Nach Mitternacht hängt in Shinjuku immer noch Neon über den Bürgersteigen, als gäbe es eine zweite Stadt nur für die, die nicht schlafen wollen. Das Gesetz sagt seit 1956, niemand dürfe Prostitution ausüben oder kaufen — und trotzdem hat Japan eine der größten Sexindustrien der Welt, mit eigenem Wortschatz und eigenen Vierteln.
Das Wort dafür ist oft Fuzoku. Es klingt nach Sitten, nicht nach Bordell. Genau diese Lücke zwischen dem, was verboten ist, und dem, was lizenziert weiterläuft, macht das Thema so merkwürdig — und so leicht missverständlich.
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Ist die Prostitution in Japan verboten?
Im Mai 1956 verabschiedete der japanische Diet das Anti-Prostitutionsgesetz (Baishun Bōshi Hō, 売春防止法); in Kraft trat es im April 1958. Artikel 3 sagt klar: Niemand darf Prostitution ausüben oder Kunde davon werden. Eine Strafe knüpft das Gesetz aber nicht an diesen Satz selbst, sondern an Anbahnung, Zuhälterei, Zwang und das Bereitstellen von Räumen.
Entscheidend ist die enge Definition. Japan fasst Prostitution als Geschlechtsverkehr mit einer nicht näher bestimmten Person gegen Entgelt oder die Zusage dazu. Andere sexuelle Handlungen fallen rechtlich nicht unter denselben Verbotsbegriff. Genau dort wuchs die Fuzoku: Bäder, Massagen, Gesprächsclubs — offiziell oft ohne den einen verbotenen Akt.

Deshalb zahlt man in Japan an manchen Orten nur dafür, mit einer Frau zu reden, zu baden oder zu tanzen. Es gibt Bars, in denen Berührung Teil des Angebots ist, und andere, in denen schon die Unterhaltung die Ware ist. Schätzungen nennen für die Sexindustrie rund 2,3 Billionen Yen im Jahr — eine Größenordnung, die sich mit dem engen Gesetz nicht wegerklären lässt.
Was hinter der Tür wirklich passiert, lässt sich schlecht kontrollieren. In Tokio und anderen Städten stehen verdächtige Häuser dicht aneinander; der Schein der Lizenz und die Praxis im Zimmer sind zwei verschiedene Dinge.
Die Geschichte der Prostitution in Japan
Die Sexindustrie heißt auf Japanisch oft Fuzoku [風俗]. Wörtlich sind das Sitten, Gebräuche, öffentliche Moral — 風 für Wind oder Stil, 俗 für das Alltägliche und Vulgäre. Im Alltag meint das Wort genau die unanständigen Dienstleistungen. Vorsicht: Dieselbe Lesung deckt auch ganz harmlose „Sitten“ ab. Ein weiteres Wort für das weitere Nachtgeschäft ist mizu shōbai [水商売], der „Wasserhandel“. Die gesetzlich verbotene Prostitution selbst heißt baishun [売春]; eine Prostituierte im engen Sinn ist die baishunfu [売春婦].

