Dinge, die Sie über Sport in Japan nicht wissen

Von Bukatsu über Kendo bis Sumo: was den japanischen Sport jenseits der Klischees ausmacht.

Wer an Sport in Japan denkt, hat meist zwei Bilder im Kopf: die würdevollen Ringer im Sumō (相撲) und die modernen Stadien der japanischen Profiligen. Beides stimmt, erzählt aber nur einen kleinen Teil der Geschichte. Die Sportkultur Japans ist eng mit dem Schulsystem, den Bukatsu (部活) genannten Schulclubs und einer jahrhundertealten Tradition der Budō-Kampfkünste verflochten. Wer Japan wirklich verstehen will, sollte auch diese weniger bekannten Seiten kennen.

Kendo-Szene in Japan: zwei Kendōka in voller Schutzrüstung beim Kampf
Kendō (剣道), der „Weg des Schwertes", gehört zu den populärsten Kampfkünsten an japanischen Schulen.

Die folgenden Punkte sind keine erschöpfende Liste, sondern eine Sammlung von Kuriositäten, die sich im Alltag japanischer Sportlerinnen und Sportler beobachten lassen. Einige davon werden Sie vielleicht überraschen, andere bestätigen Ihren bisherigen Eindruck. Vorab eine wichtige Einschränkung: Nicht alle Gewohnheiten sind in jeder Region oder Altersgruppe gleich verbreitet, und manche Bräuche verändern sich über die Jahre.

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Bukatsu und Schulsport: Wo die Sportkultur beginnt

Wer in Japan über Sport redet, kommt am Schulsystem nicht vorbei. Die außerschulischen Aktivitäten an japanischen Schulen heißen Bukatsu (部活) und sind weit mehr als Freizeitbeschäftigung. Schülerinnen und Schüler trainieren dort oft täglich nach dem Unterricht, an Wochenenden und in den Ferien. Die Teilnahme ist in den meisten Schulen faktisch verpflichtend, und die Bindung zum Club prägt den Alltag über Jahre hinweg.

Besonders verbreitet sind:

  • Kendō (剣道), der „Weg des Schwertes“, mit Bambusschwertern (Shinai) und voller Schutzrüstung (Bōgu).
  • Judō (柔道), der „sanfte Weg“, bei dem Würfe und Bodenkampf im Mittelpunkt stehen.
  • Yakyū (野球), japanischer Baseball, der als Schulsport seine eigene Wettkampf-Logik entwickelt hat.
  • Kyūdō (弓道), der „Weg des Bogens“, bei dem Konzentration und Etikette eine größere Rolle spielen als Treffsicherheit allein.

Die Zugehörigkeit zu einem Bukatsu-Team gehört zu den prägendsten Erfahrungen der Schulzeit und wirkt oft bis ins Erwachsenenalter nach. Viele der heutigen Profis in NPB (日本プロ野球機構, Nippon Professional Baseball) oder J.League-Clubs haben ihre Karriere in einem Schulclub begonnen.

Kampfsport: Judo, Kendo, Karate, Aikido, Kyudo

Japan hat im Bereich Budō (武道), der „Weg der Kriegskünste“, eine bemerkenswerte Vielfalt hervorgebracht. Fünf Disziplinen prägen das Bild bis heute:

Judō (柔道)

Jigorō Kanō gründete Jūdō 1882 als moderne Interpretation klassischer Jujutsu-Techniken. Ziel ist es, die Kraft des Angreifers auszunutzen, anstatt ihr entgegenzuwirken. Heute ist Judo olympische Disziplin, Pflichtfach an vielen Schulen und in der Selbstverteidigung weltweit verbreitet.

Kendō (剣道)

Kendō entstand aus dem Schwertkampf der Samurai und wird heute in der Regel mit dem Shinai, einem Bambusschwert, ausgeübt. Treffer werden am Kopf (Men), am Rumpf (Dō) und an den Händen (Kote) erzielt. Eine Besonderheit: Wer nach einem klaren Treffer eine Siegespose zeigt, verliert den Punkt sofort, weil Geste und Etikette im Kendō als Ausdruck von Respekt und innerer Ruhe verstanden werden.

