In Japan gehört Höflichkeit früh zum Umgang: grüßen, einen Gast empfangen, sich im Raum so bewegen, dass der andere entlastet wird. Diese Haltung heißt Omotenashi (おもてなし).
Als Gastfreundschaft übersetzt man die Bewirtung, die heute so genannt wird. Das ältere motenashi (もてなし) bezeichnete daneben das Auftreten einer Person und die Art, andere zu behandeln.
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Bedeutung von Omotenashi
Heute meint Omotenashi eine Bewirtung mit Aufmerksamkeit: für einen Kunden, einen Besucher, jemanden, der vor der Tür steht. Die höfliche Form setzt お vor motenashi. Geschrieben wird das Wort meist in Hiragana. In Kanji steht お持て成し oder 御持て成し.
Darunter liegt das Verb motenasu (持て成す), einen Gast bewirten, jemanden aufnehmen. Die Schriftzeichen lassen sich so auseinandernehmen:
- 御 oder お: Höflichkeitsvorsatz, in diesem Wort ohne eigene Sachbedeutung;
- 持: halten, haben; in 持て der erste Teil von motenasu;
- 成: werden, etwas zustande bringen; in 成し der zweite Teil, ausführen und zu Ende führen.
In der Ausbildung von Servicepersonal gilt 持て成す als Anleitung: etwas zur Hand nehmen und die Bewirtung damit zu Ende bringen. Das Wörterbuch belegt daneben das Verb motenasu.

Woher das Wort kommt
Die belegte Herkunft ist das Verb motenasu. Omotenashi ist die höfliche Nominalform davon. Im Genji monogatari, Anfang des 11. Jahrhunderts, steht motenashi im Kapitel Kiritsubo (桐壺) für die Art, wie jemand behandelt wird, und im Kapitel Wakamurasaki (若紫) für Auftreten und Haltung. Die Bedeutung „Bewirtung“, ein Essen für den Gast, ist ebenfalls alt; sie steht deutlich im Nō-Spiel Yashima.
Zwei weitere Formeln beschreiben das Gefühl der Geste. Die Sprachgeschichte hängt am Verb motenasu. Die erste schreibt es aus als mono o motte nashitogeru (モノを持って成し遂げる): etwas zur Hand nehmen und eine Bewirtung damit zu Ende bringen. In dieser Schul-Lesart ist das „etwas“ ein Gegenstand oder eine unsichtbare Aufmerksamkeit. Das Wort mono steht dabei in Katakana, damit es mehr meint als einen greifbaren Gegenstand. Die zweite hört in Omotenashi das Wortspiel omote nashi (表なし) oder omote ura nashi (表裏なし): keine Vorderseite und keine Rückseite, also ein Empfang ohne versteckte zweite Behandlung. Diese zweite Formel gilt als volkstümliche Deutung. Sie steht in vielen Einführungen, weil sie die Idee trifft. Die Sorgfalt gilt auch dann, wenn niemand zuschaut.
Die Gesten, die Reiseführer heute mit dem Wort verbinden, werden oft auf die Teezeremonie zurückgeführt, wie Sen no Rikyū sie im 16. Jahrhundert formte. Dazu gehört ichigo ichie (一期一会): diese Begegnung gibt es nur dieses eine Mal, also bereitet der Gastgeber die Details für genau diesen Gast an genau diesem Tag vor. Förmliche Bewegungen aus der Teezeremonie und aus dem Üben der Kampfkünste haben den Ton mitgeprägt. Der Bushidō bleibt ein eigener Ehrenkodex der Samurai, neben der Geschichte des Verbs motenasu.
Am 7. September 2013 stellte Christel Takigawa bei der IOC-Session in Buenos Aires, in der Bewerbung Tokios, das japanische Omotenashi auf Französisch vor. Die silbische Form o-mo-te-na-shi wurde 2013 in Japan als Modewort des Jahres ausgezeichnet. Seither steht der Ausdruck in Schulungen von Hotels, Geschäften und Fluggesellschaften.
Was zur Geste gehört
Omotenashi folgt der Haltung, den Gast so aufzunehmen, wie man selbst aufgenommen werden möchte, und dafür keine Gegenleistung abzuwarten. Dazu kommt die Erwartung, den Wunsch zu erkennen, bevor er ausgesprochen wird, und das eigene Bemühen im Hintergrund zu lassen.
Die Geste bleibt leise. Ein feuchtes Handtuch liegt schon da. Die Tür ist offen, bevor die Hand den Griff sucht. Niemand stellt das eigene Bemühen aus. Dazu gehören Bescheidenheit und eine ehrliche Absicht. Die Lesart ohne Vorder- und Rückseite meint diese Ehrlichkeit. Rang und Anrede stehen daneben weiter.

