Viele stellen sich japanische Züge als rollende Bibliothek vor: leise, ordentlich, jeder in seiner Blase. Ein Stück weit stimmt das. Dann nickt der Nachbar im Stehen ein, jemand flüstert Sumimasen, obwohl der Gang frei ist – und an der nächsten Station versucht noch jemand, durch die schließende Tür zu schlüpfen.
Wer öfter fährt, erkennt schnell wiederkehrende Typen. Nicht alle halten sich an die ungeschriebenen Regeln. Manche sind höflich bis zur Komik, andere nutzen genau die Enge, vor der die Manner-Poster warnen.
Inhalt 8
Die Schläfer im Zug – Inemuri
Fangen wir mit dem auffälligsten Typ an: den Schönschläfern. In Japan gehört es zur Kultur, im Zug zu schlafen. Manche legen sich dabei quer hin und blockieren gleich mehrere Sitze. Japaner können sowohl im Stehen als auch im Sitzen schlafen – und es kann durchaus passieren, dass dir jemand den Kopf an die Schulter lehnt.
Sie schlafen in allen erdenklichen Positionen, oft witzig und skurril, manche mit offenem Mund, und nur selten landet jemand auf dem Boden. Das Erstaunliche: Viele wachen an ihrer Station auf und setzen den Weg nach Hause oder zur Arbeit fort. Diese Praxis nennt man Inemuri – anwesend sein und trotzdem schlafen.
Pendlerwege von anderthalb Stunden je Richtung sind in den Großstädten keine Seltenheit. Geschlossene Augen gelten dann oft nicht als Unhöflichkeit, sondern als Zeichen harter Arbeit. Manchmal sind sie auch Tarnung: Wer „schläft“, muss den Sitz daneben nicht anbieten.

Die Sumimasen-Sager
Egal ob im Zug oder anderswo – diesen Typ findest du überall in Japan. Selbst wenn der Zug geräumig und leer ist, schaffen sie es, dich anzustoßen, sei es beim Ein- und Aussteigen an der Tür.
Irgendwann sagen sie dann, ganz nach höflicher Etikette, ein leises Sumimasen, was so viel wie „Entschuldigung“ oder „Verzeihung“ bedeutet – oft sogar, bevor sie dich überhaupt berührt haben.
Sie entschuldigen sich und bringen dich auf diese diskrete Weise dazu, den Platz zu wechseln. Andererseits gibt es auch jene, die sich nicht bewegen und schweigend darauf warten, dass du um Erlaubnis bittest.

Die Handysüchtigen im Zug
Im japanischen Zug telefoniert so gut wie niemand laut, aber das Handy lassen die meisten trotzdem keine Sekunde aus der Hand. Das Gerät steht auf Manner-Modus (マナーモード): stumm, ohne Klingeln. Ständig schauen sie auf den Bildschirm, surfen, schauen Anime, lesen oder chatten auf LINE.
Sie rempeln dich dabei an oder schubsen dich, ohne es überhaupt zu merken. Ob im Stehen, Sitzen oder Schlafen – die Handys lassen die Hände dieser Japaner einfach nicht los.
In Tokio hält man sich an das ungeschriebene Telefonverbot meist ziemlich strikt. Im Raum Osaka hört man öfter eine leise Stimme, oft im Kansai-Dialekt, die sich kurz entschuldigt und verspricht, später zurückzurufen. Lautes Telefonieren bleibt trotzdem die Ausnahme – und ohne Kopfhörer Videos zu schauen gilt als grober Schnitzer.