Karate (空手)

Karate stammt ursprünglich von der Insel Okinawa und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan breit bekannt. Der Name bedeutet „leere Hand“ und verweist auf den Grundgedanken, dass Schläge und Tritte ohne Waffen ausgeführt werden. Karate ist olympische Disziplin und wird in Schulen und Vereinen unterrichtet.

Aikidō (合気道)

Aikidō wurde im 20. Jahrhundert von Morihei Ueshiba entwickelt und konzentriert sich auf das Umleiten und Neutralisieren der Angriffskraft. Die Bewegungen sind oft fließend, die Würfe betonen Harmonie statt Konfrontation.

Kyūdō (弓道)

Kyūdō, der „Weg des Bogens“, legt besonderen Wert auf innere Haltung. Schon der Stand, das Anheben des Bogens und das Atmen folgen einem festen Ritual, dem Shaho Hassetsu (射法八節). Treffer sind wichtig, aber nicht das einzige Ziel.

Sumō als Nationalsport

Sumō (相撲) gilt in Japan als Nationalsport mit über 1.500-jähriger Geschichte. Ursprünglich war Sumō Teil shintōistischer Rituale, und bis heute tragen viele der Ringer den Titel Yokozuna (横綱), der an die weiße Schnur im Haar erinnert, die im Schrein gebunden wird.

Chanko-nabe und Mahlzeiten

Sumō-Ringer leben in Heya (部屋) genannten Trainingsställen und essen dort traditionell Chanko-nabe (ちゃんこ鍋), einen herzhaften Eintopf mit Fleisch, Fisch und Gemüse. In den meisten Ställen gibt es zwei große Mahlzeiten pro Tag, eine nach dem Morgentraining, die zweite am Abend. Ziel ist es, die im Training verbrauchte Energie deutlich zu übertreffen und so das für Sumō typische Körpergewicht aufzubauen.

Mawashi und Aberglaube

Der Mawashi (まわし) genannte Schrittwickel wird in vielen Heya zwischen den Trainingseinheiten nicht gewaschen, sondern nur zum Trocknen aufgehängt. Begründungen sind einerseits Tradition und Glücksbringer-Glaube, andererseits die Sorge, das feste Gewebe könne durch häufiges Waschen an Festigkeit verlieren.

Mehr als nur die Ringvariante: Kamizumo

Sumō ist nicht auf den Dohyō (Ring) beschränkt. Eine beliebte Kindervariante ist Kamizumo (紙相撲, Papier-Sumō): aus Papier gefaltete Mini-Ringer werden in einen gezeichneten Kreis gestellt, und der Spieler versucht, durch vorsichtiges Klopfen den Gegner aus dem Kreis zu befördern. Es gibt Kamizumo-Wettbewerbe in Schulen und Kulturzentren.

Profisport: NPB, J.League und die Rolle der Fans

Im Profisport dominieren in Japan zwei Mannschaftssportarten: Baseball und Fußball.

Yakyū: Nippon Professional Baseball (NPB)

Die Profiliga NPB besteht aus zwölf Mannschaften in zwei Ligen, der Central League und der Pacific League. Saisonhöhepunkt sind im Herbst die Japan Series, in denen die Meister beider Ligen gegeneinander antreten. Die zwölf Teams sind heute fest in Stadien wie dem Tokyo Dome, dem Koshien-Stadion oder dem Mazda Zoom-Zoom Stadium in Hiroshima verankert.

Fan-Kultur im Stadion

Ein wesentlicher Unterschied zum Baseball außerhalb Japans ist die organisierte Fankultur. Die Fans jedes Teams sitzen in festen Blöcken, singen vereinseigene Schlachtrufe, begleitet von Trompeten und Taiko-Trommeln (太鼓). Vor dem Anpfiff und bei besonderen Spielzügen werden oft Tausende Luftballons gleichzeitig in den Himmel steigen gelassen. Diese Choreografien sind über Jahre geprobt und gehören zum festen Bestandteil jedes Heimspiels.

