Walfang in Japan: Lügen und Wahrheiten

Walfang in Japan: Lügen und Wahrheiten

Zwischen Tradition, Quote und Empörung – was am Walfang in Japan oft falsch erzählt wird.

Im Netz taucht der Walfang in Japan ständig auf – und unter den Kommentaren fliegen oft hasserfüllte Sätze, ohne dass klar ist, was tatsächlich passiert. Warum jagen Japaner Wale? Und was bleibt in den Schlagzeilen oft weg?

Bevor man ein ganzes Land pauschal aburteilt, lohnt sich ein Blick auf Geschichte, Recht, Zahlen und den winzigen Anteil der Gesellschaft, der mit dem Fang überhaupt zu tun hat. Hier geht es um Hogei, um die IWC, um Quoten – und um die Heuchelei, die manch westliche Debatte begleitet.

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Hogei – der Walfang

Hogei [捕鯨] ist das japanische Wort für den Fang von Walen und Delfinen. Heute meint man damit vor allem drei Kontexte: kommerziellen Fang, wissenschaftlichen Fang und den traditionellen Eigenbedarf indigener Gemeinschaften (nicht „gerettete Wale“, sondern aboriginal subsistence whaling im internationalen Sprachgebrauch).

In Japan gibt es Walfang seit prähistorischer Zeit; es entwickelten sich Techniken, die sich vom industriellen Westen unterschieden. In der Edo-Zeit organisierten große Gruppen, die man Hogeishūdan [捕鯨集団] nannte, den systematischen Fang.

Wer tiefer in Praxis und Geschichte eintauchen will, findet ausführliche Darstellungen in der japanischen Wikipedia zu Nihon no hogei oder unter den Stichworten hogei [捕鯨] und nihon no hogei [日本の捕鯨]. Hier geht es nicht darum, die Jagd zu verklären – sondern darum, Begriffe und Fakten sauber zu halten.

Die Geschichte des Walfangs

Aus der Jōmon-Zeit sind in Japan Walknochen in Siedlungsresten nachgewiesen; auch auf der koreanischen Halbinsel finden sich prähistorische Darstellungen mit Walbezug (oft mit Bangudae in Verbindung gebracht).

In Europa wurde der Walfang unter anderem durch baskische Fischer ab dem Mittelalter stark ausgeweitet. Lange ging es um Tran (Walöl), Barten und Fleisch. Mit neuen Waffen und Schiffen wurde der Fang industriell und verheerend für viele Bestände.

In Japan taucht in der Nara-Zeit (8. Jahrhundert) in der Literatur das Wort Isanatori für den Walfang auf. Frühe Methoden nutzten speerartige Waffen; ab dem 16. und vor allem im 17. Jahrhundert kamen Netztechniken hinzu. Wale sind schnell und sinken nach dem Tod oft ab – deshalb brauchte es große, gut organisierte Mannschaften.

Vom Fang bis zur Zerlegung, der Gewinnung von Tran und der Konservierung von Fleisch entstanden in Walfangorten eigene Arbeitskulturen: Gebete um sicheren Fang, Dank und Trauer um die Tiere. Historische Schätzungen zu Gesamtzahlen über Jahrhunderte schwanken stark; wichtig ist der Befund, dass Walfang in Japan kein „Trend von gestern“ ist, sondern eine lange, regional verankerte Praxis – mit Brüchen in der Moderne.

Wie war der Walfang in den letzten Jahrzehnten?

1974 führte die Internationale Walfangkommission (IWC) das „New Management Procedure“ (NMP) ein; in den folgenden Jahren wurden Fangregeln für mehrere Bestände massiv verschärft. 1982 beschloss die IWC das Moratorium für den kommerziellen Walfang (wirksam ab Mitte der 1980er). Japan akzeptierte die Aussetzung des kommerziellen Fangs 1985/86 und stellte den klassischen Verkaufsfang in dieser Form ein.

Ab 1987 betrieb Japan Walfang unter dem Label wissenschaftlicher Programme – unter anderem in antarktischen Gewässern und im Nordpazifik. Das stieß international auf scharfe Kritik: Gegner sprachen von einem Decmantel, weil Fleisch aus Forschungsprogrammen später in den Handel kam. 1994 verabschiedete die IWC das „Revised Management Procedure“ (RMP).

