Am ersten Sonntag im April verwandelt sich eine Ecke von Kawasaki in eine Prozession aus Holz, Eisen und grellrosa Plastik – alles in Form eines Phallus. Der Kanamara Matsuri (かなまら祭り), oft als „Stahlphallus-Festival“ übersetzt, wirkt auf den ersten Blick wie ein reiner Touristen-Gag. Dahinter steckt jedoch ein Schrein mit handfester Geschichte: Schutz vor Krankheit, Bitten um Fruchtbarkeit und ein Wortspiel, das im Japanischen schon im Namen steckt.
Wer nur die Fotos der Riesenstatuen kennt, verpasst den Kontext. Vom Kanayama-Schrein über die Legende vom stählernen Phallus bis zu Spenden für HIV-Forschung: hier liegt, warum das Fest so ungewöhnlich und zugleich so ernst gemeint ist.

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Ursprung: Kanayama-Schrein, Edo und die moderne Feier
Die Wurzeln des Ortes reichen in die Edo-Zeit (1603–1868). Im Viertel um den heutigen Kanayama-Schrein (金山神社, Kanayama-jinja) in Kawasaki, nahe Tokio, beteten Prostituierte und Gäste der lokalen „Teahouses“ um Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten – damals vor allem Syphilis und Gonorrhö. Der Schrein wurde so zu einem Ort der Bitte um Heilung, sexuelle Gesundheit und ungestörte Beziehungen.
Verehrt werden dort Kanayama-hiko und Kanayama-hime, ein Götterpaar der Schmiedekunst und Metallarbeit. Schmiede und Handwerker suchten Schutz vor Unfällen; zugleich gilt das Paar als Anlaufstelle für leichte Geburten, eheliche Harmonie und Abwehr von Geschlechtskrankheiten. Der Name des Festes spielt mit dem Slangwort mara (まら) für das männliche Glied: aus Kanayama wird im Volksmund Kanamara.
Das moderne Straßenfest in der Form, die internationale Medien kennen, wird seit 1969 gefeiert – also deutlich jünger als die Schrein-Tradition selbst. Seit den 1980er-Jahren wuchs die Aufmerksamkeit; ein Teil der Erlöse fließt in die HIV-Forschung und Aufklärung. Wer „seit Jahrhunderten jedes Jahr der gleiche Umzug“ hört, vermischt oft Schrein-Geschichte und das heutige Touristen-Highlight.
Die Legende vom stählernen Phallus
Eine der bekanntesten Erzählungen erklärt den Beinamen: Ein Dämon soll sich in einer Frau versteckt und ihre Ehemänner bedroht haben. Ein Schmied fertigte einen Phallus aus Metall; die Zähne des Dämons brachen daran, und der „Stahlphallus“ wurde am Schrein verehrt. Es ist eine Legende, kein Laborbericht – aber sie verbindet Schmiedegötter, Metall und den heutigen Festnamen auf eine Weise, die Besucher selten aus den Selfie-Queues herauslesen.
Was am Festtag passiert
Höhepunkt ist die Mikoshi-Prozession: tragbare Schreine mit großen Phallus-Figuren ziehen durch die Straßen vom Kanayama-Schrein Richtung Daishi-Park und zurück. Klassisch werden drei (manchmal mehr) Mikoshi genannt:
- Kanamara-Mikoshi – hölzerner Phallus, der älteste Typ unter den tragbaren Schreinen;
- Kanamara-Boots-Mikoshi – bootförmig, mit einem dunklen Eisenphallus (u. a. mit einer Spende der Werft Hitachi Zosen verbunden);
- Elizabeth-Mikoshi – der große pinke Schrein, bekannt durch die Unterstützung eines Drag-/Crossdressing-Clubs aus Asakusabashi.
Dazu kommen Stände mit Süßigkeiten, Kerzen, Handtüchern und Souvenirs in passender Form, geschnitzter Daikon, Eis und Snacks. Tänze, Fotos und dichte Menschenmengen gehören dazu – und dennoch bleibt der Schrein ein religiöser Ort: Regeln und Respekt gelten, auch wenn der Anblick absurd wirkt.

Kuriositäten und Missverständnisse
Lebensmittel in phallischer Form sind beim Kanamara Matsuri und bei verwandten Fruchtbarkeitsfesten üblich: Spieße, Süßigkeiten, Kekse, Crêpes, geschnitztes Gemüse. Was von außen wie reine Provokation wirkt, ist im Kontext von Fruchtbarkeit, Schutz und Ernte-Segen eingeordnet – und speist zugleich den internationalen Medienrummel.
Ein häufiger Irrtum: das Fest sei „seit über 300 Jahren in genau dieser Paradeform“ ununterbrochen Touristenmagnet. Die Schrein-Praxis und die Bitten um Schutz sind älter; die heutige, medienwirksame Veranstaltung ist ein jüngeres Kapitel, das Geschichte, Humor und Spendenaktion verbindet. Gewinne und Spenden fließen unter anderem an Organisationen, die Prävention und Behandlung sexuell übertragbarer Krankheiten unterstützen – darunter HIV-Forschung.
Wer mehr aus dem Spektrum japanischer Matsuri entdecken will, findet im Überblick der bizarrsten Festivals Japans und in der Liste japanischer Feste Nachbarn mit ganz anderem Rhythmus.
Anreise und Besuchstipps
Schauplatz ist der Kanayama-Schrein im Komplex des Wakamiya-Hachimangu in Kawasaki (Kanagawa), nur wenige Gehminuten von der Station Kawasaki-Daishi der Keikyū-Daishi-Linie. Von zentralen Tokio-Bahnhöfen ist es in der Regel unter einer Stunde erreichbar (je nach Umstieg über Kawasaki oder Keikyū). Der Festtag ist der erste Sonntag im April; genaue Uhrzeiten für Zeremonie und Parade können von Jahr zu Jahr leicht variieren – vor Ort und über aktuelle Event-Hinweise lohnt ein kurzer Check.
Es wird eng. Wer die dichtesten Knäuel am Schrein meiden, aber Stände und die Wende der Prozession sehen will, kann die Station Higashimonzen (eine Haltestelle hinter Kawasaki-Daishi) nutzen und Richtung Daishi-Park laufen. Eintritt ist in der Regel frei; Souvenirs und Snacks kosten extra. Fotos sind üblich – respektloses Anfassen, Belästigung oder „nur für den Klick“-Grenzen überschreiten nicht.
Hounen Matsuri – ein weiteres Phallus-Festival

Der Hounen Matsuri (auch Honen Matsuri geschrieben) in Komaki in der Präfektur Aichi gilt als eines der älteren phallischen Feste Japans. Die Feierlichkeiten liegen im März; eine große hölzerne Phallus-Statue wird in Prozession durch die Straßen zum lokalen Schrein getragen. Hōnen (豊年) verweist auf eine „reiche Ernte“ – Fruchtbarkeit hier auch als landwirtschaftlicher Segen, nicht nur als urbane Kuriosität.
Beide Feste zeigen, wie japanische Matsuri Sexualität, Schutz und Ernte ohne den westlichen Reflex der reinen Scham ins Ritual holen können. Sie wirken für Außenstehende skurril, tragen aber historische und religiöse Schichten. Wer nur lacht, hat den Schrein schon verlassen, bevor der Umzug richtig angefangen hat.
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