Wer Japanisch lernt, merkt schnell: Für „ungefähr“, „mehr oder weniger“ oder „so circa“ gibt es im Japanischen nicht ein Wort, sondern ein ganzes Mosaik. Je nachdem, ob du eine Meinung abmildern, eine Zahl schätzen oder höflich ein Kompliment ablehnen willst, greifst du zu einem anderen Ausdruck. Wer nur daitai kennt, klingt im Alltag schnell zu technisch – und wer bimyō falsch einsetzt, wirkt unbeabsichtigt ablehnend.
Dieser Leitfaden stellt dir die wichtigsten japanischen Ausdrücke für „mais ou menos“ vor, ordnet sie nach Situation und Nuance ein und zeigt dir an kurzen Beispielsätzen, wie du sie im Alltag wirklich benutzen kannst. Am Ende hast du ein gutes Gefühl dafür, welches Wort wann passt – und welches du lieber vermeidest.

Was bedeutet „ungefähr“ auf Japanisch?
Die Frage „wie sagt man mais ou menos auf Japanisch?“ ist eigentlich zwei Fragen in einer. Auf Portugiesisch bedeutet mais ou menos je nach Kontext „mehr oder weniger“ (eine Einschätzung), „ungefähr“ (eine Zahl) oder „so lala“ (eine vage Bewertung). Das Japanische trennt diese Bedeutungen sauberer, weshalb ein einzelnes Wort selten ausreicht.
Wenn du eine Meinung abschwächen willst, greifst du zu mā mā (まあまあ) oder bimyō (微妙). Wenn du eine Zahl oder Menge schätzt, sind daitai (だいたい) und ~kurai / ~gurai (〜くらい/〜ぐらい) die natürlichsten Optionen. Wenn du höflich ein Kompliment abwehrst, sagst du mada mada desu (まだまだです). Diese Trennung ist der Schlüssel: Im Japanischen ist es ganz normal, je nach Satzart ein anderes Wort zu wählen.
Praktisch heißt das: Ein Muttersprachler benutzt in einem typischen Gespräch oft zwei bis drei dieser Ausdrücke, ohne groß darüber nachzudenken. Wer Japanisch lernt, sollte sich also nicht auf einen Universalbegriff versteifen, sondern ein kleines Repertoire aufbauen.
Mā mā (まあまあ): die neutrale „passt schon“-Antwort
Mā mā (まあまあ) ist die ehrlichste Übersetzung von „so lala“ oder „ging so“. Es wertet weder auf noch ab. Du benutzt es, wenn etwas „ok“, „mittelmäßig“, „akzeptabel“ war – und du dich nicht festlegen willst.
Die klassische Situation: Jemand fragt dich nach dem Film von gestern, dem Essen im neuen Restaurant oder deinem Tag im Büro. Wenn du weder begeistert noch enttäuscht bist, ist mā mā genau richtig. Besonders im japanischen Alltag wird der Ausdruck oft benutzt, um Antworten abzumildern und nicht zu negativ zu wirken. Direkt zu sagen „es war schlecht“ gilt als unhöflicher, als es mit einem sanften mā mā zu umschreiben.
まあまあだったよ。
Mā mā datta yo.
→ „Es war ganz okay.“ / „Mehr oder weniger.“
Wichtig ist der Tonfall: Mā mā klingt weich, fast schon ein kleines Seufzen. Wird es hingegen mit Nachdruck und hochgezogenen Augenbrauen gesprochen, kann es auch leicht genervt klingen – „na ja, geht so, lass mich in Ruhe“. Im geschriebenen Japanisch bleibt der Ausdruck aber praktisch immer neutral.
Daitai (だいたい): die saubere Schätzung
Daitai (だいたい) hat mit Meinungen nichts zu tun. Es geht um Schätzung. Du benutzt es, wenn du ausdrücken willst, dass etwas nicht exakt ist: Zeit, Menge, Zahl, Entfernung. Es ist das natürlichste Äquivalent zu „ungefähr“.
Es passt perfekt in kurze Antworten, in denen dein Gegenüber die genaue Zahl nicht braucht – nur eine grobe Orientierung. Wenn jemand fragt, wie lange der Zug braucht, wie viel ein Essen gekostet hat oder wie viele Leute auf der Party waren, ist daitai die sicherste Wahl.
