Haben Sie jemals darüber nachgedacht, für einen Kaffee zu bezahlen oder einfach mit jemandem spazieren zu gehen, den Sie noch nie zuvor gesehen haben? In Japan gibt es das – und es hat sogar einen Namen: Ossan Rental [おっさんレンタル], was wörtlich „Miet-Onkel“ oder „Miet-Großvater“ bedeutet. Es klingt vielleicht seltsam, aber die Idee ist keineswegs obskur. Es ist ein neugieriger Dienst, der gleichzeitig einfach und tiefgründig ist und sowohl innerhalb als auch außerhalb Japans Aufmerksamkeit auf sich zieht.
In der Praxis mieten Sie einen Mann mittleren Alters, der Sie in alltäglichen Situationen begleitet: reden, zuhören, Ratschläge geben oder einfach nur da sein, an Ihrer Seite. Keine Romantik, keine Hintergedanken. Es ist tatsächlich Gesellschaft. Und wenn man sich den beschleunigten und einsamen Lebensstil der großen japanischen Städte ansieht, fängt alles an, Sinn zu ergeben.
Was genau ist Ossan Rental?
Das Wort ossan ist eine umgangssprachliche Art, sich auf ältere Männer zu beziehen, ähnlich wie unser „Onkel“. Das Angebot des Dienstes ist einfach: Sie bezahlen pro Stunde und wählen einen dieser „Onkel“ aus, um Zeit mit ihm zu verbringen.
Es kann sein, um in ein Café zu gehen, einkaufen zu gehen, einen Park zu besuchen, eine Arbeitspräsentation zu üben oder einfach nur jemanden zum Zuhören zu haben. Wichtig ist, dass diese Männer nicht da sind, um zu urteilen oder zu kritisieren. Sie bieten genau das, was vielen Menschen fehlt: Aufmerksamkeit.
Viele fragen sich: Warum heißt der Dienst Ossan Rental und nicht Ojisan Rental? Beide Begriffe bedeuten schließlich „Onkel“ auf Japanisch. Der Unterschied liegt im Ton: ojisan ist die neutralere und respektvollere Form, die im Alltag verwendet wird, um sich höflich auf echte Onkel oder ältere Männer zu beziehen. ossan hingegen hat eine zwanglosere und sogar etwas komische Nuance, so ähnlich, wie man im Deutschen jemanden scherzhaft „Onkel“ nennt.

Wie ist diese Idee entstanden?
Der Dienst wurde 2012 von Takanobu Nishimoto in Tokio gegründet. Er arbeitete als Stylist und Universitätsprofessor, bemerkte aber etwas Auffälliges: Viele Menschen in seinem Umfeld schienen einsam und hatten niemanden, mit dem sie offen reden konnten. Seine Idee? Sich selbst als „Miet-Onkel“ anzubieten.
Der Preis war bewusst niedrig angesetzt – etwa 1.000 Yen pro Stunde, also rund sieben Euro. Bald kamen unerwartete Anfragen: junge Leute, die Ratschläge wollten, ältere Menschen, die Gesellschaft suchten, und arbeitende Menschen, die einfach nur Dampf ablassen wollten. Was als Experiment begann, wurde zu einem Netzwerk von „verfügbaren Onkeln“, die über mehrere japanische Städte verteilt sind.
In Interviews erzählte Nishimoto, dass er keinen so großen Erfolg erwartet hatte. Er selbst war überrascht, als er bemerkte, wie groß die Nachfrage nach etwas so Grundlegendem wie einem ehrlichen Gespräch war.

Warum wurde der Dienst in Japan so beliebt?
Genau diese Frage lässt Ausländer aufhorchen. Warum sollte jemand dafür bezahlen, ein einfaches Gespräch zu führen? Einige Antworten hängen eng mit dem japanischen Alltag zusammen:
- Großstadt-Einsamkeit: in Tokio oder Osaka zu leben kann erdrückend sein. Millionen von Menschen gehen täglich an Ihnen vorbei, doch viele fühlen sich unsichtbar in der Menge.
- Sozialer Druck: junge Menschen werden zum Studieren, hartem Arbeiten und Erfolg gedrängt. Über Schwächen oder Unsicherheiten mit der Familie zu sprechen, ist für viele keine Option.
- Respekt vor Erfahrung: in Japan trägt die Figur eines älteren Mannes immer noch die Idee von Lebenserfahrung und Ruhe. Einen neutralen „Onkel“ als Gesprächspartner zu haben, wirkt da ganz natürlich.
- Neutralität: anders als Freunde oder Verwandte hat ein gemieteter ossan keine Erwartungen an Sie. Er hört nur zu – und genau das kann befreiend sein.
Betrachtet man den Dienst aus diesem Blickwinkel, wirkt Ossan Rental weit weniger exzentrisch, oder?

Was passiert bei einem Treffen mit einem Ossan Rental?
Es gibt kein „Paket von der Stange“. Der Kunde entscheidet, wie das Treffen aussieht. Einige Beispiele, die in der Presse bereits erwähnt wurden:
- Eine junge Studentin mietete einen ossan, um Vorstellungsgespräche zu üben.
- Ein verwitweter Herr buchte den Dienst nur, um in einem Park spazieren zu gehen und über alte Musik zu reden.
- Gestresste Arbeitnehmer vereinbarten Treffen in Cafés, um sich über Vorgesetzte auszusprechen, ohne Angst vor Klatsch zu haben.
Und natürlich gibt es auch ganz einfache Treffen: gemeinsam ausgehen, über Hobbys sprechen, einen Film anschauen. Wichtig zu wissen: es ist ausdrücklich nichts Romantisches und nichts Illegales. Das Angebot ist schlicht Gesellschaft.
Was sagt uns das über die japanische Gesellschaft?
Der Ossan Rental verrät weit mehr als nur eine kuriose Dienstleistung. Er berührt tiefe soziale Fragen:
- Das Wachsen der Einsamkeit in hochurbanisierten Ländern.
- Die Schwierigkeit, echte Bindungen im beschleunigten Alltag zu knüpfen.
- Den Wert, jemanden zu haben, der bereit ist, wirklich zuzuhören.
Es ist unmöglich, dabei nicht an bereits bekannte Phänomene wie hikikomori (extreme soziale Isolation) oder kodokushi (einsamer Tod) zu denken. Gleichzeitig zeigt Ossan Rental aber auch einen kreativen Ausweg, mit diesen Problemen umzugehen.
Vielleicht am interessantesten ist die Erkenntnis, dass dieses Bedürfnis nicht nur in Japan existiert. Wie viele Menschen weltweit würden sich nicht einen sicheren Raum wünschen, um mit einem neutralen Gegenüber zu reden, ohne Angst vor Verurteilung?
Der Ossan Rental mag auf den ersten Blick belustigend wirken, doch er trägt eine wichtige Lektion in sich: Im Grunde brauchen wir manchmal vor allem anderen, einfach nur gehört zu werden. Der Dienst zeigt, wie selbst etwas scheinbar Banales eine tiefe Wirkung auf das Leben von jemandem haben kann, der sich einsam fühlt. Wer beim nächsten Mal denkt, Japan bringe nur technologische Innovationen hervor, darf also getrost an dieses menschliche Detail erinnert werden: Dort sind auch kreative soziale Lösungen entstanden, wie das Mieten eines Herrn zum Reden. Und seien wir ehrlich – in Zeiten digitaler Einsamkeit klingt diese Idee gar nicht mehr so absurd.
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