Viele hören „Vocaloid“ und sehen sofort Hatsune Miku: türkise Zöpfe, Kopfhörer, die Stimme aus dem Computer, die auf der Bühne als Projektion tanzt. Das Gesicht stimmt. Die Software dahinter ist älter und nüchterner — ein Gesangssynthesizer von Yamaha, in dem man Text und Melodie eingibt und eine Stimmdatenbank singen lässt.
Was daraus eine Szene gemacht hat, war die Idee, der Stimme eine Figur zu geben. Auf Nico Nico Douga stapelten sich Originallieder, Covers und Fanzeichnungen, bis Namen wie Hatsune Miku mehr nach Idol klangen als nach Plug-in. Deshalb vermischen Charakterlisten oft offizielle Voicebanks mit Figuren, die Fans oder andere Programme erfunden haben.
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Was ist Vocaloid?
Vocaloid, auf Japanisch ボーカロイド (Bōkaroido), ist ein Programm, in dem man Silben setzt, die Tonhöhe wählt und so Gesang erzeugt, ohne eine Sängerin ins Studio zu holen. Yamaha startete die Entwicklung um das Jahr 2000. 2003 wurde die Technik auf der Frankfurter Musikmesse vorgestellt. Die ersten kommerziellen Stimmen, Leon und Lola, veröffentlichte das britische Studio Zero-G 2004.

Ursprünglich sollte es ein Werkzeug für Produzenten bleiben. Die Packungen mit gezeichneten Figuren haben das geändert: Jugendliche und Erwachsene behandelten die Stimme wie einen Star, und das Programm wurde zur Plattform für eigene Lieder. Ständig kamen Sprachpakete dazu, und in Japan entstanden Covers, in denen genau diese Figuren den Gesang „darstellen“.
Die Engine steht inzwischen bei Vocaloid 6, veröffentlicht am 13. Oktober 2022, mit der Zusatzfunktion VOCALOID:AI. Wer noch liest, Vocaloid habe „gerade die fünfte Version überschritten“, schaut auf einen Stand vor 2022. Ältere Lieder und Bibliotheken laufen weiter auf Vocaloid 2 bis 5. Manche Stimmen gibt es parallel in anderen Editoren wie Piapro Studio.
Wie man damit ein Lied baut
Der Editor sieht aus wie eine Piano-Rolle: Noten liegen waagerecht in der Zeit, der Text sitzt auf den Noten. Silben allein klingen steif. Vibrato, Dynamik und die Übergänge zwischen Lauten machen aus dem Raster etwas, das nach Gesang klingt — oder bewusst nach Maschine, wenn der Produzent das will.
MIDI lässt sich importieren, damit Rhythmus und Tonhöhen nicht Note für Note von Hand gelegt werden müssen. Danach kommt der Text auf die Rolle. Die Ausgabe ist eine WAV-Datei oder läuft als Plug-in in einem Sequenzer. Die Begleitung kommt nicht aus Vocaloid selbst: Drum, Bass und Gitarre bleiben Sache des übrigen Arrangements.
Die Menschen, die so Lieder veröffentlichen, nennen sich oft Vocaloid-P — das P steht für Producer. Der Name der Figur im Titel ist die Stimme, nicht automatisch die Autorin.
Von Leon und Lola zu Hatsune Miku
Leon und Lola verkauften sich schleppend. Der Umschwung kam, als Crypton Future Media japanische Stimmen mit Charakterillustrationen verband: MEIKO im November 2004, KAITO im Februar 2006. MEIKO traf Anime-Fans über das Cover. KAITO, die erste männliche japanische Stimmbibliothek, blieb anfangs hinter ihr.
Den Sprung zur Kultur machte Hatsune Miku am 31. August 2007 auf der Engine Vocaloid 2. Crypton setzte bewusst auf dieselbe Käufergruppe, die bei MEIKO funktioniert hatte. In der ersten Woche gingen mehr als tausend Exemplare weg, im ersten halben Jahr über 30.000 — für ein virtuelles Instrument damals ungewöhnlich. Die türkisen Zöpfe und die Stimme von Saki Fujita wurden zum Gesicht der ganzen Technik.

