Die meisten Kanji, die man im Japanischen liest und schreibt, kamen irgendwann aus China. Und dann gibt es die andere Gruppe: Zeichen, die in Japan selbst entstanden sind – zusammengesetzt aus bekannten Teilen, aber ohne chinesisches Vorbild für genau diese Form. Man nennt sie Kokuji (国字), wörtlich Landeszeichen, auch Wasei-Kanji (和製漢字).
Wer Japanisch lernt, stolpert oft über 働, 峠 oder 辻 und fragt sich, warum sie „anders“ wirken. Der Clou: Viele Kokuji haben vor allem eine Kun-Lesung, weil sie für japanische Wörter gebaut wurden – und ein paar davon gehören sogar zu den Zeichen, die man im Alltag wirklich braucht.
Inhalt 4
Was sind Kokuji – und wie entstehen sie?
Kokuji entstehen, indem man bestehende Komponenten (Radikale und Teile anderer Kanji) neu kombiniert. Klassisches Beispiel: 峠 (tōge), „Bergpass“, aus 山 (Berg) plus 上 und 下 – oben und unten am Berg. 辻 (tsuji) verbindet den „Geh“-Radikal mit 十 und meint die Kreuzung. 榊 (sakaki) setzt 木 und 神 zusammen: der Baum, der im Shintō eine Rolle spielt.
Wie viele es genau gibt, ist nicht abschließend geklärt. Listen in Wörterbüchern und Fachquellen schwanken; man spricht oft von mehreren hundert Formen, von denen die meisten heute selten sind. Entscheidend ist die strenge Lesart: Als Kokuji gilt in der Regel, was zuerst in Japan bezeugt ist – nicht jedes Zeichen, das Japaner irgendwann „nachgebaut“ haben, wenn es schon früher in chinesischen Texten vorkam.
Obwohl die Zeichen keine direkte chinesische Herkunft haben, tragen manche trotzdem eine On-Lesung – abgeleitet vom Radikal oder von einem verwandten Kanji. Das bekannteste Beispiel ist 働 (dō / hataraku), „arbeiten“, das die On-Lesung von 動 übernimmt. Selten gibt es fast nur On, etwa bei 腺 (sen), „Drüse“, das in der Meiji-Zeit für medizinische Fachsprache geprägt wurde.
Häufige Kokuji – Liste mit Lesungen
Auch ohne chinesische Vorlage können also On- und Kun-Lesungen vorkommen. Unten eine Auswahl der gebräuchlichsten Kokuji, die man in Texten, Namen und Lernlisten immer wieder trifft – unter anderem Zeichen, die in die Jōyō-Kanji aufgenommen wurden:
Responsive Tabelle: Mit dem Finger horizontal scrollen >>
| Kanji | On | Kun | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 働 | ドウ | はたら.く | Arbeit, arbeiten |
| 込 | — | こ.む、こ.める | hineingehen, gedrängt sein, mischen |
| 搾 | サク | しぼ.る | auspressen |
| 峠 | — | とうげ | Bergpass, Gipfelpunkt |
| 畑 | — | はた、はたけ | Feld, Acker (nicht Reisfeld) |
| 匁 | — | もんめ | Monme (altes Gewicht, ca. 3,75 g) |
| 枠 | — | わく | Rahmen, Rahmenwerk |
| 塀 | ヘイ | — | Mauer, Zaun |
| 腺 | セン | — | Drüse |
| 榊 | — | さかき | Sakaki (heiliger Baum) |
| 辻 | — | つじ | Kreuzung, Straßenecke |
| 匂 | — | にお.う、におい | riechen, Duft |
| 躾 | — | しつ.ける、しつけ | Erziehung, Disziplin, Abrichtung |
Interessant ist die Gegenrichtung: China hat einzelne Kokuji später übernommen. Ein klares Beispiel ist 腺 („Drüse“), das aus der modernen japanischen Fachsprache ins Chinesische wanderte. Die meisten Kokuji bleiben aber japanisch und tauchen in chinesischen Alltagstexten nicht auf.
Kokuji sind kein modernes Experiment. Frühe Formen lassen sich bis in die Nara-Zeit zurückverfolgen; in Quellen wie dem Man’yōshū und späteren Wörterbüchern tauchen bereits japanisch geprägte Zeichen auf. Neue Prägungen gab es noch in der Meiji-Zeit – vor allem für Wissenschaft, Technik und Maße.