Die Türstürmer
Am Bahnsteig stehen die Leute in Reihen, genau dort, wo die Türen halten. Markierungen auf dem Boden zeigen die Stelle. Wer sich von der Seite vordrängelt, fällt sofort auf.
Trotzdem gibt es den Typ, der im letzten Moment noch reinspringt – auf Japanisch kakekomi jōsha (駆け込み乗車). Die Türen klemmen eine Tasche oder einen Arm ein, öffnen sich wieder, und der nächste nutzt die Pause für denselben Versuch. Bei der Taktung der Tokioter Linien ist das selten nötig und nervt alle, die schon drinstehen.
Verwandt damit sind die, die direkt in der Tür stehen bleiben, den Rucksack auf dem Rücken lassen und den Strom der Aussteigenden blockieren. Die Regel ist simpel: erst raus, dann rein, Tasche nach unten oder nach vorn – und in den Wagen hineingehen, statt die Schwelle zu besetzen.
Chikan und der Frauenwaggon
Es gibt leider auch die berüchtigten Grapscher, auf Japanisch Chikan (痴漢). Sie nutzen das Gedränge in der Rushhour, um Frauen zu berühren oder unter den Rock zu fotografieren. Viele Opfer sagen im Moment nichts: der Wagen ist voll, der Täter steht eng, und die Fahrt dauert oft nur wenige Stationen.
Bahngesellschaften haben darauf reagiert. Die Keiō führte im Jahr 2000 abends die ersten Frauenwaggons (女性専用車両, josei sen’yō sharyō) ein; das Modell hat sich in Tokio und Kansai verbreitet. Sie gelten meist nur zu festgelegten Zeiten, etwa morgens bis gegen 10 Uhr und abends im Berufsverkehr, und nicht auf jeder Linie. Jungen bis zwölf Jahren in Begleitung und Rollstuhlfahrer dürfen oft mitfahren. Außerhalb dieser Fenster ist derselbe Wagen ein ganz normaler Mix.
Die pinken Markierungen am Bahnsteig sind die praktische Antwort auf ein echtes Problem – kein Beweis, dass jeder Mann so fährt, und auch kein Freibrief, die Enge zu ignorieren.

Die Lauten im japanischen Zug
Manche denken, in japanischen Zügen herrsche absolutes Telefonier- und Lärmverbot, sodass die Fahrt immer leise sein muss. Bis du auf eine Gruppe Schülerinnen oder eine laute Clique triffst. Sie flüstern nicht – sie schreien. Sie reden ununterbrochen und kümmern sich nicht um ihre Mitmenschen.
Wenn man sie zurechtweist, werden sie nur noch lauter. Die Situation wird immer peinlicher, aber niemand traut sich, etwas zu unternehmen. Früher oder später wirst du Menschen begegnen, die im Zug laut reden – und nicht alle merken überhaupt, dass sie laut sind. Nachts, wenn Betrunkene die letzten Züge füllen, bricht die Stille noch öfter.

„Dieser Platz ist meiner“
In japanischen Zügen ist es ganz normal, schwangere Frauen oder ältere Damen stehen zu sehen, während die Prioritätssitze (優先席, yūsenseki) von gesunden Fahrgästen besetzt sind. Hat sich jemand erst einmal hingesetzt, steht er bis zu seiner eigenen Station nur ungern wieder auf. Manche denken zwar daran, den Platz freizugeben, aber die gegenseitige Scham verhindert es.
Wenn dann doch jemand aufsteht, um der älteren Frau den Platz anzubieten, lehnt sie oft ab und bleibt lieber stehen – als wollte sie sich selbst jünger fühlen. Und ein anderer Jugendlicher nimmt natürlich sofort den freigewordenen Platz ein.
Schwangere erkennt man oft am Anstecker mit dem Babybauch-Symbol. Wer auf dem silbernen Sitz sitzt, sollte den Blick heben, sobald jemand mit Stock, Bauch oder Kind einsteigt – statt die Augen zu schließen und auf Inemuri zu hoffen.

Die Unsozialen im japanischen Zug
Die große Mehrheit der Japaner spricht im Zug miteinander kaum ein Wort. Die Schüchternheit beherrscht die Fahrt, und die Chance, fremde Menschen kennenzulernen, ist gering. Niemand ergreift die Initiative, und selbst wenn du ein Gespräch beginnst, will der Fluss nicht so recht in Gang kommen.
In Wirklichkeit haben viele Japaner Angst vor dem Ansprechversuch – besonders, wenn du Ausländer bist. Die Sprachbarriere macht unsicher, und man befürchtet, nicht helfen zu können. Dabei starren sich die Fahrgäste untereinander ständig an, nicht nur Ausländer, sondern auch untereinander, besonders zwischen den Geschlechtern.

Das waren acht Typen, denen du in japanischen Zügen begegnen kannst. Es gibt natürlich noch weitere Eigenheiten – vom Rucksack, der im vollen Waggon zum Rammbock wird, bis zum Manner-Poster über den Sitzen. Mehr zum Netz und zu den Zugarten steht im Überblick über Züge in Japan.
Erinnerst du dich an einen ganz besonderen Typen, der hier fehlt? Erzähl uns davon in den Kommentaren.
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