Sind Schulen in Japan wirklich wie im Anime?

Sind Schulen in Japan wirklich wie im Anime?

Was Schul-Animes vom japanischen Alltag abbilden – und wo sie für die Kamera lügen.

Stimmt es, dass die Schulen in Japan genauso sind wie die Schulen in Animes? Wer lange genug Schulserien schaut, merkt schnell: der Club nach dem Unterricht, der Schuhwechsel an der Tür und dieser eine Glockenton kommen nicht aus dem Nichts. Die Kulisse sitzt oft.

Viele Schul-Animes wiederholen dieselben Bilder, bis sie wie Klischees klingen. Ein Teil davon hat ein Vorbild vor dem Schultor. Der andere Teil existiert, weil die Kamera Isolation, Drama und eine Uniform braucht, die so in der Schulordnung selten steht.

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Wo Schul-Animes den Alltag treffen

Clubs – Das Erste, was in den Schulen der Animes auffällt, sind die Clubs: Sport, Lesen, manchmal Games und Informatik. In den meisten Serien hängen die Hauptfiguren an genau so einem Club. Das Vorbild heißt bukatsu (部活) und gehört an Mittel- und Oberschulen zum Tag dazu. Der Aufwand ist oft höher als die Folge zeigt: Training bis in den Abend, Wochenenden, Turniere. Einen Host-Club wie in Ouran High School Host Club oder einen frei erfundenen SOS-Club sucht man an echten Schulen eher vergebens.

Feste und Veranstaltungen – Die Wettkämpfe, bei denen Klassen gegeneinander antreten, Pyramiden bauen und das Gelände zur Arena wird, gibt es wirklich. Sie heißen Undokai. Daneben steht das Kulturfest, das bunkasai: Klassen betreiben Stände, Theater, Cafés. Ein Maid-Café taucht als Themenstand auf, ist aber kein Pflichtprogramm jeder Schule.

Kulturfest an einer japanischen Schule: Essensstände links und ein geschmückter Flur mit Schildern rechts

Schuhe – An der Schule stehen Schuhschränke (getabako). Die Straßenschuhe bleiben draußen, drinnen zieht man Hausschuhe oder uwabaki an. Der Boden soll sauber bleiben – und die Szene am Schrank ist deshalb so häufig, weil sie den Schultag wirklich einleitet.

Senpai und Kouhai – Das passiert nicht nur in Animes. Zwischen Jahrgängen gibt es eine klare Hierarchie, besonders im Club. Senpai ist der Erfahrene, Kouhai der Jüngere. Man spricht sich so an, und die Beziehung kann hilfreich oder anstrengend sein, je nach Club und Schule.

Westminster-Glocke – Der bekannte Schulgong in Japan ist oft die Melodie der Westminster Quarters, im Alltag kīn-kōn-kān-kōn (キーンコーンカーンコーン). In Schul-Animes hört man ihn ständig. An echten Schulen ist er weit verbreitet, nur kennt kaum jemand den englischen Namen.

Ijime: Mobbing – Wer glaubt, Animes zeigten nur die heile Schulwelt, hat die falschen Serien gesehen. Ijime kommt in Anime und in Doramas vor, oft härter als westliche Zuschauer erwarten. Great Teacher Onizuka spielt Fälle durch, die bis zu Selbstverletzungen gehen – und Mobbing ist in Japan ein reales Thema, unter Jungen und unter Mädchen.

Uniform, Bentō und was die Serie oft überspringt

Was im Kopf hängt, wenn jemand „japanische Schule“ sagt, ist die Uniform. Die meisten Mittel- und Oberschulen haben eine. Sie ist nur seltener so bunt und tailliert wie auf dem Bildschirm. Drei Schnitte tauchen immer wieder auf:

  • Gakuran (学ラン) – dunkle Jacke mit Stehkragen, vor allem für Jungen.
  • Sailor fuku (セーラー服) – Bluse mit Matrosenkragen und plissiertem Rock.
  • Blazer – westlicher Schnitt mit Krawatte oder Schleife, heute sehr verbreitet.

Sommer- und Wintersätze wechseln. Pastell-Minis und karierte Show-Hosen sind Design der Serie, nicht der Schulordnung. Haarfarbe, Schmuck und Make-up sind an vielen Schulen geregelt, zum Teil unter dem Stichwort burakku kōsoku (ブラック校則), den „schwarzen Schulregeln“. Bunte Haare wie bei der Heldin sind ungewöhnlich. Manche Schulen verlangen schwarzes Haar. Es gab Fälle, in denen Schülerinnen mit natürlichem Braun zum Färben gedrängt wurden. Andere lockern das. Eine landesweite Uniform gibt es nicht.

Vier Schülerinnen in dunkelblauem Blazer und kariertem Rock überqueren mit Mundschutz eine Straße in Japan

Putzen – In vielen Serien wischt die Klasse nach dem Unterricht den Boden. Das stimmt. Sōji (掃除) gehört zum Schultag: fegen, Tische wischen, Flure. Die tägliche Sauberkeit liegt bei den Schülern, nicht bei einem unsichtbaren Hausmeisterdienst.

