08:15 – Der junge Masa, 23 Jahre alt, wacht in Tokio auf. Er arbeitet für eines der großen Spieleunternehmen Japans und wohnt allein in einer typischen Stadtwohnung: kompakt, funktional und auf den Meter genau genutzt. Wie viele Japaner spart er morgens Zeit und wäscht sich nur kurz das Gesicht – das richtige Baden, oft im entspannenden Ofuro, kommt abends. Zehn Minuten später steckt er im Pyjama-Wechsel und im Weg zur Bahn.
09:10 – Es regnet. Masa greift zum Schirm und fährt Richtung Büro. Gegen 09:50 stempelt er bei Bandai Namco Studios ein, der Entwicklungsgesellschaft im Bandai-Namco-Konzern. Die Marke kennt man von Titeln wie Tekken und Pac-Man; Teams der Studios unterstützen zudem Projekte für andere Publisher – die großen Franchises entstehen aber in verschiedenen Häusern der Gruppe und in Partnerschaften. Rund 1.000 Menschen verteilen sich über mehrere Etagen in Tokio.
Inhalt 8
Masa beginnt zu arbeiten – den größten Teil des Tages programmiert er
Auf seiner Etage zieht er die Schuhe aus, schlüpft in bequeme Sandalen, startet den Rechner und checkt zuerst Mails und das interne Netzwerk – und isst dabei sein Frühstück am Schreibtisch.
Neben dem Arbeitsplatz steht eine kleine „Videospiel-Ecke“: PlayStation, Xbox, Switch, VR-Brillen und ein starker PC. Wer will, testet zwischendurch, was im Haus entsteht.
Eine Etage tiefer liegt der Gemeinschaftsraum der Belegschaft. Mindestens vier Mülleimer trennen den Abfall; Wasserkocher und Mikrowelle stehen bereit. Snacks und ein Kühlschrank mit Eis und Süßigkeiten laufen nach dem „Nimm und zahl“-Prinzip: man nimmt, was man braucht, und legt den Betrag in die Kasse – ehrlichkeitsbasiert, ohne Scanner. Würde so etwas in jedem Büro draußen funktionieren? Hier scheint es zu klappen.
Die Atmosphäre wirkt zunächst wie in jedem anderen Konzern. Ohne Plakate mit Spielcharakteren und ein paar Gaming-Details könnte man kaum ahnen, dass hier Welten und Kämpfe entstehen – und nicht Präsentationen für irgendein beliebiges Produkt.
Bibliothek mit Konsolen und Spielen
Auf einer der Etagen steht eine richtige Bibliothek aus Videospielen und klassischen Konsolen: Nintendo, PC Engine/TurboGrafx-16, Super Nintendo/SNES, SEGA Master System, SEGA Saturn, Family Computer und mehr. Mehrere Regale voller Kassetten, CDs und Hardware – ein Archiv, das man in kaum einem „normalen“ Büro findet.

Mittagspause
12:00 – Masa geht mit seinem Kollegen – 同期・どうき – essen, der im selben Jahr wie er ins Unternehmen eingestiegen ist. In japanischen Firmen ist der jährliche Masseneinstieg frisch graduierter Uni-Absolventen üblich; man startet oft im gleichen Jahrgang und bleibt lange im selben „Kohorten“-Gefühl.
同期・どうき: jemand, der zur selben Zeit wie eine andere Person angefangen hat zu arbeiten oder zu studieren. Beispiel: Absolventen verschiedener Hochschulen, die im gleichen Jahr in derselben Firma beginnen.
Im Gebäude gibt es eine Kantine, und vor der Tür wechseln täglich Essenswagen. Bei Regen und Kälte wächst die Schlange. Masa fährt nicht immer zum Foodtruck – manchmal geht er auswärts oder holt etwas im nächsten Convenience Store.
Frage: Ist das das einzige Büro von Bandai Namco in Japan?
Antwort seines Kollegen: Innerhalb der Bandai-Namco-Gruppe gibt es viele Gesellschaften. Nimmt man alle zusammen, sind sie praktisch überall im Land vertreten.
Zum Mittag bestellt Masa eine Schüssel mit gebratener Ente. Bevor sie essen, falten er und sein Kollege die Hände und sagen いただきます – sinngemäß „Lass uns essen“ und zugleich „Danke für das Essen“.
Vor der Rückkehr an den Schreibtisch steuern sie einen Raum mit einem Arcade-Automaten von Pac-Man an: riesiger Bildschirm, bequeme Steuerung. Mitarbeitende dürfen die vorhandenen Automaten kostenlos spielen – ein kurzer Reset mitten im Arbeitstag.