だいたい3時間かかる。
Daitai san-jikan kakaru.
→ „Es dauert ungefähr drei Stunden.“
Anders als im Deutschen, wo „circa“ und „etwa“ oft als Fremdkörper wirken, gehört daitai in fast jeden dritten Satz, in dem Zahlen vorkommen. Es ist sachlich, knapp und nicht zu betont – du klingst damit weder unsicher noch übergenau.
〜kurai / 〜gurai (くらい/ぐらい): etwas umgangssprachlicher
Das Suffix ~kurai (geschrieben くらい oder ぐらい, je nach Vorliebe) ist praktisch die Schwester von daitai, nur eine Spur umgangssprachlicher. Man hört es in fast jedem Gespräch zwischen Japanern, besonders wenn es um Preis, Zeit, Gewicht, Alter oder jede ungefähre Zahl geht.
30分くらい待った。
Sanjuppun kurai matta.
→ „Ich habe ungefähr 30 Minuten gewartet.“
Der Unterschied zu daitai ist klein: Daitai wirkt etwas formeller und strukturierter, fast schon geschäftlich. ~kurai klingt alltäglicher und passt besser in Gespräche mit Freunden, Familie oder Kollegen auf Augenhöhe. Beide kannst du in den allermeisten Situationen gegeneinander austauschen, ohne dass es schief klingt.
Sonna kanji (そんな感じ): leichte Unsicherheit
Diese Form ist praktisch, wenn du eine leichte Unsicherheit ausdrücken willst, etwa wenn du dich an die ungefähre Uhrzeit erinnerst oder an das Gefühl von etwas. Sonna kanji (そんな感じ) bedeutet wörtlich „so ein Gefühl“ und vermittelt die Idee von: „es geht so“, „mehr oder weniger das“, „etwa in diese Richtung“.
Japaner benutzen es, wenn sie nicht exakt sein möchten oder die Unterhaltung entspannter gestalten wollen. Es passt besonders gut, wenn du eine Vermutung äußerst und nicht so tun willst, als wüsstest du es genau.
7時…そんな感じ。
Shichi-ji… sonna kanji.
→ „So gegen sieben … mehr oder weniger.“
Im Büro, in Meetings oder bei Schätzungen ist sonna kanji oft natürlicher als eine ausgedachte Zahl. Es zeigt: Du gibst eine ehrliche Einschätzung, ohne dich zu verbiegen.
Bimyō (微妙) – die Nuance von „meh“
Hier haben wir einen wichtigen Ausdruck: bimyō (微妙) bedeutet nicht einfach „mehr oder weniger“ – es drückt etwas eher Negatives aus. „Meh“, „nicht so gut, aber ich möchte es nicht direkt sagen“. Eine Antwort, die Unbehagen, Unsicherheit oder leichte Ablehnung zeigt, ohne grob zu werden.
Es passt, wenn jemand nach deiner Meinung zu etwas fragt, das dir nicht so gut gefallen hat, du aber auch nicht direkt kritisieren willst. Wer in Japan offen sagt „das war schlecht“, riskiert, als unhöflich oder zu direkt zu gelten. Bimyō ist die diplomatische Variante.
微妙だった。
Bimyō datta.
→ „Es war irgendwie … eher mau (negativ gemeint).“
Pass auf, wann du bimyō benutzt: Vor Menschen, die du nicht gut kennst, kann es als versteckte Kritik wirken, die sie nicht einordnen können. In einer engen Beziehung signalisiert es einfach „naja, war nichts Besonderes“. Achte auf den Kontext.
Mada mada desu (まだまだです): japanische Bescheidenheit
Diese Form taucht immer dann auf, wenn jemand dich lobt. Mada mada desu (まだまだです) bedeutet wörtlich „es fehlt noch viel“, klingt in der Praxis aber wie ein „mehr oder weniger … ich bin noch weit davon entfernt, gut zu sein“.