Essen – Animes zeigen gern das Obentō in der Pause und den Sprint zum Melonpan. An Grund- und vielen Mittelschulen gibt es oft Schulessen (kyūshoku), das in der Klasse gegessen wird. An Oberschulen bringen viele ihr Bentō mit oder kaufen in einem kleinen Laden. Automaten für Getränke sind üblich. Ein landesweites Verbot „industrieller Snacks“ gibt es so pauschal nicht. Einzelne Schulen verbieten Süßigkeiten oder Essen auf dem Schulweg.

Mädchenschulen – Es gibt sie, und es gibt Jungenschulen. In Kaichou wa Maid-sama! wird eine Mädchenschule für Jungen geöffnet. Im echten Japan haben einzelne Schulen später ebenfalls beide Geschlechter aufgenommen. Das Happy-End der Serie ist keine Statistik.

Aufnahmeprüfungen – Das letzte Oberschuljahr dreht sich für viele um die Uni-Aufnahme, das juken. Vorbereitungskurse, Nachhilfe, Lehrer, die beraten: das kommt in Animes vor, weil es den Kalender wirklich bestimmt.

Klassenfahrten – Die großen Fahrten können nach Okinawa, in eine andere Präfektur oder, seltener, nach Korea gehen. Das hängt von der Schule und dem Geldbeutel ab. So spektakulär wie die Montage in der Serie ist der Alltag der Reise selten – die Inseln und die Gruppenfotos stimmen trotzdem.

Was in Schul-Animes nicht so läuft

Links eine Anime-Schülerin auf dem Schuldach mit Fernrohr, rechts Schülerinnen mit kurzen Röcken von hinten

Die Röcke sind nicht von der Stange so kurz – Im Anime endet der Rock oft am Oberschenkel. Die vorgeschriebene Länge liegt meist am Knie oder knapp darüber. Manche Schülerinnen kürzen oder rollen den Bund – häufiger auf dem Schulweg als im Unterricht. Genau diese Lücke hat die Zeichner interessiert. Wie kurz der Rock wirklich getragen wird, hängt von Schule und Kontrolle ab. Dazu gibt es einen eigenen Vergleich zur japanischen Schuluniform und der Rocklänge. Schulen, die kontrollieren, kontrollieren auch Änderungen an der Uniform.

Schuldach – Fast jede Schulserie schickt Figuren aufs Dach: Mittagessen, Geständnis, schöne Skyline. An vielen Schulen ist das Dach aus Sicherheitsgründen zu. Manche brechen die Regel trotzdem. Manga braucht einen Ort, an dem niemand stört und die Stadt im Hintergrund liegt.

Anime-Schülerin mit Bentō und Schüler sitzen am Maschendrahtzaun auf dem Schulgelände

Noten – In manchen Animes hängen die Ergebnisse für alle sichtbar. Das kann vorkommen, ist aber kein Standard. Oft werden gute Leistungen intern belohnt.

Schülerrat – Animes machen aus dem Schülerrat gern die inoffizielle Schulleitung. In der Realität hilft der Rat bei Festen, Vorschlägen, Klasse. Macht über Lehrer und Schulordnung hat er in der Regel nicht.

Grundschüler sitzen in einem Klassenzimmer, gelbe Mützen liegen auf den Holztischen

Schule in Japan oder in der Serie?

Animes treffen das japanische Schulleben oft in der Kulisse und übertreiben danach fast alles, was verboten, peinlich oder langweilig wäre. Die echte Schule ist strenger, der Tag länger, das Dach öfter zu. Trotzdem bleibt sie eine Schule: lernen, Regeln, Freundschaften, Schwärmereien, dumme Streiche. Viele gehen ungern hin. Auf meiner Reise 2016 habe ich Schüler getroffen, die ganz unspektakulär geschwänzt haben – ohne Magie, ohne Host-Club.

Wer den Alltag in der Serie suchen will, fängt besser bei ruhigen Schul-Animes an. Eine Liste von Schul-Animes, die ich dafür empfehle:

  • Toradora
  • Another
  • K-On
  • Suzumiya Haruhi
  • Hyouka
  • Kimi ni todoke
  • Yahari Ore no Seishun Love Comedy wa Machigatteiru
  • Kokoro Connect
  • Great Teacher Onizuka (GTO)
  • Gin no Saji
  • Angel Beats!
  • Sakurasou no Pet na Kanojo

Im echten Leben fallen Jungen nicht versehentlich auf die Brust der Mitschülerin. Es tauchen auch keine Monster, Massaker, magischen Mädchen, Zeitreisenden und Geister in der Pause auf. Fehlt euch ein Klischee, das die Serie erfunden hat? Schreibt es in die Kommentare.

Quellen und nützliche Links

Über den Autor

Kevin Henrique

Spezialist mit mehr als 10 Jahren Erfahrung in asiatischer Kultur, mit Fokus auf Japan, Korea, Anime und Spiele. Autodidakt, Autor und Reisender, der Japanisch, Reisetipps und tiefgehende Kuriositäten vermittelt.

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