Brilha brilha estrelinha - Version auf Japanisch

きらきら星 – wie ein englisches Kinderlied in Japan zu einem Klassiker der Kindheit wurde.

Das Kinderlied Twinkle, Twinkle, Little Star gehört zu den bekanntesten Wiegenliedern der englischsprachigen Welt und ist inzwischen fast überall auf dem Globus zu hören. In Brasilien kennt es jede Generation als Brilha, Brilha Estrelinha, in Frankreich als Ah! vous dirai-je, Maman, in Japan als きらきら星 (kira kira boshi). Die japanische Version ist mehr als eine bloße Übersetzung: Sie passt Melodie und Text an die Klangfarbe der japanischen Sprache an, kürzt an einigen Stellen und fügt an anderen eine eigene poetische Wendung hinzu. Wer das Lied nur aus dem Englischen kennt, entdeckt hier eine überraschend eigenständige Variante – und gleichzeitig einen kleinen Einstieg in den Klang der japanischen Sprache.

Die folgenden Abschnitte zeigen den Originaltext in japanischer Schrift, eine romaji-Fassung in lateinischer Umschrift, eine Wort-für-Wort-Aufschlüsselung und einen Vergleich mit der brasilianischen Version. Am Ende steht ein kurzer Blick auf die andere populäre japanische Variante, die im Land selbst häufiger zu hören ist als die Schulbuch-Fassung.

Fünf japanische Schulanfängerinnen in Schuluniformen mit roten randoseru-Ranzen stehen Arm in Arm vor dem Schultor
Inhalt 9

Der Ursprung: Von Jane Taylors Gedicht zum internationalen Kinderlied

Was heute als Twinkle, Twinkle, Little Star gesungen wird, begann als kurzes englisches Gedicht. Die britische Dichterin Jane Taylor veröffentlichte es 1806 unter dem Titel The Star in dem gemeinsam mit ihrer Schwester Ann verfassten Band Rhymes for the Nursery. Die berühmteste Melodie, nach der das Lied heute weltweit gesungen wird, wurde erst später komponiert: Sie stammt aus dem französischen Ah! vous dirai-je, Maman, das spätestens seit dem 18. Jahrhundert in Frankreich gesungen wurde und ab 1838 mit einem englischen Text unter dem Titel The Alphabet Song bekannt wurde. Twinkle, Twinkle, Little Star übernahm diese Melodie, und die Kombination aus eingängiger Tonfolge und einfühlsamem Text verbreitete sich rasch.

Die japanische Übersetzung entstand im Zuge der weitreichenden Übernahme westlicher Pädagogik in der Meiji-Zeit (ab 1868). Wie viele andere Kinderlieder aus Europa wurde auch dieses im Schulunterricht eingeführt, der Wortlaut dabei mehrfach angepasst. Da das Lied in Japan keine nennenswerten Urheberansprüche mehr hat, gilt es als gemeinfrei (public domain) und wurde in zahlreichen Kinderbüchern, Schul- und Schulchor-Sammlungen neu veröffentlicht. Genau diese Freiheit ist der Grund, warum es heute mehrere, teils deutlich voneinander abweichende japanische Fassungen gibt.

Japanischer Liedtext: きらきら星 (kira kira boshi)

Die bekannteste Schulbuch-Fassung verwendet die folgende Strophenfolge. Sie besteht aus zwei Strophen zu je sechs Zeilen; die erste Strophe wird nach der zweiten wiederholt.

きらきらひかる
お空の星よ
まばたきしては
みんなを見てる
きらきらひかる
お空の星よ
きらきらひかる
お空の星よ
みんなの歌が
届くといいな
きらきらひかる
お空の星よ

Wiederholt die erste Strophe.

Romanisierte Fassung (romaji)

Wer Japanisch noch nicht lesen kann, sieht hier dieselben Zeilen in lateinischer Umschrift, wie sie in Schulbüchern und im Internet üblich ist.

kira kira hikaru
o sora no hoshi yo
mabataki shite wa
minna wo miteru
kira kira hikaru
o sora no hoshi yo
kira kira hikaru
o sora no hoshi yo
minna no uta ga
todoku to ii na
kira kira hikaru
o sora no hoshi yo

Wiederholt die erste Strophe.