Es ist ein Musterbeispiel japanischer Bescheidenheit, keine echte Selbstherabsetzung. Fast jeder Japaner benutzt es, wenn er ein Kompliment über Fähigkeiten bekommt, besonders in den Bereichen Sprache, Musik, Sport oder Beruf.
いえ、まだまだです。
Ie, mada mada desu.
→ „Nein, ich bin noch lange nicht gut genug.“ / „Mehr oder weniger …“
Als Nicht-Muttersprachler stolperst du hier leicht: Es klingt erst mal so, als würde die Person ihr eigenes Können kleinreden. In Wahrheit gehört dieser Ausdruck aber zum guten Ton. Wer stattdessen ein Kompliment annimmt („danke, ich übe auch viel“), kann in formellen Situationen als angeberisch wirken.
Amari (余り): das häufigste Wort für Ungenauigkeit
Amari (余り) ist dir aus dem Wort arigatō (ありがとう) bekannt – es steckt im „ari“. Wörtlich bedeutet es „Rest, Überschuss“, wird aber im Alltag sehr häufig benutzt, um auszudrücken, dass etwas nicht übermäßig oder nicht besonders ist.
Wenn du in eine Aussage einen Vorbehalt einbauen willst – „ich mag Kaffee, aber amari nicht jeden Tag“ – ist das eine der natürlichsten Formen. Es verleiht dem Satz eine sanfte Bremsung, ohne ihn zu widerlegen.
コーヒーは好きだけど、あまり飲まない。
Kōhī wa suki dakedo, amari nomanai.
→ „Ich mag Kaffee, aber ich trinke nicht so viel davon.“
Im Gegensatz zu mā mā, das eine direkte Bewertung abgibt, ist amari ein Mengen- oder Häufigkeitsanzeiger. Es beantwortet implizit die Frage „wie viel?“ mit „nicht so viel“. Für Deutsche ist es vergleichbar mit „nicht übermäßig“ oder „eher weniger“.
Yappari vs. yahari: die umgangssprachlichen Varianten
Yappari (やっぱり) und yahari (やはり) bedeuten beide „wie erwartet“, „also doch“, „wie ich dachte“. Der Unterschied liegt vor allem im Register – und nicht im Inhalt.
Yahari ist die formellere, kürzere und etwas literarischere Variante. Du findest sie in Nachrichten, Aufsätzen, Präsentationen und formellen Gesprächen. Yappari mit der doppelten „p“-Aussprache (technisch yap-pari) ist die alltägliche Form: locker, gesprochen, fast schon ein Füllwort.
やっぱり返事が遅かった。
Yappari henji ga osokatta.
→ „Wie erwartet hat er spät geantwortet.“
Wenn du ein Gefühl ausdrücken willst, das so viel heißt wie „ich hab’s ja geahnt“ – beim Wetter, bei einer verpassten Chance, bei einer Eigenschaft eines Freundes – passt yappari perfekt. Im geschriebenen Japanisch wird es in der Regel als yahari gerendert; im gesprochenen Alltag sagst du praktisch immer yappari.
Taitei (大抵): die formelle Variante
Taitei (大抵) ist die etwas gehobenere Schwester von daitai. Es bedeutet „größtenteils“, „in der Regel“, „meistens“ – also eine Gewohnheitsaussage, weniger eine spontane Schätzung. Es passt gut in formelle Gespräche, Erklärungen oder wenn du eine Regel formulieren willst.
大抵の場合、電車で行くほうが早い。
Taitei no baai, densha de iku hō ga hayai.
→ „In den meisten Fällen ist die Bahn schneller.“
Der feine Unterschied zu daitai: Taitei beschreibt eine Wiederholung über die Zeit, daitai eine Annäherung an einen Wert. Wer taitei benutzt, klingt etwas analytischer, fast wie ein Kommentar in einer Reportage. Daitai ist direkter und alltäglicher.
Weitere Nuancen: honma, oki, ~gurai, ~ssura
Neben den klassischen Ausdrücken gibt es noch eine Reihe feiner Abstufungen, die im Alltag ständig vorkommen, aber selten in Lehrbüchern auftauchen. Vier davon lohnen sich besonders.
