Wenn wir denken, dass wir alles gesehen haben, überrascht uns Japan. Mitten im Finanzviertel Otemachi lag einmal eine Farm im zweiten Untergeschoss: Pasona O2, gesprochen „Oh-tsū“. Hinter einer Aufzugstür, in einem ehemaligen Banktresor, wuchsen Reis, Rosen und Tomaten — ohne Fenster zur Straße.
Die Personalfirma Pasona machte daraus im Februar 2005 ein Schaufenster: Landwirtschaft mitten in Chiyoda, als Weg in den Agrarjob. Die Fotos mit Ästen, die aus Bürofenstern quellen, gehören allerdings zu einem anderen Haus. Zuerst der Keller.
Ohne Sonnenlicht halfen LEDs, Metalldampflampen und Natriumdampflampen. Ein Rechner steuerte Temperatur, Feuchte und Kohlendioxid. Pestizide brauchte der Keller kaum: Insekten kamen dort unten nicht hin. Manche Pflanzen standen in Nährlösung, fast ohne Erde — Hydroponik. Reis ließ sich so öfter ernten als draußen auf dem Feld; kommerziell reichte die Menge trotzdem nicht.

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Die sechs Räume unter Otemachi
Pasona O2 saß im Otemachi-Nomura-Gebäude (Chiyoda, 2-1-1), zweite Untergeschoss, auf rund 1.000 Quadratmetern. Sechs verglaste Zellen wirkten eher wie Labore als wie eine Scheune. Über 100 Sorten liefen dort, darunter Rosen und andere Blumen unter weißen LEDs, Tomaten an der Decke, Reis unter Metalldampf- und Hochdruck-Natriumlampen, Salat unter Leuchtstoffröhren. Samen keimten in Schubladen, damit keine Fläche verloren ging.
- Raum 1 — Blumenfeld
- Raum 2 — Kräuter
- Raum 3 — Reis
- Raum 4 — Obst und Fruchtgemüse
- Raum 5 — Blattgemüse
- Raum 6 — Samen und Keimung
Kono Designs, das später die Fassadenfarm plante, zählte in vier Betriebsjahren über 70.000 Besucher. 2009 schrieb die Japan Times, das Reisfeld sei im April schon Geschichte gewesen: In einem guten Jahr kamen etwa 60 Kilogramm Reis heraus — bei Strom- und Mietkosten, die zum Freiland nicht passten. Der Punkt war nie die Kalorie. Der Punkt war der Job.

Das Büro, das zur Farm wurde
2010 zog Pasona in ein rund fünfzig Jahre altes, neunstöckiges Haus in Otemachi 2-6-4, das Gofukubashi-Gebäude. Yoshimi Kono von Kono Designs ließ die Hülle stehen und baute sie um. Von knapp 20.000 Quadratmetern Geschossfläche gingen etwa 4.000 an Grün: über 200 Arten, vom Reis in der Lobby bis zu Tomatenranken über den Konferenztischen.
Hier stimmt das Bild, das oft fälschlich O2 zugeschrieben wird: Äste und Blätter, die aus der Doppelfassade quellen, Orangenbäume auf Balkonen, Zitrone und Passionsfrucht als Trennwand, Bohnen unter den Bänken. Mitarbeiter pflegten die Beete mit Agrarspezialisten; die Ernte landete in der hauseigenen Cafeteria. Wer vorbeikam, konnte zeitweise ins Café und auf die Anlage schauen — ein öffentliches Schaufenster, kein geheimer Keller mehr.

Das war kein Dekor an der Wand. Leitungen wurden an den Rand verlegt, damit zwischen den alten Unterzügen Pflanzen und Menschen Platz hatten. Ein Klimasystem glich Bürokomfort am Tag und Wachstum nach Feierabend aus.
Warum eine Personalagentur überhaupt ackerte
Pasona vermittelt Arbeitskräfte. Japan importiert den Großteil seines Getreides, und nutzbare Fläche ist knapp. Die Bürofarm sollte Stadtbewohnern Landwirtschaft riechen lassen, bevor sie aufs Land gingen: Seminare, Praktika, später Programme der Agrarstochter. Ob daraus dauerhaft Bauern wurden, ist eine andere Rechnung. Als Bild hat es gehalten.
Wer Karōshi kennt, sieht die andere Seite desselben Arbeitsmarkts: Dieselben Bürotürme, die Menschen verbrennen, sollten hier einen zweiten Pfad zeigen — nicht als Idylle, sondern als Jobangebot in der Landwirtschaft.
Heute führt der Aufzug ins Leere
Pasona O2 war nach wenigen Jahren zu. Die Besichtigung der Urban Farm endete am 28. April 2017, weil die Gruppe umzog; das Gofukubashi-Gebäude wurde im Juni 2017 geschlossen und später abgerissen. In der neuen Zentrale gab es zeitweise noch eine Schaufenster-Ranch mit Tieren — wieder Werbung für Agrarberufe, kein Stadtpark.
Wer in der Nähe des Bahnhofs Tokio steht, findet die Farm also nicht mehr im Tresor und nicht mehr an der alten Fassade. Was bleibt, sind die Fotos, die Zahlen und die Pointe: Unter einem Tresor wuchs Reis, über den Schreibtischen Tomaten — so lange, bis die Stadt das Haus selbst wieder verschluckte.
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