Momo: Die Wahrheit hinter der verfluchten Puppe

Momo: Die Wahrheit hinter der verfluchten Puppe

Eine Skulptur aus einer Tokioter Galerie, ein Kettenbrief aus dem spanischsprachigen Internet und eine Welle der Angst:...

Bestimmt haben Sie das Bild schon einmal gesehen: eine Frau mit weit aufgerissenen Augen, strähnigen Haaren und einem breiten, verzerrten Lächeln. Seit 2018 taucht es in WhatsApp-Nachrichten und in Videos auf, oft zusammen mit der Warnung, Momo bringe Kinder dazu, sich selbst zu verletzen. Das Foto zeigt eine Skulptur, die 2016 in Tokio ausgestellt wurde. Was aus ihr wurde und wie die Legende entstand, lässt sich heute genauer sagen als während der ersten Welle.

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Was ist die Momo-Puppe?

Hinter dem Bild steht die Skulptur „Mother Bird“ des japanischen Spezialeffektkünstlers Keisuke Aiso. Er schuf die Figur 2016 für eine Ausstellung in der Vanilla Gallery in Tokio. Sie hat Vogelbeine, lange schwarze Haare und ein puppenhaftes Gesicht mit weit aufgerissenen Augen und einem breiten Lächeln. Aiso zufolge geht die Figur auf die Ubume zurück, ein weibliches Geisterwesen aus der japanischen Folklore, das als Vogelfrau erscheint.

Schon 2016 hatte eine japanische Instagram-Nutzerin die Skulptur fotografiert und das Bild online gestellt. Zwei Jahre später kopierten Unbekannte das Foto und machten daraus das Profilbild eines angeblichen Kontakts. In dieser Zeit bürgerte sich der Name Momo ein, obwohl die Skulptur offiziell „Mother Bird“ heißt.

Momo ist zugleich ein japanisches Wort: 桃 (momo) bedeutet Pfirsich. Auch 股 wird momo gelesen und bezeichnet den Oberschenkel oder den Schritt. Diese Bedeutungen haben mit der Figur nichts zu tun; der Name kam aus dem Internet.

Aiso erklärte 2019, er habe die Figur im Herbst 2018 entsorgt, weil das Material aus Naturkautschuk und Pflanzenölen verrottet sei. Wer heute nach Tokio reist, findet dort keine Momo-Puppe mehr. Von der Figur sind nur Aufnahmen geblieben, die 2018 eine internationale Debatte auslösten.

Die Momo-Skulptur Mother Bird von Keisuke Aiso in der Vanilla Gallery in Tokio

Wie aus der Skulptur eine Legende wurde

Im Juli 2018 kursierten in WhatsApp-Kettenbriefen Nachrichten von einem angeblichen Kontakt namens Momo. Das Profilbild zeigte das Foto der Skulptur. Wer die Nummer anschrieb, erhielt laut den Erzählungen Drohungen, verstörende Bilder oder Aufgaben. Die ersten Nummern hatten Vorwahlen aus Japan, Mexiko und Spanien; die meisten sind heute gesperrt.

Die Erzählung verbreitete sich zuerst im spanischsprachigen Internet und wurde von YouTubern aufgegriffen. Sie verglichen Momo mit der Blue Whale Challenge, einem angeblichen Suizidspiel aus Russland, das 2017 für Schlagzeilen sorgte. Über soziale Netzwerke erreichte die Erzählung 2019 auch Europa und die USA. In Großbritannien tauchten bearbeitete Versionen von Kinderzeichentrickfilmen auf, in denen die Figur plötzlich eingeblendet wurde.

Prominente trugen zur Verbreitung bei. Kim Kardashian teilte Ende Februar 2019 eine Warnung auf Instagram und bat YouTube um Hilfe. YouTube erklärte, keine Hinweise auf Videos zu haben, die die Challenge zeigen oder bewerben. Die Aufmerksamkeit wuchs weiter, obwohl die Plattform die Vorwürfe nicht bestätigte.

Was an der Momo-Challenge wirklich dran ist

Faktenchecker und Kinderschutzorganisationen kamen 2019 zu einem klaren Ergebnis: Für die behaupteten Übergriffe gab es keine Belege. Die britische Organisation Samaritans erklärte, sie kenne keine bestätigten Fälle, in denen Momo zu Selbstverletzung oder Suizid geführt habe. Das UK Safer Internet Centre nannte die Erzählung „Fake News“. Die BBC bezeichnete sie als Hoax, also als Schwindel.

Auch die deutschen Behörden mussten eine falsche Spur korrigieren. In München hatte die Polizei zunächst gemeldet, eine 13-Jährige habe nach Momo-Nachrichten Tabletten genommen. Am nächsten Tag zog sie die Aussage zurück: Die Ermittlungen hätten private Probleme als Grund ergeben. Der Fall zeigt, wie schnell eine Vermutung in den Schlagzeilen zur Tatsache wird.

Berichte über Suizide von Jugendlichen in Argentinien, Frankreich und Belgien wurden mit Momo in Verbindung gebracht. Ein belastbarer Zusammenhang ließ sich nicht nachweisen. Die zuständigen Behörden haben keinen Fall bestätigt, in dem die Challenge ursächlich für einen Tod war.

Warum Momo in Japan kaum bekannt ist

Obwohl die Skulptur aus Tokio stammt, blieb die Momo-Challenge in Japan weitgehend unbekannt. Das liegt auch an den Messengern: In Japan dominiert LINE, während WhatsApp nur eine kleine Rolle spielt. Die Kettenbriefe liefen über Nummern und Konten, die vor allem im spanischsprachigen Raum verbreitet wurden.

Japan hat ohnehin einen eigenen Fundus an Gruselgeschichten. Die Ubume, auf der die Skulptur basiert, gehört zu den Yōkai, den Gestalten der japanischen Folklore. Wer mehr über diese Tradition lesen möchte, findet in unserem Artikel zu Monstern und Mythen eine Einordnung.

Beispiele für moderne Stadtlegenden sind der Shirokiya-Brand von 1932 und der Fluch des Roten Zimmers. Unser Artikel zu fünf japanischen Stadtlegenden stellt sie vor.

Was Sie gegen die Legende tun können

Bei Kettenbriefen hilft vor allem, sie nicht weiterzuleiten. Antworten Sie nicht auf Nachrichten von unbekannten Nummern, blockieren Sie den Kontakt und melden Sie ihn im Messenger. Teilen Sie keine Warnungen mit dem Momo-Bild, auch wenn sie gut gemeint sind. Jede Weitergabe macht die Figur bekannter und bringt die Erzählung zu neuen Empfängern.

Sprechen Sie mit Kindern über das Bild. Fragen Sie, ob ihnen die Figur schon begegnet ist, erklären Sie, dass es sich um eine Skulptur handelt, und bleiben Sie bei der Regel, keine Nachrichten von Fremden zu beantworten. Die Polizei empfiehlt für allgemeine Fragen zur Internetnutzung Angebote wie klicksafe.de.

Die Skulptur ist seit 2018 verschwunden, doch ihr Foto bleibt in Chats und Videos. Wer die Geschichte nicht weiterleitet und Kinder über Kettenbriefe aufklärt, sorgt dafür, dass das Bild weniger Menschen erschreckt.

Quellen und nützliche Links

Über den Autor

Kevin Henrique

Spezialist mit mehr als 10 Jahren Erfahrung in asiatischer Kultur, mit Fokus auf Japan, Korea, Anime und Spiele. Autodidakt, Autor und Reisender, der Japanisch, Reisetipps und tiefgehende Kuriositäten vermittelt.

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