Wissen Sie, was idiomatische Ausdrücke sind? Es handelt sich um feste Wendungen, deren übertragene Bedeutung sich nicht allein aus den einzelnen Wörtern erschließen lässt. Im Japanischen heißen solche Redewendungen Kanyouku (慣用句, かんようく). In diesem Leitfaden schauen wir uns an, wie diese Wendungen aufgebaut sind, worin sie sich von Sprichwörtern unterscheiden und welche Beispiele Sie im Alltag wirklich brauchen.
Feste Wendungen tragen oft Bilder in sich, die man erst durch den gelebten Alltag und die Kultur einer Sprache wirklich begreift. Im Deutschen kennen wir das von Ausdrücken wie das Handtuch werfen, die Schuhe an den Nagel hängen oder wie auf Eiern gehen. Wer Japanisch lernt, trifft auf ganz ähnliche Metaphern, die wörtlich übersetzt zunächst verwundern, im Gespräch aber sofort ein klares Bild erzeugen.
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Kanyouku: Was die Schriftzeichen verraten
Das Wort Kanyouku (慣用句) setzt sich aus drei Schriftzeichen zusammen. Das Zeichen 慣 (kan) steht für Gewohnheit oder sich gewöhnen. Das Zeichen 用 (yō) bedeutet gebrauchen oder anwenden. Das Zeichen 句 (ku) bezeichnet einen Satz, Spruch oder eine Phrase. Zusammengenommen handelt es sich um Phrasen, die durch gewohnheitsmäßigen Gebrauch eine feste Bedeutung angenommen haben, die von der wörtlichen Lesart abweicht.
In der Sprachwissenschaft und im Japanischunterricht begegnen Ihnen verschiedene verwandte Bezeichnungen für feste Wendungen:
- Kanyouku (慣用句): Feste Verbindung aus zwei oder mehr Wörtern mit übertragener Bedeutung.
- Kanyouhyougen (慣用表現): Idiomatischer Ausdruck oder formelhafte Redewendung.
- Kanyougo (慣用語): Sprachlicher Gewohnheitsausdruck oder Redensart.
- Seiku (成句): Feste Redensart, geflügeltes Wort oder traditionelles Zitat.
- Jukugo (熟語): Kanji-Kompositum aus zwei oder mehr Schriftzeichen.
- Yojijukugo (四字熟語): Vier-Zeichen-Kompositum, häufig mit klassischem chinesischem Ursprung.
Manchmal werden Kanyouku mit den japanischen Sprichwörtern verwechselt. Während ein Kanyouku meist einen Zustand, ein Gefühl oder eine Handlung beschreibt, vermittelt ein Sprichwort eine allgemeine Lebensweisheit oder eine Lehre. Einen ausführlichen Einblick in klassische Weisheiten bietet unsere Übersicht über Kotowaza und japanische Sprichwörter.
Neben Sprichwörtern gibt es den Begriff Kakugen (格言), der Sinnsprüche, Aphorismen und Denkwürdigkeiten beschreibt. Ein bekanntes historisches Zitat ist 泣いて馬謖を斬る (naite Bashoku o kiru, unter Tränen Ma Su hinrichten) aus den Aufzeichnungen der Drei Reiche: Zhuge Liang musste seinen geschätzten General Ma Su schweren Herzens bestrafen, um das Gesetz zu wahren. Die Wendung steht dafür, Pflicht und Gerechtigkeit über persönliche Zuneigung zu stellen.
Auch im lockeren Umgangston und in der Umgangssprache wimmelt es von bildhaften Ausdrücken. Wer sich für informelle Redensarten interessiert, findet weitere Einblicke im Artikel über japanische Schimpfwörter und Schimpfausdrücke.

Häufige japanische Kanyouku im Überblick
Viele der bekanntesten japanischen Redewendungen nutzen alltägliche Vergleiche, moderne Beobachtungen oder Körperteile. Die folgende Auswahl zeigt beliebte Wendungen mit ihrer wörtlichen Bedeutung und ihrem tatsächlichen Sinn:
Bākōdo hito (バーコード人)
Wörtlich der Barcode-Mensch. Beschreibt humorvoll Männer mit Glatze, die die verbleibenden dünnen Haarsträhnen quer über den Kopf kämmen, sodass die Frisur an Strichcodes erinnert.
Kīpukun (キープ君)
Abgeleitet vom englischen Verb to keep. Bezeichnet einen Verehrer oder Partner auf Abruf, den man sich warmhält, während man Ausschau nach einer besseren Partie hält.
Shiri ga omoi und Shiri ga karui (尻が重い / 尻が軽い)
Shiri ga omoi bedeutet wörtlich schwerer Hintern und steht für träge Menschen, die schwer in Aktion treten. Das Gegenstück Shiri ga karui bedeutet leichter Hintern und bezeichnet Personen, die sehr rasch handeln oder leichtlebig und unvorsichtig sind. Eng verwandt ist Shirinugui (尻拭い), das wörtliche Abwischen des Hinterns, was das Beseitigen der Probleme und Fehler einer anderen Person meint.
Te o nuku (手を抜く)
Wörtlich die Hände herausziehen. Bedeutet, nachlässig zu arbeiten, Schritte zu überspringen oder halbe Sachen zu machen, anstatt vollen Einsatz zu zeigen.