きらきら星 – gesungene japanische Fassung des Kinderlieds

Wort-für-Wort-Analyse des japanischen Textes

Im Folgenden werden die wichtigsten Wörter der ersten Strophe in der japanischen Originalschrift und mit deutscher Bedeutung aufgeführt. Die zweite Strophe wiederholt mehrere dieser Begriffe und ergänzt sie um 歌 (uta) für „Lied" und 届くと (todoku to) für „möge es ankommen".

  • きらきら (kira kira) – glitzerndes Leuchten, Funkeln
  • ひかる (hikaru) – leuchten, scheinen
  • お空 (o sora) – der Himmel (höflich markiert durch o-)
  • (hoshi) – Stern
  • まばたき (mabataki) – Blinzeln, Zwinkern (übertragen: Funkeln der Sterne)
  • して (shite) – Konjunktiv von „tun", hier als „indem es" zu lesen
  • みんな (minna) – alle, alle Leute
  • 見てる (miteru) – sehen, schauen (umgangssprachliche Kurzform von miru)
  • (uta) – Lied
  • 届くと (todoku to) – „wenn es ankommt", „möge es erreichen"
  • いいな (ii na) – „wie schön wäre es", Wunschpartikel

Die deutsche Bedeutung der ersten Strophe lautet in etwa: „Glitzern, glitzernd leuchtest du, Stern am Himmel. Indem du blinzelst, siehst du alle Menschen. Glitzern, glitzernd leuchtest du, Stern am Himmel." In der zweiten Strophe ersetzt der Wunsch, das eigene Lied möge zu den Sternen gelangen, die anfängliche Beobachtung – das Sternbild wird so zum stummen Zuhörer, der die Lieder der Kinder in sich aufnimmt.

Die brasilianische Version im Vergleich

In Brasilien trägt das Lied den portugiesischen Titel Brilha, Brilha Estrelinha. Eine verbreitete Strophenfolge lautet:

  • Brilha, brilha estrelinha
  • Quero ver você brilhar
  • Faz de conta que é só minha
  • Só para ti irei cantar
  • Brilha, brilha estrelinha
  • Brilha, brilha lá no céu
  • Vou ficar aqui dormindo
  • Pra esperar Papai Noel

Die japanische Fassung übernimmt weder das Bild vom einsamen Schlafen noch den Weihnachtsmann. In Japan ist die Vorstellung, am Heiligabend auf den Papai Noel zu warten, vergleichsweise jung; christliche Bevölkerungsanteile sind in der Minderheit, und die populäre Weihnachtstradition dreht sich eher um Fried Chicken und Kuchen als um den Gabenbringer. Das japanische Lied arbeitet stattdessen mit dem Bild eines freundlichen, beobachtenden Sterns, der die Lieder der Menschen in sich aufnimmt – eine Wendung, die näher am englischen Original liegt als die brasilianische Version, aber durch das Glitzern (kira kira) und die Höflichkeitspartikel o- einen deutlich japanischen Tonfall erhält.

Eine andere japanische Version: お星さまぴかり

Neben der Schulbuch-Fassung existiert in Japan eine zweite, ältere Variante, die im Alltag häufiger gesungen wird und Eltern wie Großeltern oft vertrauter ist als die obige Strophe. Sie lautet:

おほしさまぴかり
ぴかぴかぴかり
あちらのそらで
こちらのそらで
おほしさまぴかり
ぴかぴかぴかり

Die wichtigsten Begriffe:

  • ぴかぴか (pika pika) – blitzend, funkelnd
  • お星さま (o hoshisama) – „Herr Stern", höfliche Anrede für einen Stern
  • あちらのそらで (achira no sora de) – am Himmel dort drüben
  • こちらのそらで (kochira no sora de) – am Himmel hier bei uns

Was hier auffällt: Das Wort ぴかぴか (pika pika) ersetzt das きらきら (kira kira) der Schulbuch-Fassung. Pika pika ist im Japanischen das übliche Wort für das Blitzen und Blinken – es beschreibt in der gesprochenen Sprache das Aufleuchten eines Lichts, das Blinken eines Feuerwehrautos oder den Schein einer reflektierenden Oberfläche. Kira kira wirkt im direkten Vergleich poetischer und etwas weicher, weshalb es in Schulbüchern bevorzugt wird. Inhaltlich greift diese Variante die Vorstellung auf, dass die Sterne am Himmel diesseits und jenseits leuchten – ein Bild, das in der japanischen Lyrik häufiger vorkommt und die Verbundenheit zwischen irdischer und himmlischer Welt betont.