Honma (本間 / 本当): „eigentlich, im Herzen“
Honma (ほんま im Kansai-Dialekt, honto 本当 standard) bedeutet „eigentlich“, „wirklich“, „im Ernst“. In der Umgangssprache steht es oft als Antwort auf eine rhetorische Frage: „Bist du sicher?“ – „Honma.“ Es klingt bodenständig und nah.
Oki (大きい / 大きめ): „okay, ein bisschen größer“
Okii (大きい, „groß“) ist dir bekannt, aber in Kombination mit ~me (〜め) bekommt es eine sanfte Steigerung: ookime (大きめ) heißt „etwas größer“. Du bestellst im Restaurant „ookime no“ („eine etwas größere Portion, bitte“) und klingst damit natürlich, nicht fordernd.
~gurai als „auch nur“
Neben der Schätzungsbedeutung kann ~gurai auch „auch nur“ oder „sogar“ heißen, oft mit einem leicht vorwurfsvollen Unterton. „Isshō gurai benkyō shite“ – „Du könntest wenigstens ab und zu lernen“. Diese Variante ist nützlich, wenn du in Gesprächen Nuancen zeigen willst.
~ssura (〜っすら): „auch nur, ein klein wenig“
~ssura ist eine umgangssprachliche Endung, die andeutet, dass du selbst von einer kleinen Sache überrascht bist. „Wakaranai ssura“ – „Ich check’s ja nicht mal ansatzweise“. Es klingt jugendlich, fast ein bisschen dramatisch. Vorsicht: In formellen Gesprächen wirkt es deplatziert, in Chats mit Freunden passt es perfekt.
Welches Wort wann? Eine kurze Orientierung
Nach diesem Überblick fällt die Wahl im Alltag leichter. Die Faustregel:
- Meinung abmildern, ohne Wertung: mā mā
- Meinung dezent negativ: bimyō
- Zahl oder Menge schätzen: daitai, ~kurai / ~gurai
- Gewohnheit / Regel ausdrücken: taitei
- Leichte Unsicherheit zeigen: sonna kanji
- „Nicht übermäßig“: amari
- Höflich Kompliment abwehren: mada mada desu
- „Wie erwartet“: yappari (umgangssprachlich), yahari (formell)
Mit dieser Auswahl deckst du rund 90 % der Alltagssituationen ab, in denen im Deutschen ein „ungefähr“, „mehr oder weniger“ oder „so lala“ stehen würde.
Lerntipp: Wie du die Wahl übst
Statt jeden Ausdruck einzeln auswendig zu lernen, hilft es, sich kleine Alltagsszenarien zu merken. Frag dich zum Beispiel jeden Tag:
- Wie war dein Mittagessen? → mā mā oder bimyō?
- Wie lange hat der Weg gedauert? → daitai oder ~kurai?
- Wie oft gehst du ins Kino? → amari oder taitei?
- Hat dein Kollege zu früh Feierabend gemacht? → yappari oder sonna kanji?
Wenn du für jede Situation spontan ein passendes Wort abrufen kannst, sitzt das Repertoire. In der Praxis brauchst du selten mehr als diese sechs bis acht Ausdrücke – und du wirst merken, dass Muttersprachler im Alltag denselben begrenzten Pool benutzen.
Fazit: Kein Wort für alles, aber ein Wort für jede Situation
„Mais ou menos“ hat im Japanischen keine Ein-Wort-Übersetzung – und das ist auch gut so. Die verschiedenen Ausdrücke erzählen deinem Gegenüber sofort, was für eine Aussage du gerade machst: eine Bewertung, eine Schätzung, eine Gewohnheit oder eine höfliche Selbstzurücknahme. Wer das versteht, klingt nicht nur natürlicher, sondern drückt sich auch präziser aus.
Probier es beim nächsten Gespräch einfach aus: Schätze eine Zeit mit daitai, antworte auf ein Kompliment mit mada mada desu, und schick einem Freund ein yappari, wenn etwas genau so gelaufen ist, wie ihr es vorausgesagt habt. Mit der Zeit wirst du die Nuancen verinnerlichen – und irgendwann nicht mehr bewusst darüber nachdenken.
Welcher Ausdruck kommt dir am nützlichsten vor – und welcher fühlt sich für deine Ohren am schwierigsten an?
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