ist das Ausmaß – und was der Staat daraus macht.

Zerstörte Straßen und Gebäude in Nanking nach dem Einmarsch der japanischen Armee

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Invasion Japans auf chinesisches Territorium

Im August 1937 marschierte die japanische Armee in Shanghai ein, stieß auf harten Widerstand und erlitt schwere Verluste. Die Schlacht war blutig, weil beide Seiten im Häuserkampf aufeinanderprallten. Mitte November eroberten die Japaner Shanghai, auch mit Hilfe von Seebombardements.

Der Stab des Kaiserlichen Hauptquartiers in Tokio wollte den Krieg zunächst nicht weiter ausdehnen: die Verluste waren hoch, die Moral der Truppen niedrig.

Japanische Truppen auf dem Vormarsch Richtung Nanking 1937
Nach Shanghai lag Nanking als nächstes großes Ziel auf der Karte.

Am 1. Dezember befahl das Hauptquartier dennoch, Nanking einzunehmen. Nach der Niederlage in Shanghai wusste der chinesische Generalissimo Chiang Kai-shek, dass der Fall der Hauptstadt nur noch eine Frage der Zeit war.

Der Plan von Chiang Kai-shek

Porträt von Chiang Kai-shek in Militäruniform
Chiang Kai-shek

Er und sein Stab riskierten nicht, Elitetruppen in einer symbolischen, aber hoffnungslosen Verteidigung der Hauptstadt zu verheizen. Der größte Teil der Armee wurde abgezogen, um für spätere Schlachten zu bleiben. Chiang setzte auf einen langen Abnutzungskrieg im Landesinneren.

Stadtkommandant Tang Shengzhi erklärte öffentlich, Nanking werde sich nicht ergeben und bis zum Tod kämpfen. Er versammelte rund 100.000 Mann, größtenteils unerfahren, darunter Reste aus der Schlacht um Shanghai. Zivilisten sollten die Stadt nicht ungeordnet verlassen: auf Chiangs Linie ließ Tang den Hafen bewachen.

Chiang Kai-shek hält eine Rede vor Truppen oder Beamten
Chiang Kai-shek bei einer Rede

Die Verteidiger sperrten Straßen, zerstörten Boote und steckten Dörfer in der Umgebung in Brand, um die Evakuierung zu erschweren. Nanking wurde tagelang bombardiert. Die zurückgebliebenen chinesischen Truppen waren demoralisiert; japanische Verbände durchbrachen die letzten Linien und standen am 9. Dezember vor den Stadttoren.

Mittags am 9. Dezember warfen japanische Flugzeuge Flugblätter ab und forderten die Übergabe binnen 24 Stunden. Mitglieder des internationalen Komitees in der Stadt kontaktierten Tang und schlugen einen dreitägigen Waffenstillstand vor: chinesischer Abzug ohne Kampf, japanische Truppen an Ort und Stelle. Tang blieb bei der Ablehnung.

Die Einnahme der Stadt Nanking

Die Japaner warteten auf eine Antwort. Bis zum Ablauf der Frist am 10. Dezember kam keine. General Iwane Matsui ließ noch eine Stunde verstreichen, dann befahl er die gewaltsame Einnahme.

Historisches Foto: Enthauptung eines Gefangenen und Bajonetttraining an Gefesselten
Links: ein Gefangener kurz vor der Enthauptung. Rechts: japanische Soldaten üben Bajonettstöße an Gefangenen.

Der Angriff auf die Mauern kam aus mehreren Richtungen: die 16. Division gegen drei Tore im Osten, die 6. Division im Westen, die 9. Division in der Mitte.

Am 12. Dezember befahl Tang Shengzhi unter Artillerie- und Luftangriffen den Rückzug. Danach war Chaos. Manche chinesischen Soldaten stahlen Zivilkleidung, um unterzutauchen. Andere wurden von der eigenen Überwachung erschossen, als sie zu fliehen versuchten. Am 13. Dezember war die Stadt in japanischer Hand.

