Kasa – Regenschirme und Hüte, die es nur in Japan gibt

Kasa – Regenschirme und Hüte, die es nur in Japan gibt

Zwei Kanji, eine Aussprache – Schirm, Hut und Vinyl

Im Sommer in Japan habe ich mir einen durchsichtigen Vinylschirm gekauft – und ihn dann irgendwo stehen gelassen. Typisch. Auf der Straße sah man überall dieselben klaren Schirme: billig, praktisch, kaum zu unterscheiden. Und trotzdem heißt das Wort dafür dasselbe wie für den spitzen Strohhut auf dem Feld: kasa.

Hut und Schirm teilen im Japanischen die Aussprache. Nur das Kanji wechselt. ist der Schirm, der Hut. Sobald die Zeichen auseinanderfallen, sieht der Regen in Tokio und der Reisbauer mit Sugegasa weniger nach Zufall aus – und Japan hat für beides mehr Formen erfunden, als ein einziges Wort vermuten lässt.

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Zwei Kanji, ein Wort

Im Deutschen trennt man Hut und Regenschirm säuberlich. Japanisch macht das nicht. Kasa [傘] ist der Schirm gegen Regen und Sonne. Dasselbe Wort, geschrieben mit 笠, meint den traditionellen Hut aus Stroh, Schilf oder Bambus. Die Aussprache bleibt, die Sache ändert sich.

Steht ein Typ vor dem Wort, wird aus kasa oft -gasa. Deshalb heißt der Schilfhut Sugegasa, der Papierschirm mit Schlangenauge Janomegasa, der Liebesschirm Aiaigasa. Es ist dasselbe Wort, nur in Gesellschaft.

Wagasa – der japanische Papierschirm

Wagasa [和傘] sind keine Hüte. Es sind Schirme aus Bambusspeichen und washi, japanischem Papier. Sie kamen in der Heian-Zeit (794–1185) aus China und galten zunächst der Oberschicht: Schutz vor Sonne, später vor Regen, in frühen Zeiten auch als Zeichen gegen Unheil. Rot, eine Farbe mit spirituellem Gewicht, taucht in den frühen Schirmen immer wieder auf.

In der Edo-Zeit wurden sie alltäglich. Holzschnitte zeigen Bürger unter Wagasa im Schnee und im Platzregen. Geishas und Kabuki machten den Schirm zum Requisit, Teezeremonien und Feste ebenso. Heute sieht man Wagasa vor allem bei Hochzeiten, traditionellem Tanz, Festivals und in Vierteln wie Gion – selten als Alltagsgerät im Berufsverkehr.

Violette Schirme werden oft mit Geishas in Verbindung gebracht. Weiß war in Japan lange die Farbe der Trauer; ein weißer Schirm bei einer Beerdigung folgt dieser älteren Farblogik, nicht der westlichen. Eine starre Tabelle „Rosa für Tänzerinnen, Grün für Menschen mittleren Alters“ hält der Praxis nicht stand. Farben und Muster folgen Anlass, Region und Handwerker.

Traditioneller japanischer Papierschirm Wagasa aus Bambus und Washi

Bangasa, Janomegasa, Higasa

Beim Kauf oder auf Fotos tauchen meist drei Familien auf:

  • Bangasa [番傘] – der robuste Alltagsschirm, oft in natürlichen Tönen, mit geöltem Papier. In Ryokan und traditionellen Restaurants steht er noch als Leihschirm bereit.
  • Janomegasa [蛇の目傘] – der „Schlangenaugen-Schirm“, leicht, mit einem kräftigen Ring auf der Fläche. Das Muster erinnert an ein Schlangenauge; ihm wird Schutz zugeschrieben. Geiko in Kyoto greifen gern zu diesem Typ.
  • Higasa [日傘] – der Sonnenschirm. Er ist nicht für Platzregen gebaut. Zum Yukata im Sommer und bei Zeremonien ist er das Bild, das viele meinen, wenn sie „Geisha-Schirm“ sagen.

Dazu kommt der Maigasa für den klassischen Tanz: leichter, damit die Hand das Papier führen kann. Bangasa und Janomegasa werden für Regen geölt; Higasa oft nicht. Wer einen Papierschirm im Konbini-Regen aufspannt, riskiert ein teures Kunstwerk.