Code Vein
13:00 – Masa programmiert weiter. Auf einer anderen Etage arbeitet ein anderes Team. Kurzes Gespräch mit dem Regisseur und Produktionsleiter von Code Vein, das damals gerade veröffentlicht worden war:
– Entschuldigung, was ist Ihre Rolle hier? – Ich bin Regisseur und Produktionsleiter von Code Vein. – Was ist Code Vein? – Ein Action-RPG mit dramatischer Erkundung und animierten Charakteren in einer gefährlichen Höhlenwelt. – Darf man es sehen? – Am besten an einem anderen Platz. Nach dem Laden der Konsole: Die spielbaren Figuren sind Revenants mit vampirischen Zügen; man kann den eigenen Charakter stark anpassen. – Die Optik ist stark … Wie lange hat die Entwicklung gedauert? – Von der Planung an ungefähr fünf Jahre. Es gab Phasen mit rund 200 Leuten am Projekt.
Selbst nach dem Release endet die Arbeit nicht: Updates, Feedback der Spieler und herunterladbare Inhalte bleiben im Fluss.
In der Nähe sitzt eine andere Gruppe im Meeting – und wir hören kurz rein.
Tekken 7
– Hallo, woran arbeitet ihr gerade? – Wir haben Tekken 7 entwickelt; ich bin der Regisseur. – Was macht ihr genau jetzt? – Wir prüfen Inhalte zum Download, den „Season Pass 3“. – Darf man reinschauen? – Das ist geheim! (lacht)
Nebenan stehen Arcade-Automaten mit Tekken 7, an denen Charaktere und Funktionen getestet werden – für ein Kampfspiel ein zentraler Teil der Qualitätssicherung.
Meetings und eine kurze Pause zum Nickerchen
14:00 – Masa sitzt nicht am Schreibtisch, sondern im täglichen Scrum-Meeting von etwa 30 Minuten: Was war gestern geplant, was muss heute fertig werden, welche Blocker gibt es? Aufgaben laufen über eine Verwaltungssoftware und werden am Bildschirm geteilt.
Scrum ist eine agile Methode zur Planung von Softwareprojekten. Die Arbeit läuft in zeitlich begrenzten Zyklen, den Sprints; innerhalb eines Sprints soll ein festgelegter Satz an Aufgaben erledigt werden.
14:30 – Bevor er weiterprogrammiert, nutzt Masa die Ruhezone für ein kurzes Nickerchen. Danach holt er sich am kostenlosen Getränkeautomaten Tee, Limonade oder Saft.
17:00 – Ein weiteres Scrum: diesmal der zweiwöchentliche Sprint-Review. Meetingräume bucht man über ein digitales Panel – ohne Zettelwirtschaft.
18:00 – Masa schließt offene Tasks, liest Mails aus den Meeting-Fenstern nach und schreibt eine kurze Zusammenfassung des Tages.
Heute trifft er Freunde und will etwas früher gehen. Der Hunger wartet nicht.
Feierabend – und Abendessen mit Freunden
19:07 – Etwas mehr als acht Stunden später verlässt Masa das Büro. Bei großen Projekten, sagt er, bleiben Überstunden normal; im Alltag sei es bei ihm oft erträglich. In der japanischen Arbeitskultur gilt Überstunden-Druck in vielen Branchen noch immer als Thema – bis hin zu extremen Fällen wie Karoshi, dem Tod durch Überarbeitung.
Beim Treffen begrüßt man sich mit おつかれさまです – wörtlich etwa „Danke für deine Arbeit“, im Alltag die Standardformel unter Kollegen und Freunden nach dem Tag.
Heute ist Zahltag und Freitag: etwas mehr Raum zum Durchatmen.
In Japan bestellt man Getränke oft einzeln, teilt aber das Essen; die Rechnung wird am Ende meist gleichmäßig geteilt, egal wer wie viel bestellt hat. In vielen 居酒屋・いざかや (Izakaya) ist Rauchen im Innenraum lange üblich gewesen – je nach Lokal und aktueller Regel kann das heute strenger sein.

Freizeit: Gundam-Modelle, YouTube und Spielen
21:30 – Masa verabschiedet sich und fährt mit der U-Bahn nach Hause. Auch nach der Arbeit landet er oft wieder am Computer – zum Spielen und zum Entspannen.
– Schaust du YouTube? – Ja, zuletzt einen Kanal über Gundam・ガンダム, den SUNRISE veröffentlicht hat. Ich könnte den ganzen Tag Gundam schauen. Im Apartment stapeln sich Kartons und fertige Modelle.
– Und den Rest des Abends? – Ich baue ein Gundam-Modell, bis es Zeit zum Schlafen ist. Heute: MS-06R-2 Johnny Ridden’s Zaku II.
Ein paar Stunden Plastik, Pinzetten und Kleinteile – und der Tag eines japanischen Spielprogrammierers endet, wie er angefangen hat: mit Systemen, die man lieber mit den Händen begreift als nur in der Theorie. Wer japanische IT- und Arbeitsvokabeln vertiefen will, findet bei uns auch eine Übersicht zu Computerbegriffen auf Japanisch.
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