Norwegen und Island setzten unter Vorbehalt bzw. mit speziellen Rechtskonstruktionen weiterhin kommerziellen Fang im Nordatlantik fort. Japan kündigte Ende 2018 den Austritt aus der IWC an und schied zum 30. Juni 2019 aus; am 1. Juli 2019 nahm es den kommerziellen Walfang in den eigenen Gewässern und der ausschließlichen Wirtschaftszone wieder auf – nicht mehr mit dem antarktischen Forschungsprogramm wie zuvor.

Hongeimondai – die Walfang-Kontroverse

Hogeimondai [捕鯨問題] heißt wörtlich „Walfangproblem“ bzw. die gesellschaftliche und politische Debatte um den Walfang. Die Kontroverse ist nicht nur „Westen gegen Japan“: Auch in Japan selbst gibt es Kritik, Protest und Gleichgültigkeit – je nach Generation, Region und Nähe zu alten Walfanghäfen.

International prägen Bilder von Harpunen, Protestschiffen und emotionalen Kampagnen die Wahrnehmung. Im Inland wird oft betont, dass es um Souveränität über Küstenfischerei, um regionale Tradition und um eine Form der Meeresnutzung gehe, die andere Länder mit Rind, Schwein oder Thunfisch betreiben – nur eben mit anderen Tieren. Beides gleichzeitig zu sehen, ohne die Praxis zu romantisieren, ist der schwierigere, ehrlichere Weg.

Warum jagen Japaner Wale?

Historisch: Nahrung, Tran als Brenn- und Hilfsstoff, Barten für Handwerk, gesalzene Teile für die Lagerung. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte Walfleisch zeitweise eine größere Rolle in der Proteinversorgung; in den 1950er- und 1960er-Jahren lag der Verbrauch spürbar höher als heute.

Heute ist Walfleisch im Alltag der meisten Japanerinnen und Japaner selten bis unsichtbar. Der kommerzielle Fang läuft mit staatlichen Quoten; wissenschaftliche Argumente spielten vor 2019 eine große Rolle in der offiziellen Rhetorik – und wurden von Tierschutzorganisationen massiv angezweifelt. Wer behauptet, „ganz Japan“ lebe von Wal, verwechselt Nischenpolitik und Nahrungskultur mit dem Alltag von gut 120 Millionen Menschen.

Ist Japan das einzige Land, das derzeit Wale jagt?

Nein. Historisch jagten viele Staaten Wale; der industrielle Fang des 19. und 20. Jahrhunderts hat etliche Bestände schwer getroffen. Derzeit stehen vor allem Japan, Norwegen und Island im Fokus des kommerziellen Großwalfangs – mit unterschiedlichen Rechtsgrundlagen (IWC-Austritt, Einspruch, Vorbehalt).

Daneben gibt es unter IWC-Regeln und nationalen Regeln den Eigenbedarf indigener Gemeinschaften (unter anderem in Teilen der Arktis). Manche Länder melden Beifang von Walen in Netzen; illegale Fänge kommen vor und werden oft kontrovers diskutiert. Kleinwale und Delfine unterliegen nicht immer denselben IWC-Regeln wie große Barten- und Pottwale – nationale Gesetze regeln vieles davon.

Kurz: Wer nur „Japan“ schreit und Norwegen, Island, indigene Quoten oder den eigenen nationalen Umgang mit Meeressäugern ausblendet, betreibt selektive Empörung. Das rechtfertigt keinen Fang – es entlarvt aber doppelte Standards.

Essen Japaner Walfleisch?

Mit dem IWC-Moratorium endete der klassische kommerzielle Verkaufsfang in Japan vorübergehend; Forschungsprogramme lieferten später trotzdem Fleisch in den Handel – und genau das war der Kern vieler Vorwürfe. Seit der Rückkehr zum kommerziellen Fang 2019 geht es offiziell wieder um Verkauf und Konsum unter Quote, nicht mehr um antarktische „Forschungsjagden“ im alten Stil.

Der Pro-Kopf-Verbrauch in Japan ist nach unabhängigen Berichten sehr niedrig (Größenordnung von wenigen Dutzend Gramm pro Jahr und Person – also kein Alltagsessen). Ein Teil der Nachfrage kommt aus Nischen, regionalen Gerichten und – wie in anderen Ländern auch – aus touristischer Neugier. Walfleisch zu „absurd hohen Preisen“ als Massenexport zu stilisieren, überschätzt oft den realen Markt.