Im Gegensatz zu dem, was manche denken, haben die Geishas nichts mit Prostitution zu tun. Historisch war das eine Möglichkeit für Frauen, als Künstlerin Arbeit zu finden, statt in den lizenzierten Freudenhäusern zu landen — auch wenn die Viertel räumlich nah beieinanderlagen.
Hafenstädte kannten Bordelle lange, bevor Tokugawa die Szene einzäunte. Im 16. Jahrhundert kauften portugiesische Händler japanische Frauen und brachten sie auf Schiffe oder in Kolonien; chinesische, koreanische und später europäische Besucher nutzten zugleich japanische Häuser in den Häfen. Das ist nicht „ganz Japan in Sklaverei“ — aber es zeigt, wie früh Sex, Handel und Macht in denselben Gassen lagen.
Bereits in der Edo-Zeit beschränkte das Tokugawa-Shogunat die Prostitution auf Gebiete, die als yūkaku [遊廓] bezeichnet wurden, wobei Yoshiwara in Edo (Tokio), Shinmachi in Osaka und Shimabara in Kyoto die bekanntesten waren. Die Prostituierten hießen yūjo [遊女]. Die Viertel waren ummauert, besteuert und hierarchisch: unten die einfachen yūjo, oben später Oiran und Tayū.
Welche Formen hat die Fuzoku?
Wer nur „Bordell“ denkt, versteht die Landkarte nicht. Das Gesetz über Betriebe, die die öffentliche Moral berühren, trennt grob zwei Welten: Orte, an denen man für Gesellschaft zahlt, und Orte, an denen der Körper die Ware ist.
Zu den bekanntesten Namen gehören Soaplands (ソープランド) — Bäder, in denen Waschen und Massage das offizielle Angebot sind —, Fashion-Health-Salons, Delivery Health (デリヘル, Besuch im Hotel) und die Hostess-Clubs, in denen man für Gespräch, Getränke und Schmeichelei zahlt, nicht für Sex. Pink Salons und Image Clubs sind weitere Varianten derselben Logik: Alles, was nicht der eine verbotene Akt ist, kann ein Geschäft werden.
Hostessen und Hosts sind deshalb keine Prostituierten im Sinne des Gesetzes. Das Problem dort ist oft ein anderes: die Rechnung, der Champagner, im schlimmsten Fall Schulden. Wer Fuzoku und Kyabakura in einen Topf wirft, versteht weder das Gesetz noch die Gasse.
Die Täuschung der Prostitution in Japan
Eine der hartnäckigsten Annahmen ist, dass hinter jeder Tür eine Japanerin sitzt. 2003 berichteten Zeitungen von Schätzungen, wonach bis zu 150.000 nicht-japanische Frauen in die Prostitution in Japan verwickelt waren. Viele Häuser beschäftigen Chinesinnen, Koreanerinnen, Philippinerinnen und Thailänderinnen. Manche Kunden merken den Unterschied nicht — oder wollen ihn nicht merken.

Weil der Beischlaf gegen Bezahlung offiziell verboten ist, verkauft die Industrie oft den Appetit statt der Sättigung: Hostessen, mit denen man nur spricht; Spielzeug; erotische Videos; Banner, die mehr versprechen, als das Schild darf. Manche zahlen sogar nur dafür, dass eine junge Frau ihnen die Ohren mit einem Wattestäbchen reinigt.
Snack-Bars gehören in dieselbe Landschaft: junge Kellnerinnen, die mit Lippen und Nähe Kunden halten, ohne dass die Nacht vertraglich folgt. Die Hoffnung ist Teil des Preises.
Soaplands und Massagehäuser
Massagehäuser sind in Japan alltäglich — vom Onsen bis zum Salon nur für Frauen. Ein Teil dieser Landschaft ist die berühmte erotische Massage, oft über Anzeigen oder Hotels vermittelt, nicht über ein Schild mit dem Wort Prostitution.
In Vierteln wie Kabukichō sprechen einen Männer auf der Straße an. Sie nennen gern eine runde Summe, etwa 10.000 Yen, und führen in Häuser, die man von außen kaum als das erkennt, was sie sind. Genau das ist der Moment, in dem Neugier teuer und unangenehm werden kann.

Ein Soapland wirbt selten mit dem, was im Zimmer passiert. Man erkennt es am Viertel — das alte Yoshiwara in Tokio ist bis heute das bekannteste Soapland-Viertel —, am Preis und an den Plakaten. Offiziell kauft man ein Bad. Die rechtliche Fiktion lautet, dass sich die beiden Personen während der Massage „kennenlernen“. Deshalb bleibt das Wort Baishun an der Tür oft unsichtbar.
Wo findet man Begleitung — und wo sollte man es lassen?
Gespräch ohne Sex ist leicht zu finden: Hostess-Clubs, Karaoke, Bars, in denen Zeit die Ware ist. Wer nach Sex gegen Geld sucht, landet schnell in Rotlichtgassen und Massagehäusern. Ich werde keinen bestimmten Ort empfehlen, vor allem, weil ich diese Art von Praxis hasse; ich schreibe, damit Neugierige nicht naiv in die Gasse laufen.

Seien Sie vorsichtig mit Fremden, die diese Dienste auf der Straße anbieten, besonders in Kabukichō. Wer einem Anreißer folgt, zahlt oft mehr als genannt — oder sitzt in einer Bar, aus der die Rechnung nicht mehr zum Schild passt.
Viele Häuser lassen Ausländer gar nicht erst rein, oft mit der Begründung Sprache und Regeln. Das ist kein Hinweis zum Umgehen der Tür, sondern eine Warnung: Diese Welt ist nicht für Touristen gebaut. Und sie ist nicht harmlos. In manchen Gassen hängt die Yakuza noch im Hintergrund; ins Gefängnis kommt man selten, übers Ohr gehauen häufiger.
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