Die Sicherheitszone und John Rabe

Ein Teil der Ausländer war rechtzeitig gegangen. Einige Geschäftsleute, Ärzte und Missionare blieben und gründeten das Internationale Komitee für die Nanking-Sicherheitszone: ein Viertel von wenigen Quadratkilometern, in das Zivilisten flüchten sollten.

Vorsitz übernahm der Hamburger Siemens-Kaufmann John Rabe. Er war NSDAP-Mitglied; genau das, so berichten Zeitgenossen, verschaffte ihm gegenüber japanischen Offizieren Spielraum, weil Deutschland und Japan damals im Antikominternpakt verbunden waren. In der Zone fanden nach Schätzungen des Komitees rund 200.000 bis 250.000 Menschen Schutz. Rabes Haus und Garten allein beherbergten zeitweise Hunderte.

Die Zone war kein magischer Schild. Japanische Patrouillen drangen ein, holten Männer heraus, die sie für Soldaten hielten, und vergewaltigten auch dort. Aber ohne das Komitee – und ohne Rabes Tagebücher, die später als Zeugnis dienten – wäre die Spur der Gewalt noch dünner. Im Februar 1938 wurde Rabe nach Deutschland zurückgerufen. Vorträge über Nanking brachten ihn mit der Gestapo in Konflikt; ihm wurde untersagt, weiter darüber zu sprechen.

Das Massaker der japanischen Truppen

Opfer und Zerstörung in den Straßen von Nanking während des Massakers

Augenzeugen – Chinesen, die in der Stadt blieben, und Ausländer des Komitees – berichteten von Mord, Raub, Brandstiftung und anderen Kriegsverbrechen. Dazu kommen Überlebendenberichte, Zeitungsleute und Feldtagebücher japanischer Offiziere. Ein Satz taucht in mehreren Quellen auf: keine Gefangenen machen. Zehntausende entwaffnete Soldaten und verdächtigte Zivilisten wurden zusammengetrieben und erschossen, erstochen, ertränkt oder lebendig begraben.

1937 berichtete die Tokioter Zeitung Tokyo Nichi Nichi Shimbun über einen „Wettbewerb“ der Offiziere Toshiaki Mukai und Tsuyoshi Noda: wer zuerst 100 Menschen mit dem Schwert töte. Die Zeitung behandelte das wie eine Sportmeldung. Beide übertrafen die Zahl vor der Einnahme Nankings, erklärten das Duell für unentschieden und setzten neu auf 150 an. Nach 1945 wurden Mukai und Noda als Kriegsverbrecher verhaftet, vom Nanking-Tribunal verurteilt und erschossen. Manche Historiker halten die gemeldeten Zahlen für Kriegsjournalismus und Übertreibung; die Berichterstattung selbst ist belegt.

Zeitungsausschnitt zum Schwertwettbewerb und Porträts von Toshiaki Mukai und Tsuyoshi Noda
Zeitungsmeldung über Mukai und Noda. Links Toshiaki Mukai, rechts Tsuyoshi Noda.

Wie viele starben, ist bis heute der Kern des Streits. Der Internationale Militärgerichtshof für den Fernen Osten in Tokio sprach von über 200.000 Getöteten in und um Nanking. Die chinesische Gedenkstätte in Nanjing nennt über 300.000. Seriöse Schätzungen liegen oft zwischen 100.000 und mehr als 300.000 – je nachdem, ob man nur die Stadtmauern zählt oder das Umland, nur Dezember/Januar oder länger, und ob Kriegsgefangene mitzählen. Die untere Marke von 40.000, die in manchen japanischen Revisionstexten auftaucht, beschreibt in der Regel nur einen engen Ausschnitt und wird von der Mehrzahl der Historiker außerhalb dieser Kreise nicht als Gesamtzahl übernommen.

Vergewaltigung von Frauen und Kindern

Japanischer Soldat mit zwei chinesischen Frauen während der Besatzung Nankings
Japanischer Soldat mit zwei chinesischen Frauen. Während der Besatzung wurden Frauen von Tür zu Tür geholt, vergewaltigt und oft danach getötet; ein Teil wurde später in Zwangsbordelle gesteckt.