J.League und Fußball

Die J.League wurde 1993 gegründet und hat den japanischen Fußball nachhaltig professionalisiert. Spieler wie Hidetoshi Nakata, Shinji Kagawa oder neuerdings japanische Profis in europäischen Spitzenclubs haben das internationale Bild geprägt. Auch der Frauenfußball (WE League) und die Erfolge der Nadeshiko-Mannschaft bei Weltmeisterschaften haben die Sportlandschaft verändert.

Kōshien: Das heilige Turnier der Schulen

Jedes Jahr im Sommer treffen sich die besten Oberschulteams aus den 47 Präfekturen Japans zum Kōshien (甲子園), dem nationalen Baseball-Turnier, benannt nach dem Stadion in der Präfektur Hyōgo. Rund 4.000 Mannschaften spielen sich vorher über regionale Turniere frei. Alle Spiele werden live im Fernsehen übertragen. Verlierende Spieler werfen sich nach dem Aus oft weinend auf den Boden, manche skandieren „Zutto, zutto, ikō ze“ (ずっと、ずっと、行こうぜ, „Wir gehen weiter, immer weiter“), während Mitschüler am Spielfeldrand Tränen zurückhalten.

Tradition, Seniorensport und ungewöhnliche Wettbewerbe

Japan pflegt im Sport auch jenseits der großen Verbände eine Fülle ungewöhnlicher Traditionen.

Nenrinpics: Olympische Spiele der Generationen

Seit 1988 gibt es die sogenannten Nenrinpics (ねんりんピック), eine Art Senioren-Olympiade für Sportlerinnen und Sportler ab 60 Jahren. Der Name verbindet Nenrin (年輪, „Jahresringe“) mit „Olympics“. Über vier Tage messen sich die Teilnehmer in Disziplinen wie Tennis, Marathon, Kendo, Tischtennis, Go, Shōgi (将棋) und sogar Haiku. Die Austragungsrechte rotieren zwischen den Präfekturen.

Kemari: Fußball der Adelshöfe

Eine der ältesten Ballsportarten Japans ist Kemari (蹴鞠). Dabei wird ein Lederball mit dem Fuß in der Luft gehalten, ohne dass er den Boden berührt. Kemari war an den Höfen der Adligen im 7. Jahrhundert beliebt und wird heute noch in Schreinen und bei traditionellen Festen gepflegt.

Sport, Anime und Manga

Die japanische Populärkultur hat den Sport des Landes mitgeprägt. Serien wie Captain Tsubasa für Fußball, Slam Dunk für Basketball oder Haikyū!! für Volleyball haben Generationen von Kindern und Jugendlichen dazu gebracht, selbst Vereinssport zu betreiben. Eine ganze Liste solcher Titel finden Sie in unserer Übersicht der Sport-Animes.

Fazit: Mehr als Sumo und J.League

Wer Sport in Japan nur über die großen Profiligen und den traditionellen Sumō-Ring definiert, übersieht das Wesentliche. Die Sportkultur lebt von der engen Verzahnung mit Bukatsu an den Schulen, von Budō-Disziplinen wie Kendō, Jūdō und Kyūdō, von organisierten Fankulturen in den Stadien und von ungewöhnlichen Wettbewerben wie den Nenrinpics oder dem uralten Kemari. Wer schon einmal eine Begegnung in einem Schulstadion, eine Kendo-Demonstration in einem Schrein oder ein Heimspiel in der NPB besucht hat, weiß, warum diese Mischung aus Tradition, Disziplin und Alltagskultur bis heute fasziniert.

Wenn Sie Japan besuchen, lohnt sich ein Blick über den Tellerrand: Schauen Sie im Sommer unbedingt ein Kōshien-Spiel im Fernsehen mit, besuchen Sie eine Kendo-Demonstration oder probieren Sie selbst einmal einen Tritt in einer Kemari-Runde in einem Schrein in Kyōto oder Nara.

Quellen
Kevin Henrique

Über den Autor: Kevin Henrique

Spezialist mit mehr als 10 Jahren Erfahrung in asiatischer Kultur, mit Fokus auf Japan, Korea, Anime und Spiele. Autodidakt, Autor und Reisender, der Japanisch, Reisetipps und tiefgehende Kuriositäten vermittelt.

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