Kuchi ga karui (口が軽い)
Wörtlich ein leichter Mund. Beschreibt jemanden, der ein lockeres Mundwerk hat und keine Geheimnisse für sich behalten kann. Das verlässliche Gegenteil lautet Kuchi ga katai (口が堅い) für eine verschwiegene Person.
Atama ga itai (頭が痛い)
Wörtlich der Kopf tut weh. Wird im übertragenen Sinn verwendet, wenn einem ein kniffliges Problem oder eine Situation echtes Kopfzerbrechen bereitet.
Hinote (火の手)
Wörtlich die Hand des Feuers. Bezeichnet das Vorrücken von Flammen oder im übertragenen Sinn eine schwere Attacke sowie eine heftige Welle der Aggression.
Atama ga ii (頭がいい)
Wörtlich ein guter Kopf. Ein überaus häufiger Ausdruck für klug, intelligent oder scharfsinnig.
Uri futatsu (瓜二つ)
Wörtlich zwei Melonen. Entspricht der deutschen Redensart sich gleichen wie ein Ei dem anderen, abgeleitet von zwei Hälften einer geteilten Melone.
Nemimi ni mizu (寝耳に水)
Wörtlich Wasser im schlafenden Ohr. Beschreibt eine völlig überraschende Neuigkeit, die jemanden völlig unvorbereitet und eiskalt erwischt.
Abura o uru (油を売る)
Wörtlich Öl verkaufen. Bedeutet trödeln oder Zeit verplaudern, anstatt zu arbeiten. Das Bild stammt aus der Edo-Zeit, als Verkäufer von zähflüssigem Lampenöl beim langsamen Abfüllen lange Gespräche mit der Kundschaft führten.
Hara ga kuroi (腹が黒い)
Wörtlich ein schwarzer Bauch. Bezeichnet eine hinterhältige, bösartige oder berechnende Person, die üble Absichten hinter einer freundlichen Fassade verbirgt.
Japanische Kanyouku mit Tieren
Tiere spielen in der japanischen Sprache eine herausragende Rolle bei bildhaften Beschreibungen:
Nekojita (猫舌)
Wörtlich die Katzenzunge. Beschreibt jemanden, der extrem empfindlich auf heiße Speisen oder heiße Getränke reagiert.
Nekokaburi (猫かぶり)
Wörtlich die Katze aufsetzen. Ähnlich wie das Bild vom Wolf im Schafspelz beschreibt dies eine Person, die Harmlosigkeit, Schüchternheit oder Naivität nur vorspielt.
Neko no hitai (猫の額)
Wörtlich die Katzenstirn. Bezeichnet einen winzigen Raum oder ein sehr kleines Grundstück, das bildlich kaum größer als die Stirn einer Katze ist.
Neko no me (猫の目)
Wörtlich Katzenaugen. Steht für rasch wechselnde Situationen oder Launen, ähnlich wie sich die Pupillen einer Katze im wechselnden Licht verändern.
Dorobōneko (泥棒猫)
Wörtlich die Diebeskatze. Beschreibt Personen, die heimlich egoistische Taten begehen oder sich rücksichtslos in bestehende Beziehungen drängen.
Suzume no namida (雀の涙)
Wörtlich die Tränen eines Spatzen. Bezeichnet eine verschwindend geringe Menge oder einen winzigen Geldbetrag, vergleichbar mit dem sprichwörtlichen Tropfen auf den heißen Stein.
Yajiuma (野次馬)
Wörtlich das Feldpferd. Steht für Schaulustige und Gaffer, die neugierig zu einem Vorfall eilen, der sie eigentlich gar nichts angeht.
Mushi ga ii (虫がいい)
Wörtlich gute Insekten haben. Bedeutet egoistisch sein, zu viel verlangen oder unverschämt erwarten, dass sich alles nach den eigenen Wünschen richtet.
Ken'en no naka (犬猿の仲)
Wörtlich die Beziehung von Hund und Affe. Entspricht dem deutschen Sprachbild wie Hund und Katze sein und drückt eine tiefe Rivalität oder Feindschaft aus.
Praktische Tipps für das Lernen japanischer Idiome
Feste Ausdrücke lassen sich selten durch das bloße Auswendiglernen isolierter Vokabellisten meistern. Da ihre Kraft in der bildhaften Vorstellung liegt, lohnt es sich, jede Wendung zusammen mit einem Beispielsatz und der konkreten Sprechsituation zu verknüpfen. Achten Sie darauf, ob ein Ausdruck eher scherzhaft, neutral oder tadelnd wirkt. Eine Wendung wie kuchi ga karui kann verletzend sein, während nekojita eine alltägliche, sympathische Beobachtung darstellt.
Um japanische Redewendungen dauerhaft zu verinnerlichen, hilft vor allem die praktische Anwendung in echten Kontexten. Beginnen Sie mit wenigen bildhaften Wendungen wie nekojita oder kuchi ga karui und achten Sie beim Lesen oder Hören auf deren Nuancen. Wer sein Verständnis für japanische Satzgefüge vertiefen möchte, findet nützliche Hinweise in unserem Leitfaden über japanische Adverbien und kleine Ausdrücke. Vertiefende Wortbedeutungen und Schriftzeichen lassen sich zuverlässig in Referenzwörterbüchern wie Wadoku oder Jisho nachschlagen, während der gezielte Blick auf Alltagssituationen die Sprache Schritt für Schritt lebendiger macht.






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