Anspielungen auf Brasilien in Animes + Michiko to Hatchin

Ein fiktiver Staat nach brasilianischem Vorbild, portugiesische Nachnamen und ein Soundtrack mit brasilianischem Akzent.

Brasilien taucht in japanischen Animationsfilmen und -serien häufiger auf, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Meist bleibt es bei kurzen Verweisen: Fußball, Karneval, der Amazonas-Regenwald oder eine ferne Erinnerung an Bossa Nova. Eine richtiggehende Hauptrolle spielt das Land jedoch selten. Eine bemerkenswerte Ausnahme ist Michiko to Hatchin (ミチコとハッチン), ein Anime aus dem Jahr 2008, dessen komplette Handlung in einer Welt angesiedelt ist, die Brasilien erstaunlich nahekommt - nur eben unter einem anderen Namen.

Dieser Artikel stellt den Anime vor, ordnet ihn in sein brasilianisches Setting ein und blickt anschließend auf weitere Anspielungen auf Brasilien, die sich quer durch das Anime-Genre finden.

Über Michiko to Hatchin

Michiko to Hatchin ist eine Animeserie, geschrieben von Takashi Ujita, produziert vom Studio Manglobe und inszeniert von Sayo Yamamoto. Sayo Yamamoto ist auch für die Regie von Cowboy Bebop verantwortlich, was der Serie eine ähnlich cineastische, jazzige und genreübergreifende Handschrift verleiht. Der Anime lief 2008 in Japan und umfasst 22 Episoden.

Die Geschichte spielt in einem fiktiven Land namens Diamandra, das laut Wikipedia nicht nur Kultur und Landschaften besitzt, die denen Brasiliens ähneln, sondern auch dessen geografische Aufteilung und Währung übernommen hat. Im Anime heißt die Währung Austral, was eine direkte Anspielung auf den brasilianischen Real darstellt. Damit ist Michiko to Hatchin einer der wenigen Animes, in denen ein komplettes Setting an ein bestimmtes südamerikanisches Land angelehnt ist.

Anspielungen auf Brasilien im Anime

Beim Blick auf Schauplätze und Requisiten zeigt sich, dass die Macherinnen und Macher sich intensiv mit brasilianischer Alltagskultur auseinandergesetzt haben.

Auffällig ist zunächst, dass im Hintergrund viele Dinge auf Portugiesisch statt auf Japanisch beschriftet sind: Plakate, Graffiti an Häuserwänden, Briefe und sogar Verkehrsschilder. Wer genauer hinsieht, erkennt im Stadtbild Schilder und Texte in brasilianischem Portugiesisch, darunter Wortfetzen wie Largo da Memória oder Saída. Diese Details verankern das fiktive Diamandra glaubhaft in der portugiesischsprachigen Welt.

Sambatanz-Szene in einem Anime mit brasilianischem Karneval als Hintergrund
Szenen aus Michiko to Hatchin mit brasilianischen Anspielungen - vom Karneval bis zur Hintergrundbeschriftung.

Die Hintergrundmusik unterstreicht diesen Eindruck: Mehrere Tracks des Soundtracks werden auf Portugiesisch mit brasilianischem Akzent gesungen. Genres wie Bossa Nova, Samba und Bachata tauchen auf und verleihen der Serie eine warme, lateinamerikanische Klangfarbe, die sich wohltuend vom typischen J-Pop-Sound vieler Animes abhebt.

Auch die Figurennamen selbst sind portugiesischsprachig. Michiko Malandro trägt einen Nachnamen, der im brasilianischen Portugiesisch so viel wie „Gaunerin" oder „Freche" bedeutet. Hana „Hatchin" Morenos erinnert an den spanisch-portugiesischen Namensraum. Selbst Nebenfiguren tragen brasilianisch klingende Vornamen, was das Südamerika-Gefühl der Serie konsequent verstärkt.

Hinzu kommen alltagskulturelle Details: tropische Farben, sonnenverbrannte Straßen, heruntergekommene Favela-artige Viertel, Motorräder und tropische Vegetation. Die Kameraführung greift dabei Motive auf, die auch im brasilianischen Cinema Novo und im lateinamerikanischen Kino häufig vorkommen - Familienbande, soziale Ungleichheit und das Leben am Rand der Gesellschaft.

Englischer Trailer zu Michiko to Hatchin (2008).

Die Handlung des Animes

Die Geschichte beginnt, als die Sträflingin Michiko Malandro aus dem Hochsicherheitsgefängnis ausbricht. Auf der Flucht trifft sie auf Hatchin Morenos, ein Mädchen, das bei der Familie Blenbauza Yamada lebt. Hatchin, mit bürgerlichem Namen Hana, wird dort von ihren Pflegeeltern - Pater Pedro und seiner Frau Joana - und den Pflegegeschwistern Gabriel und Maria systematisch misshandelt.

Als Hatchin sich eines Tages gegen die Familie auflehnt, greift Michiko ein und rettet sie. Beide tragen eine Schlangentätowierung - ein Motiv, das auf brasilianische Gefängniskultur anspielt - und fassen langsam Vertrauen zueinander. Zu zweit machen sie sich auf die Suche nach Hatchins leiblichem Vater, Hiroshi Morenos, von dem beide Frauen auf unterschiedliche Weise geprägt wurden.