Die Werkstätten sitzen vor allem in Kyoto – Kyō-wagasa, Tsujikura arbeitet seit 1690 –, in Gifu, wo im 20. Jahrhundert die Massenproduktion lag, und in Yodoe im Westen. Ein Wagasa durchläuft über hundert Arbeitsschritte. Heute sind es wenige Ateliers. Der Alltagsregen gehört dem Vinyl.

Der durchsichtige Vinylschirm

Die durchsichtigen Schirme waren leicht zu finden. Ich habe mir sogar einen gekauft, den ich in Japan vergessen habe. Er dient wirklich nur dem Schutz vor dem Regen – und genau deshalb ist er überall.

Menschen mit durchsichtigen Regenschirmen auf einer japanischen Straße

Nach dem Krieg begann die Asakusaer Manufaktur White Rose, Vinyl statt genähtem Stoff auf das Gestell zu bringen. Der durchsichtige Schirm setzte sich durch, weil man in engen Straßen den Gegenverkehr und den Nachbarn sieht. Konbini verkaufen ihn für ein paar hundert Yen. In Japan gehen jährlich rund 130 Millionen Schirme über den Ladentisch, viele davon genau diese klaren Modelle. Man leiht sie, verliert sie, kauft den nächsten. Der Wagasa ist Handwerk. Der Vinylschirm ist Infrastruktur.

Kasa als Hut

Das andere kasa, geschrieben 笠, sitzt auf dem Kopf. Der bekannteste Typ ist der Sugegasa [菅笠]: ein konischer Hut aus Schilf, den Bauern gegen Sonne und Regen trugen. Wird er nass, dichtet das Geflecht ab. Brennt die Sonne, bleibt Luft unter der Kuppel.

Daneben stehen der Jingasa [陣笠] der Fußsoldaten und Samurai, oft lackiert, mit Wappen; der Amigasa aus geflochtenem Stroh, den man bei Volkstänzen sieht; der tiefe Takuhatsugasa der bettelnden Mönche, der das Gesicht halb verdeckt. Der Hut ist der Schirm, den man nicht in der Hand trägt.

Wenn Japan den Schirm neu erfindet

Japan erfindet Alltagsdinge gern ein zweites Mal. Nicht jeder dieser Schirme ist weit verbreitet – manche existieren vor allem als Gag, Designstudie oder Souvenir.

Manche Modelle zeigen ein Muster erst, wenn Wasser drauftrifft. Andere haben ein Visier, das den Kopf ganz bedeckt und trotzdem Sicht lässt. Es gibt Schirme, die sich beim Öffnen und Schließen umstülpen, und solche, die man sich am Arm festbindet, damit die Hände frei bleiben. Hut-Schirme gibt es auch: den kasa, den man aufsetzt statt zu tragen. Sogar Hüte, auf denen man sitzen kann, wurden ausprobiert.

Bunte kreative Regenschirme in Japan
  • Samurai-Schirm – sieht aus wie ein normaler Schirm, erinnert im Griff an eine Katana.
  • Kokeshi-Schirm – am Griff sitzt eine Kokeshi-Puppe.
  • Vegetabrella – der Schirm, der sich optisch in einen Salat verwandelt hat.

Und dann die schräge Nummer: Das Million Girls Project brachte einen Schirm auf den Markt, den Upskirt Umbrella. Unter der Fläche sieht der Träger die Beine und die Unterwäsche einer Anime-Schülerin. Japan verkauft das eigene Klischee gern als Witz – der Witz bleibt geschmacklos, der Schirm existierte trotzdem.

Bizarre Schirmkreationen aus Japan, darunter auffällige Motivschirme

Wenn zwei unter einem Schirm gehen, heißt das nicht mehr nur kasa, sondern Aiaigasa: denselben Schirm teilen, mit dem Wortspiel auf ai, Liebe. Der Alltagsschirm wird dann zur Geste – und kasa ist plötzlich mehr als Wetterschutz.

Quellen und nützliche Links

Über den Autor

Kevin Henrique

Spezialist mit mehr als 10 Jahren Erfahrung in asiatischer Kultur, mit Fokus auf Japan, Korea, Anime und Spiele. Autodidakt, Autor und Reisender, der Japanisch, Reisetipps und tiefgehende Kuriositäten vermittelt.

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