Kinder üben diese Formen in der Schule und auf der Straße: grüßen, sich verbeugen, einen Raum sauber hinterlassen. Vieles davon ist ein festgelegter Ablauf, von der Teezeremonie bis zur Verkehrssicherheit vor der Schule. Im Geschäftsleben übt das Personal denselben Ablauf, damit der Gast entlastet wird.

Gast und Gastgeber schulden einander Respekt. Die Sprache des Service bleibt dabei oft hierarchisch. Keigo ist die Form, in der viele Geschäfte diese Sorgfalt aussprechen: der Sprechende stellt sich niedriger und den Gast höher.
In Ketten steht schriftlich, wie gegrüßt, verpackt und verabschiedet wird. Das hält eine Filiale einheitlich. Das ältere Ideal verlangt dieselbe Sorgfalt auch ohne Formular, aus der Lage des einzelnen Gastes. Für Kinder sind klare Formen der Weg, auf dem Höflichkeit zur Gewohnheit wird. Handbuch und freie Aufmerksamkeit gelten im heutigen Service nebeneinander.

Beispiele aus dem Alltag
Manche Szenen sind Bewirtung im engen Sinn. Andere sind Umgangsformen, die im japanischen Alltag oft mit demselben Wort erklärt werden:
- Masken, wenn jemand erkältet ist, damit die anderen sich nicht anstecken; Pollenzeit und Erkältungssaison kommen dazu;
- vor einem Bau eine kleine Aufmerksamkeit für die Nachbarn, oft ein Handtuch oder Spülmittel, zusammen mit Zeitraum und Lärm;
- die Verbeugung und das Keigo im Laden;
- ein sumimasen auch dort, wo keine Schuld im engen Sinn vorliegt, weil das Wort Dank und Entschuldigung deckt;
- kein Trinkgeld im gewöhnlichen Restaurant, im Taxi oder im Hotel; in manchen Ryokan gibt es ein diskretes Kokorozuke im Umschlag, das ist die Ausnahme;
- keinen Abfall auf die Straße werfen;
- Pünktlichkeit, auch bei Bahnen und Bussen;
- eine gefundene Geldbörse zur Polizei bringen, zum nächsten Koban;
- die hintere Tür des Taxis, die der Fahrer vom Sitz aus öffnet;
- der Deckel mancher Washlet-Toiletten, der sich hebt, wenn jemand vor das Becken tritt;
- Hinweisschilder, die sich entschuldigen und oft klein und freundlich gezeichnet sind;
- Schüler, die am Ende des Tages das Klassenzimmer reinigen;
- manche Raucher, die die Asche in die Hand klopfen und in die Tasche stecken, statt sie auf den Boden zu schnippen;
- die Anrichtung der Küche nach Saison, bei der Farbe und Gefäß zum Monat passen.
Nicht jeder in Japan lebt so. Rücksicht und Rücksichtslosigkeit gibt es an jedem Ort. Die Liste ist eine Norm, an der Verhalten gemessen wird, kein Ausweis für die ganze Bevölkerung. Wer seinen Teil tut, übt genau diese Aufmerksamkeit, im Laden oder zu Hause.
Als Gast zahlt man im Alltag den ausgewiesenen Preis und legt kein Geld extra auf den Tisch. Ein Dank reicht. Sichtbar wird Omotenashi an der vorbereiteten Geste: die Tür, das Handtuch, die Verpackung. Das Wort dafür ist älter als die Olympiabewerbung von 2013.





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