Die letzte Sache, die einem durch den Kopf geht, wenn man an Japan denkt, sind Terroranschläge.
Allerdings ist selbst ein sicheres Land wie Japan nicht davor gefeit. Am Montag, dem 20. März 1995, setzten Mitglieder der Sekte Aum Shinrikyo im Berufsverkehr der Tokioter U-Bahn das Nervengift Sarin frei.
Inhalt4
Die Verantwortlichen für den Angriff
Aum Shinrikyo (オウム真理教, Ōmu Shinrikyō, wörtlich etwa „Om-Lehre der Wahrheit“) ist eine japanische Sekte, die 1984 von Shoko Asahara gegründet wurde. Asaharas bürgerlicher Name war Chizuo Matsumoto. Die Gruppe, die sich später Aleph nannte und 2007 die Abspaltung Hikari no Wa hervorbrachte, wurde von mehreren Staaten – darunter Russland, Kanada, Kasachstan und den Vereinigten Staaten – als terroristische Organisation eingestuft.
Im Jahr 1992 veröffentlichte Asahara ein Buch, in dem er sich selbst als „Christus“, den einzigen erleuchteten Meister Japans, bezeichnete und als „Gottes Lamm“ identifizierte. Er skizzierte eine Prophezeiung des Jüngsten Gerichts, die einen Dritten Weltkrieg und ein nukleares Armageddon einschloss.
Die Sekte war 1995 keine kleine Yoga-Gruppe mehr. Sie hatte Anhänger mit naturwissenschaftlicher Ausbildung, produzierte Kampfstoffe selbst und zählte in Japan und Russland zehntausende Mitglieder.
Der Vorläufer in Matsumoto
Neun Monate zuvor, am 27. Juni 1994, setzte Aum Shinrikyo in der Stadt Matsumoto in der Präfektur Nagano ebenfalls Sarin frei. Ziel waren Richter eines Grundstücksprozesses, in den die Sekte verwickelt war. Sieben Menschen starben; ein achtes Opfer lag im Koma und starb 2008. Der Anschlag galt lange als ungeklärt – und zeigte der Gruppe, was das Gift außerhalb eines Labors anrichten kann.
Der Angriff in der U-Bahn von Tokio
Am 20. März 1995 führten fünf Mitglieder von Aum Shinrikyo den chemischen Angriff in einem der am stärksten frequentierten Personentransportsysteme der Welt durch: in der Tokioter U-Bahn, zur morgendlichen Hauptverkehrszeit. In Japan heißt der Fall 地下鉄サリン事件 (Chikatetsu sarin jiken).
Das verwendete Agens, flüssiges Sarin, steckte in Plastiktüten, jede in Zeitungspapier gewickelt. Ein einzelner Tropfen in der Größe eines Stecknadelkopfes kann einen Erwachsenen töten. Mit den Paketen und Regenschirmen mit geschärften Spitzen stiegen die Täter in ihre zugewiesenen Züge.
An verschiedenen Stationen legten sie die Beutel ab und stachen sie mehrmals mit der Schirmspitze auf.
Jeder Täter verließ danach Zug und Station und stieg in ein Fluchtauto zu einem Komplizen. Die aufgestochenen Pakete blieben auf dem Boden liegen; das Sarin trat in Wagen und Bahnhöfe aus.
Getroffen wurden fünf Züge auf drei Linien – der Chiyoda-Linie, der Marunouchi-Linie und der Hibiya-Linie –, die durch Kasumigaseki und Nagatachō fuhren, den Sitz von Regierung und wichtigen Polizeibehörden. Elf Beutel wurden verteilt. Die Hibiya-Linie trug die schwersten Verluste.
Die Tat sollte das Regierungsviertel treffen und eine bevorstehende Razzia gegen die Sekte stören. Das Sarin war in Eile hergestellt und unrein; Angaben zur Reinheit liegen bei rund 30 Prozent. Genau das, zusammen mit der groben Verteilung über aufgestochene Beutel, erklärt, warum die Zahl der Toten hinter dem lag, was reines Sarin in geschlossenen Wagen hätte anrichten können.
Das Gift betraf Fahrgäste, U-Bahn-Mitarbeiter und jene, die ihnen zu Hilfe kamen.
Sarin ist das flüchtigste der Nervengifte. Es wandelt sich schnell von einer Flüssigkeit in einen Dampf und breitet sich in der Umgebung aus. Menschen können dem Dampf ausgesetzt sein, ohne die Flüssigkeit berührt zu haben. Weil es so schnell verdunstet, ist die Bedrohung unmittelbar – und zeitlich begrenzt.
Am Tag des Anschlags transportierten Krankenwagen 688 Patienten; fast 5.000 weitere erreichten Kliniken auf anderem Weg. 17 galten als kritisch, 37 als schwer und 984 als mittelschwer erkrankt, vor allem mit Sehstörungen. Insgesamt starben 13 Menschen. Die Polizei setzte die Zahl der Betroffenen später auf über 6.000 fest.
Nach dem Sarin-Anschlag
Am frühen Nachmittag erholten sich die leicht Betroffenen von den Sehstörungen und wurden entlassen. Die meisten übrigen Patienten konnten am nächsten Tag nach Hause; nach einer Woche lagen nur noch wenige kritische Fälle in den Kliniken.
Der Anschlag gilt als der schwerste Terrorakt im Nachkriegsjapan. Er löste weit verbreitete Angst in einer Gesellschaft aus, die sich zuvor als praktisch kriminalitätsfrei wahrgenommen hatte.
Die Angst blieb im Stadtbild: Viele öffentliche Mülleimer verschwanden, weil man fürchtete, jemand könnte erneut Gift oder Sprengstoff darin ablegen. Deshalb sieht man auf japanischen Straßen bis heute so wenige Abfalleimer.
Kurz nach dem Angriff verlor Aum den Status einer religiösen Körperschaft – ein seltener Schritt in einem Land, das Religionsfreiheit verfassungsrechtlich schützt. Viele Mitglieder wurden verhaftet. Das Parlament lehnte es ab, die Gruppe über das Gesetz gegen subversive Aktivitäten vollständig zu verbieten; die Behörde für öffentliche Sicherheit erhielt jedoch Mittel, um sie zu überwachen.
189 Mitglieder wurden angeklagt: 13 erhielten die Todesstrafe, fünf lebenslange Haft, 80 zeitige Freiheitsstrafen, 87 Bewährung, zwei Geldstrafen; einer wurde freigesprochen.
Asahara wurde am 16. Mai 1995 in einem Versteck im Sektenhauptquartier in Kamikuishiki festgenommen. Die letzten flüchtigen Tatbeteiligten, darunter Katsuya Takahashi, fasste die Polizei erst 2012.
Am 6. Juli 2018 wurde Asahara zusammen mit sechs weiteren Mitgliedern hingerichtet. Die übrigen sechs Todesurteile folgten noch im selben Monat. Japan gehört zu den Industriestaaten, die an der Todesstrafe festhalten.
Die Nachfolgegruppen Aleph und Hikari no Wa stehen in Japan weiter unter Beobachtung.
Spezialist mit mehr als 10 Jahren Erfahrung in asiatischer Kultur, mit Fokus auf Japan, Korea, Anime und Spiele. Autodidakt, Autor und Reisender, der Japanisch, Reisetipps und tiefgehende Kuriositäten vermittelt.
Community
Kommentare
0 Kommentare
In dieser Sprache gibt es noch keine veröffentlichten Kommentare.
Community
Kommentare
0 Kommentare
In dieser Sprache gibt es noch keine veröffentlichten Kommentare.
Kommentar senden