Tran (Walöl) ist heute praktisch irrelevant im japanischen Alltag; wenn in Übersetzungen ständig „Walöl“ statt „Walfleisch“ steht, ist das meist ein Übersetzungsfehler, kein kulinarisches Geheimnis.

Wale und Walfang – Symbolbild zur Debatte in Japan

Sind Wale vom Aussterben bedroht?

„Der Wal“ ist keine einzige Art. Manche Bestände haben sich erholt, andere bleiben gefährdet oder regional unter Druck. Zwergwale (Minke) gehören zu den häufiger bejagten und in manchen Schätzungen vergleichsweise zahlreichen Beständen – das macht die Jagd ethisch nicht harmlos, relativiert aber pauschale Aussterbens-Slogans.

Ein zentrales Problem bleibt die langsame Reproduktion vieler Walarten. Wer Bestände und Quoten ernsthaft beurteilen will, braucht artspezifische Daten und unabhängige Bewertungen – nicht nur ein Viral-Video. Gleichzeitig gilt: Auch „nicht aussterbend“ ist kein Freifahrtschein für unbegrenzten Fang.

Jagen Japaner wieder kommerziell Wale?

Ja. Mit dem IWC-Austritt 2019 endete die Anbindung an das Moratorium; Japan beschränkt den Fang seither auf die eigenen Gewässer und die AWZ und setzt jährliche Quoten. Für 2019 lag die Quote beispielsweise bei 52 Zwergwalen, 150 Bryde-Walen und 25 Seiwalen (insgesamt 227 Tiere) – deutlich unter manchen früheren Forschungsquoten, aber eben wieder klar kommerziell.

In späteren Jahren wurden Quoten und Artenlisten angepasst; die Fischereibehörde veröffentlicht dazu Dokumente (TAC/Fanglimits). Wichtig für die Debatte: Es gibt Obergrenzen und Managementansprüche – und zugleich anhaltende Kritik an Tierleid, Transparenz und Notwendigkeit. Beides kann man benennen, ohne in Fanfiction oder in reinen Hasskommentar abzurutschen.

Ob man den Fang moralisch ablehnt (viele tun das, inklusive Japaner), ist eine Sache. Eine andere ist, so zu tun, als gäbe es keine Quote, keine Geschichte und keine anderen fangenden Staaten.

Keine pauschale Heuchelei

Es ist legitim, den Tod von Walen schmerzhaft zu finden – ob unter Forschungsflagge oder als Kommerz. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass „die Japaner“ als Volk Blutdurst hätten. Ein winziger Sektor, politische Beharrung und mediale Zuspitzung sind nicht dasselbe wie 120 Millionen Alltagsbiografien.

Walfleisch zu essen ist in Japan ungefähr so alltagsnah wie manch exotisches Fleisch woanders: möglich, bekannt, aber für die meisten irrelevant. Viele Japanerinnen und Japaner interessieren sich kaum dafür oder lehnen den Fang ab – und trotzdem bleibt das Thema ein internationales Reizthema.

Verurteilt man ein ganzes Land wegen einer Handvoll Akteure und Bürokratien? Warum nur Japan, wenn andere Staaten ebenfalls jagen oder Fleisch importieren und exportieren? Reißerische Schlagzeilen ohne Kontext heizen genau den Hass an, den man später an der „ Ignoranz der anderen“ kritisiert. Ähnliche Muster sieht man bei Debatten über Suizid in Japan oder Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit: ein Ausschnitt wird zur Totalkarikatur.

Das alte Bild vom Splitter und Balken gilt hier brutal: Bevor man einem Land pauschal Naturzerstörung vorwirft, lohnt der Blick auf die eigene Umweltbilanz, den eigenen Fleischkonsum und die eigenen Doppelstandards. Wir können gegen Walfang sein und gleichzeitig gegen billigen Hass und Desinformation. Beides gehört zusammen – sonst bleibt nur Lärm.

Quellen und nützliche Links

Über den Autor

Kevin Henrique

Spezialist mit mehr als 10 Jahren Erfahrung in asiatischer Kultur, mit Fokus auf Japan, Korea, Anime und Spiele. Autodidakt, Autor und Reisender, der Japanisch, Reisetipps und tiefgehende Kuriositäten vermittelt.

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