Das Tokioter Tribunal schätzte rund 20.000 Vergewaltigungen in der Stadt im ersten Monat der Besatzung. Andere Untersuchungen sprechen von 20.000 bis 80.000 Frauen und Mädchen. Soldaten gingen von Haus zu Haus. Viele Opfer wurden unmittelbar danach ermordet, oft verstümmelt. Kinder waren nicht ausgenommen.

Das ist nicht dasselbe wie das spätere System der sogenannten Trostfrauen (japanisch ianfu): staatlich und militärisch organisierte Zwangsprostitution in vielen besetzten Gebieten Asiens. In Nanking überlappten beide Gewaltformen – Massenvergewaltigung in den Wochen nach der Einnahme und die Verschleppung in Bordelle –, aber sie sind nicht ein und dasselbe Wort für denselben Vorgang.

Abzug der Truppen, Ende der Besetzung und Prozess

Ende Januar 1938 zwang die japanische Armee Flüchtlinge aus der Sicherheitszone, „nach Hause“ zurückzukehren: die Ordnung sei wiederhergestellt. Nach der Einsetzung einer Kollaborationsregierung 1938 gingen die offenen Gräueltaten zurück, ohne dass die Stadt unversehrt blieb. Mehr als ein Drittel der Gebäude war zerstört oder geplündert.

Am 18. Februar 1938 wurde das Internationale Komitee zwangsweise in „Internationales Rettungskomitee Nanking“ umbenannt; die Zone stellte ihre Arbeit faktisch ein. Die letzten Flüchtlingslager schlossen im Mai 1938.

Blick auf Nanking nach dem Massaker, beschädigte Stadt und Ufer

Im Februar 1938 wurden Prinz Asaka Yasuhiko und General Matsui nach Japan zurückgerufen. Matsui trat in den Ruhestand. Asaka blieb bis Kriegsende im Obersten Kriegsrat und wurde im August 1939 zum General befördert, ohne erneut ein Feldkommando zu führen.

Nach der Kapitulation Japans 1945 kamen Verantwortliche vor zwei Gerichte: den Tokioter Gerichtshof der Alliierten und das chinesische Kriegsverbrechertribunal in Nanking. Mukai und Noda starben vor dem Nanking-Tribunal. Iwane Matsui wurde in Tokio wegen Kriegsverbrechen (unterlassene Kontrolle seiner Truppen) zum Tode verurteilt. Generalleutnant Hisao Tani, dessen 6. Division am Westangriff beteiligt war, wurde in Nanking verurteilt und am 26. April 1947 hingerichtet.

Immunität für Prinz Asaka

Porträt von Prinz Asaka Yasuhiko in Uniform
Prinz Asaka Yasuhiko

Prinz Asaka übernahm das Feldkommando in den Tagen vor der Einnahme, während Matsui erkrankt war. Ihm wird ein Befehl zugeschrieben, keine Gefangenen zu machen. Ob er das Massaker ausdrücklich angeordnet hat, ist unter Historikern umstritten; unstrittig ist, dass unter seinem Kommando die Stadt fiel und die Gewalt nicht gestoppt wurde.

1946 wurde Asaka zu seiner Rolle befragt; die Aussage ging an die Anklage in Tokio. Er bestritt ein Massaker und behauptete, nie Beschwerden über das Verhalten seiner Truppen erhalten zu haben. Wie die übrige kaiserliche Familie erhielt er auf Entscheidung von US-General Douglas MacArthur Immunität.

Wer waren die Verantwortlichen?

Nicht jeder Name auf der Liste hat denselben rechtlichen Status. Manche wurden gehängt, andere starben vorher, einer blieb als Prinz unangetastet.

Gruppenfoto japanischer Befehlshaber im Zusammenhang mit Nanking, darunter Matsui und Asaka
Von links nach rechts: Iwane Matsui, Hisao Tani, Prinz Kan'in, Prinz Asaka, Isamu Chō und Kōki Hirota.

