Wie wird Japanisch geschrieben und gelesen?

Wie wird Japanisch geschrieben und gelesen?

Tategaki, Yokogaki und der Mythos, Japanisch werde von hinten nach vorne gelesen.

Manga und traditionelle Bücher öffnen sich oft „von hinten“ – und schon denken viele, Japanisch werde wie Arabisch von rechts nach links gelesen. Die Wahrheit ist unaufgeregter und spannender zugleich: Die Richtung hängt davon ab, ob der Text senkrecht oder waagerecht steht.

Die japanische Schrift springt nicht wild umher. Sie nutzt zwei etablierte Layouts – und die Zeichen selbst behalten dabei dieselbe Form. Genau diese Flexibilität verwirrt Lernende, sobald Manga, Zeitung und Smartphone-Chat nebeneinander liegen.

Wer die Schrift besser einordnen will, findet hier den Überblick zu Japanisch schreiben – schwer und nötig? und den Kana-Guide zu Hiragana und Katakana.

Inhalt 6

Wird Japanisch rückwärts gelesen – von hinten nach vorne?

Die kurze Antwort: Nein. Japanisch wird nicht „rückwärts“ gelesen, nur weil ein Band auf der rechten Seite beginnt. Bei vielen Büchern und Manga liegt der Rücken rechts, der Schnitt links; man blättert also andersherum als im Deutschen – die Zeichen folgen aber einer klaren Leserichtung.

In den meisten Alltagstexten und im digitalen Leben verläuft die waagerechte Schrift wie im Deutschen: von links nach rechts. Der Mythos entsteht vor allem durch vertikale Layouts und durch die Gewohnheit, japanische Bände „von hinten“ aufzuschlagen – nicht dadurch, dass jedes Zeichen seitenverkehrt stünde.

Elektronische Ausgabe der Asahi Shimbun mit japanischem Zeitungstext

Die traditionelle Form in Zeitungen, vielen Romanen und Manga ist vertikal. Diese Schreibweise heißt Tategaki [縦書き] – wörtlich „vertikales Schreiben“. Man liest jede Spalte von oben nach unten und springt dann zur nächsten Spalte links daneben, also Spalte für Spalte von rechts nach links.

Historisch hängt das mit Pinsel und Schriftrolle zusammen: Der Text floss in Spalten über das Papier, das man rollte. Heute bleibt Tategaki stark in Literatur, Manga, Light Novels, manchen Lehrwerken und redaktionellen Layouts präsent – oft mit dem Buchrücken rechts.

Furigana neben Kanji als Lesehilfe im japanischen Text

Wichtig: Vertikal zu lesen heißt nicht, die Zeichen „umgedreht“ zu schreiben. Die Strichfolge eines Kanji oder Kana beginnt in der Regel oben und oft links; die Zeichenform bleibt in jeder Layout-Richtung gleich. Japanische Zeichen werden nicht wie lateinische Schreibschrift zu einem durchgehenden Zug verbunden – das erleichtert den Wechsel zwischen senkrecht und waagerecht.

Hiragana-Silben als Übersicht der japanischen Silbenschrift

Die horizontale Schrift von links nach rechts heißt Yokogaki [横書き] – „horizontales Schreiben“. Sie setzte sich vor allem seit der Moderne und nach dem Zweiten Weltkrieg stärker durch, unter dem Einfluss westlicher Layouts, Technik und internationaler Texte. Es gab sie schon früher, aber sie war nicht der Alltagstandard.

Heute dominiert Yokogaki in Schulen, Lehrbüchern, Formularen, Schildern, Apps und dem gesamten Netz. Übersetzte Sachbücher und alles, was viele lateinische Buchstaben oder Zahlen mischt, erscheint ebenfalls meist waagerecht – weil es mit Rōmaji und arabischen Ziffern reibungsloser läuft.

Japanische Bücher und Bände mit gemischten Schriftlayouts

Was ist gebräuchlicher: vertikal oder horizontal?

Es gibt kein „richtiges“ Layout für alle Situationen. Tategaki und yokogaki leben nebeneinander; oft entscheiden Genre, Medium und redaktionelle Gewohnheit. In einer Zeitung können Artikel senkrecht laufen, während Überschriften und Bildzeilen waagerecht sitzen.

Für viele Japanerinnen und Japaner ist der Wechsel selbstverständlich. Manche ältere Leserinnen und Leser fühlen sich mit vertikalen Texten vertrauter; im digitalen Alltag ist die horizontale Zeile die Norm. Wer tiefer in alte Schreibträger eintauchen will, kann die Mokkan – Holztafeln des alten Japans ansehen.

Bevor sich die westliche Linksläufigkeit durchsetzte, kam waagerechte Schrift oft von rechts nach links vor – vor allem dort, wo wenig Platz war oder ein Layout an die vertikale Spaltenlogik erinnerte. Man behandelte die Zeile eher wie eine „kurze Spalte“ in der alten Leserichtung.

Heute wirkt diese Form retro und taucht vor allem auf historischen Schildern, alten Werbeplakaten oder bewusst nostalgischen Designs auf. Die Zeichen selbst bleiben dabei lesbar und nicht gespiegelt – nur die Reihenfolge der Zeichen in der Zeile läuft anders als im modernen Yokogaki.

Horizontale japanische Schrift auf Schildern und im Stadtbild von Tokio

Die Satzstellung fühlt sich „umgekehrt“ an

Selbst wenn die Schrift von links nach rechts läuft, stolpern Lernende oft über die Grammatik: Japanisch folgt in der Regel dem Schema SOV – Subjekt, Objekt, Verb. Das Verb steht typischerweise am Satzende. Das hat nichts mit der Leserichtung der Zeichen zu tun, verändert aber das Lesetempo und die Erwartung, wann die Aussage „ankommt“.

Die Struktur ist regelhaft und lernbar, aber sie verlangt Übung, bis der Kopf aufhört, deutsche Wortfolge zu erwarten. Wer Sätze bewusst aufbauen will, findet hier die SOV-Struktur – Sätze auf Japanisch bilden.

Quellen und nützliche Links

Über den Autor

Kevin Henrique

Spezialist mit mehr als 10 Jahren Erfahrung in asiatischer Kultur, mit Fokus auf Japan, Korea, Anime und Spiele. Autodidakt, Autor und Reisender, der Japanisch, Reisetipps und tiefgehende Kuriositäten vermittelt.

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