Kultureller Kontext: Kinderlied und Schulalltag in Japan

Das Lied begleitet japanische Kinder durch mehrere Stationen ihres Alltags. In vielen Kindergärten (yōchien) und Kindertagesstätten (hoikuen) gehört es zum Repertoire der Morgen- und Kreiszeiten, und auch in der Eingewöhnungsphase der ersten Klasse taucht es regelmäßig auf, wenn die Kinder gemeinsam die Schulranzen – die auffälligen roten randoseru – zum ersten Mal auf dem Rücken tragen. In dieser Altersstufe ist es vor allem die Melodie, die im Gedächtnis bleibt; der Text ist kurz genug, um auch von Kindern gesprochen werden zu können, die Japanisch gerade erst lesen lernen.

In Schulchören und Schulchor-Sammlungen taucht das Lied dagegen selten auf – Chöre greifen eher auf traditionelle japanische Volkslieder oder auf zeitgenössische Anime- und J-Pop-Bearbeitungen zurück. Die Schulbuch-Fassung wird vor allem im Fach dōtoku (moralische Erziehung) und in der Einführung in Musikinstrumente zitiert, etwa wenn der Blockflötenunterricht in der dritten oder vierten Klasse beginnt. Damit ist kira kira boshi weniger ein Chorklassiker als ein Lernlied, vergleichbar mit dem deutschen Bruder Jakob: kein Konzertstück, aber im kollektiven Gedächtnis fest verankert.

Einordnung: Andere weltweite Fassungen

Die Melodiefamilie von Ah! vous dirai-je, Maman ist eine der am weitesten verbreiteten der westlichen Musik überhaupt. Mozart hat sie 1781/82 in seinen Zwölf Variationen KV 265 aufgegriffen, und in praktisch jeder europäischen Sprache gibt es eigene Kinderversionen. Die japanische Variante gehört in diese Reihe, hebt sich aber durch drei Merkmale hervor:

  • Eine eigene Klangwelt. Das japanische r ist im Alltag ein leichter Zungenschlag-Laut, der im Deutschen fehlt; kira kira und pika pika klingen dadurch weicher und rhythmischer als das englische twinkle.
  • Eine religiös neutrale Wendung. Während die brasilianische Version den Weihnachtsmann und der englische Originaltext die Vorstellung eines göttlichen Beobachters zumindest anklingen lässt, bleibt die japanische Fassung weltlich: Sterne beobachten, Sterne hören zu, mehr nicht.
  • Eine reduzierte Bildsprache. Es gibt keinen Hinweis auf ein Fenster, ein Bett oder eine konkrete Szene; der Text beschränkt sich auf Himmel, Stern, Mensch und Lied. Das passt zur japanischen Vorliebe, mit wenigen Worten viel Raum zu lassen – und macht das Lied gleichzeitig leicht übertragbar auf andere Kulturen, die dieselbe Melodie kennen.

Fazit

Die japanische Version von Twinkle, Twinkle, Little Star zeigt, wie ein englisches Kinderlied von 1806 den Weg um die halbe Welt findet und dabei seinen Charakter behält, ohne eine bloße Übersetzung zu bleiben. きらきら星 ist im japanischen Schulalltag angekommen, ohne die englische oder die brasilianische Fassung zu verdrängen – wer in Japan aufwächst, lernt in der Regel beide Versionen kennen, häufig auch noch die ältere お星さまぴかり von den Großeltern. Für deutschsprachige Leserinnen und Leser, die Japanisch lernen, ist das Lied ein nützlicher Einstieg: Der Wortschatz ist klein, die Silbenstruktur ist regelmäßig, und die Melodie trägt den Text so sicher, dass sich beide bald miteinander verbinden. Wer das Lied einmal auf Japanisch gesungen hat, versteht ein Stück weit, warum Jane Taylors kleines Gedicht bis heute in fast jedem Land der Welt funktioniert.

Quellen
Kevin Henrique

Über den Autor: Kevin Henrique

Spezialist mit mehr als 10 Jahren Erfahrung in asiatischer Kultur, mit Fokus auf Japan, Korea, Anime und Spiele. Autodidakt, Autor und Reisender, der Japanisch, Reisetipps und tiefgehende Kuriositäten vermittelt.

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