Die Namen, die immer wieder auftauchen

  • General Iwane Matsui – Oberbefehlshaber der Zentralchina-Armee. Der Tokioter Gerichtshof urteilte, er habe trotz Krankheit genug Autorität gehabt, seine Truppen zu zügeln, und es nicht getan. Todesurteil; Hinrichtung am 23. Dezember 1948.
  • Generalleutnant Hisao Tani – vor dem Nanking-Tribunal. Er leugnete und schob koreanische Soldaten in japanischen Einheiten vor. Für schuldig befunden, Massaker und Vergewaltigungen mitzuverantworten; hingerichtet am 26. April 1947.
  • Prinz Kan'in Kotohito – Generalstabschef der Kaiserlichen Armee bis 1940. Er war nicht der Feldkommandeur von Nanking. Er starb im Mai 1945, noch vor Kriegsende, und wurde deshalb nicht angeklagt. Andere Kriegsverbrechen in China, etwa die der Einheit 731, fallen in dieselbe Epoche der Armee, die er an der Spitze mitprägte.
  • Prinz Asaka – Feldkommando bei der Einnahme; Immunität als Mitglied des Kaiserhauses.
  • Generalleutnant Isamu Chō – Adjutant Asakas; gilt manchen Historikern als Verfasser der Linie „keine Gefangenen“. Suizid in der Schlacht um Okinawa im Juni 1945, daher kein Prozess.
  • Kōki Hirota – nicht Premierminister während des Massakers, sondern Außenminister im Kabinett Konoe (zuvor war er Premier). In Tokio verurteilt, weil er Berichte über Nanking kannte und nicht wirksam einschritt. Hinrichtung am 23. Dezember 1948 – einer der wenigen Zivilisten unter den Gehängten.

Kontroversen und Leugnung des Massakers

Dass in Nanking Kriegsverbrechen geschahen, ist der Stand seriöser Geschichtsschreibung. Nationalistische Kreise in Japan betreiben Revision: sie senken die Opferzahl drastisch oder sprechen von Erfindung. Die japanische Regierung hat nach 1945 anerkannt, dass es Tötungen von Zivilisten und andere Taten gab; eine Zahl wie „300.000“, wie sie die Gedenkstätte in Nanjing führt, übernimmt Tokio nicht als Staatsdoktrin.

Für Peking wiegt schwerer, was danach kommt: Politikerbesuche im Yasukuni-Schrein. Dort sind auch Namen von verurteilten Kriegsverbrechern registriert. Wer den Schrein als Premier aufsucht, ehrt in chinesischen Augen Männer, die für Nanking stehen – unabhängig von den Entschuldigungsformeln auf Papier.

Torii und Gebäude des Yasukuni-Schreins in Tokio

Kein Kaiser hat Yasukuni seit 1975 besucht. Kaiser und Kaiserin nehmen weiter an der staatlichen Gedenkfeier für die Kriegstoten teil – einem anderen Ritual, ohne den Schrein. Trotzdem bleibt Nanking ein Riss: in Schulbüchern, in der Diplomatie, in der Beziehung zwischen China und Japan. Ähnliche Erinnerungskämpfe prägen auch das Verhältnis zu Korea, etwa um Zwangsarbeit und Trostfrauen; wer den regionalen Streit verstehen will, kommt an Korea und Japan nicht vorbei. Selbst US-Kriegspropaganda wie Tokio Jokio zeigt, wie schnell Nanking und „der Japaner“ zum Bild wurden – und warum genaue Geschichte das Klischee ersetzen muss, nicht umdrehen.

Die Gedenkhalle der Opfer in Nanjing steht an einem Massengrab. UNESCO nahm Dokumente zum Massaker ins Memory of the World Register auf. Tropfen fallen dort in einem Raum im Takt – ein Bild, keine Statistik. Die Statistik bleibt umstritten. Die Stadt, die 1937 fiel, heißt heute Nanjing. Der Name Nanking in den alten Berichten meint denselben Ort.

Quellen und nützliche Links

Über den Autor

Kevin Henrique

Spezialist mit mehr als 10 Jahren Erfahrung in asiatischer Kultur, mit Fokus auf Japan, Korea, Anime und Spiele. Autodidakt, Autor und Reisender, der Japanisch, Reisetipps und tiefgehende Kuriositäten vermittelt.

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