Was folgt, ist eine Roadmovie-Handlung quer durch Diamandra: Die beiden Protagonistinnen durchqueren tropische Küsten, schmutzige Großstädte und abgelegene Dörfer, geraten an korrupte Polizisten, lokale Bandenchefs und zwielichtige Geschäftemacher. Zwischen Actionszenen, humorvollen Alltagsmomenten und leisen Familienszenen baut die Serie ein dichtes Bild eines Landes auf, das an Brasilien erinnert, ohne es direkt zu benennen.

Weitere Anspielungen auf Brasilien in Animes

Michiko to Hatchin ist die offensichtlichste Adaption eines brasilianischen Settings, aber bei weitem nicht die einzige Anspielung. Eine Auswahl:

Golden Time und der Karneval

In der romantischen Comedy-Serie Golden Time (2013) tauchen in einer Folge Frauen auf, die Samba tanzen und Karnevalskostüme tragen. Die Szene verweist auf den brasilianischen Karneval als bekanntestes kulturelles Exportgut des Landes und ist im Anime-Genre ein wiederkehrendes Kurzsignal für „Brasilien".

Captain Tsubasa und der Fußball

Kaum ein Sport-Anime kommt am brasilianischen Fußball vorbei. In Captain Tsubasa (gezeichnet von Yōichi Takahashi) ist Brasilien seit Jahrzehnten die unangefochtene Referenz für technische Brillanz, Ballbehandlung und taktische Kreativität. Mehrere Schlüsselspiele der Serie führen japanische Protagonisten nach São Paulo, Rio de Janeiro oder in den Amazonas-Regenwald.

Aldebaran von Stier

Im Anime-Klassiker Die Ritter des Zodiac (japanisch: Saint Seiya) ist der Goldene Ritter Aldebaran vom Sternzeichen Stier eine offensichtliche Hommage an Brasilien: dunkle Hautfarbe, einheimische Tracht, südamerikanische Folklore und ein im brasilianischen Hinterland angesiedelter Hintergrund. Er gilt als eine der prägendsten Brasilien-Figuren des Anime-Genre.

Hayate no Gotoku

Die Comedy-Serie Hayate no Gotoku (2004) spielt in mehreren Episoden mit Brasilien-Anspielungen. Erwähnt werden eine fiktive Eisenbahnlinie zwischen Rio de Janeiro und Tokyo, Kaffeeplantagen und der Amazonas-Regenwald. In der Logik der Serie gehört Brasilien zu jenen Orten, an denen die Figuren irgendwann einmal gewesen sein müssen.

Pokémon und der Amazonas

Im ersten Pokémon-Film (Mewtwo contra Mew, 1998) wird Mewtwo im Amazonas-Regenwald aus dem Ur-Pokémon Mew geklont. Die tropische Vegetation dient als Kulisse für die entscheidende Konfrontation und hat den Regenwald fest in der Vorstellungswelt vieler Anime-Fans verankert.

Rozen Maiden und Ayrton Senna

Im Hintergrund der Puppen-Anime-Serie Rozen Maiden hängt im Zimmer der Protagonistin Jun ein Poster von Ayrton Senna, dem brasilianischen Formel-1-Weltmeister. Das Detail ist klein, zeigt aber, wie tief brasilianische Pop-Ikonen in den Alltagsästhetiken japanischer Serien verankert sind.

Gundam 00 und die Rüstungsindustrie

Im Mecha-Anime Gundam 00 (2007) wird eines der mächtigsten Mobile Suits in einer brasilianischen Forschungseinrichtung entwickelt. Damit wird Brasilien in der Serie als aufstrebende Hightech-Region inszeniert - eine für das Genre ungewöhnliche, aber konsequente Erweiterung des Südamerika-Bildes.

Cowboy Bebop und die Bossa Nova

Da Cowboy Bebop unter derselben Regie wie Michiko to Hatchin entstand, ist die brasilianische Klangfarbe dort ebenfalls präsent. In mehreren Episoden tauchen Anspielungen auf den brasilianischen Komponisten und Poeten Tom Jobim auf, dazu Figuren mit brasilianisch klingenden Vornamen wie Antônio und Carlos. Das passt zu Bebops Vorliebe für lateinamerikanische Musik, insbesondere Bossa Nova und Latin Jazz.

Brasilien im Anime: ein kurzes Fazit

Brasilien bleibt im Mainstream-Anime eine Art kulturelle Kurzformel: Fußball, Karneval, Samba, Amazonas, gelegentlich Kaffee und gelegentlich ein Hinweis auf die koloniale Geschichte. Michiko to Hatchin ist die seltene Serie, die das Setting konsequent durchdekliniert - mit portugiesischer Sprache auf Plakaten, brasilianisch klingenden Nachnamen, einem Soundtrack mit brasilianischem Akzent und einer Straßenästhetik, die an die Peripherie São Paulos erinnert. Wer also Animes schätzt, in denen lateinamerikanische Kultur nicht nur als Folklore-Aperçu auftaucht, sondern als Welt eigenständig funktioniert, kommt an dieser 2008er-Serie kaum vorbei.

Kevin Henrique

Über den Autor: Kevin Henrique

Spezialist mit mehr als 10 Jahren Erfahrung in asiatischer Kultur, mit Fokus auf Japan, Korea, Anime und Spiele. Autodidakt, Autor und Reisender, der Japanisch, Reisetipps und tiefgehende Kuriositäten vermittelt.

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