Der Tanuki (狸) – auf Deutsch meist Marderhund oder Waschbärhund – ist kein Waschbär. Er ist ein hundeartiges Tier aus Japan, wird etwa 50 bis 68 Zentimeter lang und wiegt zwischen 4 und 10 Kilogramm. Das Erste, was man sieht, sind die schwarzen Ringe um die Augen, und genau die haben Übersetzungen jahrelang in die Irre geführt.
In manchen Regionen heißt dasselbe Tier auch Mujina (貉). Das Wort kann dort den Tanuki meinen oder den japanischen Dachs, je nach Gegend. Wer fragt, ob ein Tanuki ein Hund, ein Waschbär oder ein Dachs sei, stellt also keine dumme Frage: Die Sprache selbst hat das durcheinandergebracht.

Inhalt 5
Verhalten und Lebensstil
Tanuki sind Allesfresser. Samen und Früchte gehören dazu, ebenso Frösche, Eidechsen, kleine Nagetiere, Insekten und Aas. Wild sind sie trotzdem selten angriffslustig: Lieber weichen sie aus, und in der Not stellen sie sich tot.
Sie leben mit einem Partner. Die Tragzeit dauert rund 60 Tage, und das Männchen hilft bei der Aufzucht: Es bringt Futter für die Jungen und die Partnerin, bis die Kleinen nach etwa 50 Tagen abgesetzt werden.
Unter den Hundeartigen sind sie die Einzigen, die in kalten Wintern in eine Art Winterruhe fallen. Davor legen sie deutlich Fett an. Anders als der echte Waschbär sind sie keine geschickten Kletterer; sie durchstreifen eher den Waldboden und Ufer, ähnlich einem Dachs.
Wer in Deutschland einen Marderhund am Waldrand sieht, trifft übrigens nicht den Tanuki der Izakaya-Statue. Der europäische Marderhund ist ein Verwandter, der im 20. Jahrhundert aus Pelzfarmen und Aussetzungen nach Westen wanderte. Das japanische Tier bleibt das Vorbild für Bake-danuki und Keramik.
Auch wenn es Berichte gibt, dass Menschen sie halten, wurden Tanuki in Japan lange gejagt – wegen des Fleischs, dem man Heilkräfte nachsagte, und wegen des Fells. In älteren Zählungen machten sie einen nennenswerten Teil der in Japan erlegten Tiere aus. Das industrielle Züchten für Pelz, im Handel oft als Seefuchs, geschah vor allem außerhalb Japans, nicht in den Wäldern, in denen der Tanuki als Yōkai weiterlebt.
Wie der Fuchs erscheint der Tanuki in der Folklore als Wesen, das die eigene Gestalt wechseln kann. Auf Bildern und Statuen trägt er einen Strohhut und eine Sake-Flasche, dazu einen großen Bauch und ein enormes Skrotum. Die Geschichten machen ihn verspielt, fröhlich, freundlich – und trotzdem mit einem Rest Bosheit.

Tanuki in der japanischen Kultur
Die Alten malten ihn oft als unheimliches Monster. Heute steht die Figur für Großzügigkeit, Freude und eine gewisse Unschuld. Deshalb stehen die Statuen vor Läden, Häusern und besonders vor Restaurants und Bars, ähnlich wie die Maneki Neko Kunden anlocken soll.
Will man das Tier vom Geist unterscheiden, sagen viele Bake-danuki (化け狸) oder Tanuki-bake. Der Yōkai gilt als Trickser: Er verwandelt sich in Mönche, Teekessel oder Menschen, trommelt auf dem Bauch und spielt den Leuten Streiche. Der Fuchs Kitsune macht etwas Ähnliches, wirkt aber oft eleganter – der Tanuki bleibt der Tollpatsch mit Hut.
Bunbuku chagama – der Teekessel, der reich machte
Die bekannteste Sage heißt Bunbuku chagama (分福茶釜). Ein armer Holzfäller rettet einen Tanuki. Zum Dank verwandelt sich das Tier in einen prächtigen Teekessel. Der Mann verkauft ihn an einen Tempelpriester. Als der Kessel über dem Feuer hängt, wird es dem Tanuki zu heiß: Er nimmt seine Gestalt zurück und haut ab. In späteren Fassungen kehrt er zum Holzfäller zurück und macht ihn mit Tricks reich. Hokusai hat die Geschichte 1847 noch einmal erzählt.
Acht Zeichen auf der Statue
Manche glauben an einen legendären Tanuki, der Glück bringt. Die Keramikfigur – vor allem aus Shigaraki in der Präfektur Shiga, wo der Töpfer Fujiwara Tetsuzō im 20. Jahrhundert den heute üblichen Typ festlegte – trägt oft acht Merkmale:
- Strohhut – Schutz, wenn das Wetter oder das Geschäft umschlägt
- Große Augen – die Lage erkennen und entscheiden
- Sake-Flasche – Tugend, oder wenigstens die Bereitschaft zum Anstoßen
- Dicker Schwanz – Standfestigkeit, bis etwas gelingt
- Übergroßes Skrotum – Geldglück; japanisch kintama (金玉) heißt wörtlich „goldene Kugeln“. In der Edo-Zeit wickelte man Blattgold in Tanukihaut, weil sie sich so dünn schlagen ließ – daher der Aberglaube, da stecke Gold drin
- Schuldschein – Vertrauen, dass man zahlt
- Großer Bauch – ruhige, kühne Entscheidung
- Lächeln – Freundlichkeit, die Gäste hereinnimmt
In Tokushima gibt es Anfang November das Festival Awa no Tanuki (阿波の狸まつり), seit 1978 das große Herbstfest der Stadt.

Tanuki in Spielen und Anime
Im Westen kennen viele den Tanuki zuerst aus Super Mario Bros. 3. Mario bekommt den Tanooki Suit: Er kann schweben und sich in eine Statue verwandeln – unverwundbar ist sie trotzdem nicht.
Studio Ghibli hat 1994 mit Pom Poko (平成狸合戦ぽんぽこ) ein ganzes Rudel Bake-danuki gegen die Zersiedelung der Tama-Hügel geschickt. Im Englischen wurden sie oft fälschlich als Waschbären untertitelt. In Animal Crossing heißt der Ladenbesitzer auf Japanisch Tanukichi – im Deutschen Tom Nook. Und wer japanische Monster und Legenden oder eine Liste der Yōkai durchgeht, trifft den Tanuki neben Kitsune und Mujina immer wieder.
Die Tiernamen auf Japanisch helfen, das echte Tier vom Geist zu trennen: 狸 bleibt Tanuki, auch wenn die Statue vor der Izakaya längst ein anderes Leben führt.
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