Heute entstehen praktisch keine neuen Kokuji mehr für den Alltag. Viele Wörter, die früher mit seltenen Kanji geschrieben wurden – auch manche Kokuji – weichen auf Hiragana oder Katakana aus. Das ändert nichts daran, dass zentrale Zeichen wie 働 oder 込 in der Schriftsprache weiter unverzichtbar bleiben.
Seltenere Kokuji und Meiji-Einheiten
Neben den Alltagszeichen gibt es Hunderte seltener Formen. Manche begegnet man noch in Namen, Fachtexten oder älteren Schreibweisen; andere sind praktisch aus dem Gebrauch verschwunden. Die Tabelle unten zeigt eine kleine Auswahl – mit dem Hinweis, dass viele davon heute ungewöhnlich sind und oft durch Kana oder andere Schreibungen ersetzt werden:
Responsive Tabelle: Mit dem Finger horizontal scrollen >>
| Kanji | On | Kun | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 杢 | — | もく | Holzarbeiter, Tischler |
| 圷 | — | あくつ | Niederung, Tiefland |
| 噺 | — | はなし | Erzählung, Gespräch (u. a. Rakugo) |
| 噸 | トン | — | Tonne (Gewicht) |
| 凧 | — | たこ、いかのぼり | Drachen (Spielzeug) |
| 凩 | — | こがらし | kalter Winterwind |
| 俣 | — | また | Gabelung, Oberschenkel (u. a. in Namen) |
| 麿 | — | まろ | Maro (klassische Ich-/Anredeform) |
| 糎 | — | センチ、センチメートル | Zentimeter (Meiji-Schreibung) |
Genau hier sieht man die Meiji-Logik: 糎 kombiniert die Idee „Zentimeter“ aus chinesischen Bausteinen – heute schreibt man Maße fast immer in Katakana oder lateinischen Einheiten (センチメートル, km, kg). Ähnliche Prägungen gab es für andere SI-Einheiten; der Alltag hat sie weitgehend abgelegt.
Es gibt noch viele weitere Kokuji jenseits dieser Tabellen – vor allem für Pflanzen, Fische und lokale Begriffe. Fürs Lernen lohnt der Fokus auf die gebräuchlichen Jōyō- und Jinmeiyō-Zeichen; die restliche Masse ist eher Nachschlagewerk als Pflichtstoff. Wer die ersten Zeichen systematisch angehen will, findet hier eine Einstiegsliste: die ersten 80 Kanji.
Kokkun – chinesische Zeichen, andere Bedeutung
Neben Kokuji gibt es Kokkun (国訓): chinesische Zeichen, die in Japan eine andere Bedeutung (oder einen anderen Schwerpunkt) bekommen haben. Das Zeichen selbst ist importiert – die japanische Lesart und Alltagsbedeutung weichen aber vom Chinesischen ab. Ein paar klare Kontraste:
| Zeichen | Japanisch (Lesung) | Japanische Bedeutung | Chinesisch (Pinyin) | Chinesische Bedeutung |
|---|---|---|---|---|
| 藤 | fuji | Glyzinien / Wisteria | téng | Ranke, Kletterpflanze, Rohr |
| 沖 | oki | offenes Meer, vor der Küste | chōng | spülen, spülen/waschen; auch Ortsname |
| 椿 | tsubaki | Kamelie | chūn | chinesischer Mahagoni / Toona |
| 鮎 | ayu | Ayu (Süßwasserfisch) | nián | Wels (heute oft 鯰) |
Beim Import nach Japan haben sich also nicht nur Bedeutungen verschoben, sondern auch Lesungen vervielfacht. On- und Kun-Systeme, historische Schichten und fachliche Prägungen – all das erklärt, warum ein und dasselbe Zeichen im Wörterbuch oft mehrere Wege hat, gelesen zu werden. Kokuji und Kokkun sind zwei verschiedene Phänomene: das eine ist „in Japan gebaut“, das andere „aus China, aber japanisch umgedeutet“.
Wer die Schrift als System verstehen will, braucht beides im Blick: die importierte Masse der Kanji und die kleinen, sehr japanischen Erfindungen, die Felder, Pässe, Kreuzungen und Arbeit in ein einziges Zeichen packen.
Community
Kommentare
0 Kommentare
In dieser Sprache gibt es noch keine veröffentlichten Kommentare.
Kommentar senden