Ohne Nico Nico Douga wäre das ein Nischenprodukt geblieben. Nutzer luden dort Videos hoch, in denen die Figur zum Lied animiert war, und andere bauten darauf weiter. Ein Lied, das Miku auch außerhalb Japans bekannt gemacht hat, ist World is Mine. Die Software war das Instrument, die Plattform lieferte das Publikum.
Offizielle Crypton-Figuren
Cryptons Character-Vocal-Serie nummeriert die Stimmen: CV01 Miku, CV02 Kagamine Rin und Len, CV03 Megurine Luka. MEIKO und KAITO gehören zur gleichen Piapro-Familie, tragen aber keine CV-Nummer. Das sind die sechs Namen, die auf Merch, Konzerten und in Fanwerken am häufigsten zusammen auftauchen.
| Figur | Japanisch | Rolle |
|---|---|---|
| Hatsune Miku | 初音ミク | CV01, Vocaloid 2, 31. August 2007, Stimme: Saki Fujita |
| Kagamine Rin | 鏡音リン | CV02, weiblich, 27. Dezember 2007, Stimme: Asami Shimoda |
| Kagamine Len | 鏡音レン | CV02, männlich, gleiches Paket und dieselbe Sprecherin |
| Megurine Luka | 巡音ルカ | CV03, 30. Januar 2009, Japanisch und Englisch, Stimme: Yū Asakawa |
| MEIKO | メイコ | erste japanische Stimmbibliothek, November 2004 |
| KAITO | カイト | erste männliche japanische Stimmbibliothek, Februar 2006 |
Rin und Len sind keine Geschwister im Sinne einer Biografie, sondern zwei Voicebanks in einem Produkt, oft als Zwillinge gezeichnet. Luka war von Anfang an zweisprachig. Wer KAITO mit den Kanji 怪盗 liest, hat eine Fan-Schreibweise erwischt: offiziell steht der Name in Katakana.
Weitere Vocaloids, die man oft hört
Neben Crypton haben Internet Co., AH Software, Yamaha selbst und Studios in China, Korea und Europa Stimmbibliotheken veröffentlicht. Das ist keine Vollständigkeitsliste — neue Voicebanks kommen weiter hinzu, und eine alphabetische Namensliste vermischt schnell Offizielles mit Fanwerken. Die folgenden Namen sind echte Vocaloid-Produkte, die in der Szene immer wieder auftauchen:
- GUMI (グミ) / Megpoid — Internet Co., Stimme von Megumi Nakajima
- Kamui Gakupo (神威がくぽ) / Gackpoid — Stimme von Gackt, Illustration von Kentaro Miura
- IA (イア) — 1st Place, Stimme der Sängerin Lia
- v flower (フラワ)
- Yuzuki Yukari (結月ゆかり)
- Luo Tianyi (洛天依) — Vocaloid China
- SeeU (시유) — Koreanisch und Japanisch
- Lily (リリィ), SF-A2 miki, Kaai Yuki, Hiyama Kiyoteru, Nekomura Iroha, Utatane Piko
- Aoki Lapis (蒼姫ラピス), MAYU, galaco (ギャラ子), MAIKA, Merli, kokone, Chika, Otomachi Una (音街ウナ)
- CUL, Fukase, DEX, DAINA, CYBER DIVA, Sweet Ann, Prima, Tonio, OLIVER, AVANNA
- VY1 und VY2 von Yamaha, Gachapoid / Ryuto, Macne Nana, ARSLOID, Xin Hua, YANHE, Yuezheng Ling, Yuezheng Longya, UNI, LUMi, Rana, Tohoku Zunko
Leon, Lola und Miriam bleiben die englischen Anfänge. Wer eine seltene oder brandneue Stimmbibliothek sucht, wird sie hier vielleicht nicht finden — das ist Absicht. Eine „komplette“ Liste im Blog wäre nach ein paar Monaten wieder falsch.

Fan-Charaktere und andere Engines
Ein Teil der Namen, die unter „Vocaloid-Figuren“ kursieren, sind keine Yamaha-Voicebanks. UTAU, CeVIO und Synthesizer V sind eigene Synthesizer. VOICEVOX wiederum ist vor allem Sprachausgabe, kein Gesangseditor im Vocaloid-Sinn.
Kasane Teto (重音テト) ist das bekannteste Beispiel: sie kam als Aprilscherz für UTAU und wurde trotzdem zum festen Teil der Szene. Yowane Haku (弱音ハク) und Akita Neru (亞北ネル) entstanden als Fan-Derivate von Miku — „die, die nicht singen kann“ und die unmotivierte Rivalin. Akaito, Hachune Miku, Hatsune Mikuo oder Meiko Sakine sind ebenfalls Fanfiguren oder Uminterpretationen, keine Crypton-Produkte.
Wenn eine Liste Akaito neben KAITO und Teto neben Miku stellt, ist das kulturell nachvollziehbar und technisch ungenau. Vocaloid ist die Engine und die lizenzierten Libraries. Die restlichen Gesichter gehören zur Fankultur, die um diese Engine gewachsen ist — und genau das macht die Suche nach „allen Charakteren“ so unübersichtlich.
Wer selbst ausprobieren will, braucht den Editor plus mindestens eine Voicebank. Der Rest der Szene — Lieder, Illustrationen, 3D-Shows — entsteht danach, oft ohne dass die Person auf der Bühne je in einem Studio gestanden hat.
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