Totoro wirkt auf den ersten Blick wie ein freundliches Maskottchen aus einer Kindergeschichte. Doch hinter diesem Bild steht ein Studio, dessen Filme von Krieg, Natur, Kindheit, Arbeit, Verlust und dem Wunsch nach einem anderen Leben erzählen. Studio Ghibli hat keine Formel, die jede Geschichte gleich aussehen lässt – gerade deshalb bleiben seine Welten so lange im Kopf.
Das japanische Animationsstudio verbindet fantastische Bilder mit Figuren, die nicht nur eine Aufgabe im Abenteuer erfüllen müssen. Sie wachsen, zweifeln, tragen Verantwortung oder entdecken ihre Umgebung neu. Wer sich für japanische Zeichentrickfilme interessiert, begegnet bei Ghibli deshalb weit mehr als hübsch animierten Kulissen.
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Wie Studio Ghibli entstand
Studio Ghibli wurde am 15. Juni 1985 gegründet. Hayao Miyazaki und Isao Takahata prägten das Studio von Beginn an gemeinsam mit dem Produzenten Toshio Suzuki. Vorausgegangen war der Erfolg von Nausicaä aus dem Tal der Winde aus dem Jahr 1984; der Film entstand noch vor der Gründung des Studios, ist für seine Geschichte aber ein wichtiger Ausgangspunkt.
Der erste Ghibli-Kinofilm war 1986 Das Schloss im Himmel. Zwei Jahre später erschienen Mein Nachbar Totoro und Die letzten Glühwürmchen im selben Jahr. Diese Paarung zeigt schon früh die Spannweite: hier ein stilles, warmes Märchen über zwei Schwestern und einen Waldgeist, dort ein schweres Antikriegsdrama. Totoro wurde später zum Symbol im Logo des Studios.

Was Ghibli-Filme unverwechselbar macht
Ghibli erzählt Konflikte selten mit einfachen Gegenspielern. In Prinzessin Mononoke stehen Menschen, Waldgeister und eine Industriestadt einander gegenüber, ohne dass eine Seite bloß als böse abgefertigt wird. Chihiros Reise ins Zauberland verwandelt eine fremde Arbeitswelt in ein Labyrinth aus Regeln, Namen und Wesen. Selbst in leichten Filmen wie Kikis kleiner Lieferservice gehören Unsicherheit und Erschöpfung zur Entwicklung der Hauptfigur.
Auch die Orte tragen die Handlung. Küchen, Züge, Werkstätten, Gärten und kleine Straßen bekommen Zeit, ohne zur bloßen Dekoration zu werden. Die Filme schauen ihren Figuren beim Essen, Warten oder Reparieren zu. Diese ruhigen Momente erklären, warum Ghibli nicht nur von großen Wendungen lebt.
Wichtige Studio-Ghibli-Filme nach Jahren
Die folgende Auswahl führt durch die Kinofilme des Studios und markiert die Werke, an denen sich seine Entwicklung besonders gut ablesen lässt:
- 1986 – Das Schloss im Himmel: der erste Kinofilm des Studios und ein Abenteuer zwischen Technik, Ruinen und einer fliegenden Stadt.
- 1988 – Mein Nachbar Totoro: ein Familienfilm, dessen Waldwesen zum bekanntesten Bild von Ghibli wurde.
- 1988 – Die letzten Glühwürmchen: Isao Takahatas Antikriegsdrama über zwei Geschwister im Japan der letzten Kriegsmonate.
- 1989 – Kikis kleiner Lieferservice: eine junge Hexe versucht, in einer fremden Stadt selbstständig zu werden.
- 1992 – Porco Rosso: ein melancholisches Abenteuer mit einem Piloten, der als Schwein lebt.
- 1997 – Prinzessin Mononoke: ein Konflikt zwischen einer Eisenhütte und dem Wald, der Ghibli international noch sichtbarer machte.
- 2001 – Chihiros Reise ins Zauberland: ein fantastischer Film über ein Mädchen, das sich in einer Welt aus Badehaus, Geistern und fremden Regeln behaupten muss; er gewann 2003 den Oscar für den besten Animationsfilm.
- 2004 – Das wandelnde Schloss: eine Verwandlungsgeschichte mit Krieg im Hintergrund, frei nach dem Roman von Diana Wynne Jones.
- 2008 – Ponyo: eine verspielte Geschichte am Meer, deren jüngste Figuren die Welt mit eigener Logik erkunden.
- 2010 – Arrietty – Die wundersame Welt der Borger: eine kleine Welt unter dem Fußboden wird zur Bühne für Freundschaft und Gefahr.
- 2013 – Wie der Wind sich hebt: Miyazakis Film über Jirō Horikoshi verbindet den Traum vom Fliegen mit den Folgen der Zeitgeschichte.
- 2013 – Die Legende der Prinzessin Kaguya: Takahatas letzte Regiearbeit greift ein altes japanisches Märchen mit einer besonderen, skizzenhaften Bildsprache auf.
- 2014 – Erinnerungen an Marnie: eine zurückhaltende Geschichte über Einsamkeit, Erinnerung und eine ungewöhnliche Freundschaft.
- 2020 – Aya und die Hexe: der erste vollständig computeranimierte Spielfilm des Studios.
- 2023 – Der Junge und der Reiher: ein später Miyazaki-Film über Verlust, Familie und eine Welt hinter einer verschlossenen Tür.
Mit welchem Ghibli-Film sollte man anfangen?
Für einen ersten Abend eignet sich Mein Nachbar Totoro, wenn eine ruhige, kindliche Fantasie gesucht wird. Chihiros Reise ins Zauberland ist der passende Einstieg für eine dichte Märchenwelt mit vielen Details. Wer einen ernsteren Film sehen möchte, findet in Prinzessin Mononoke eine große Erzählung über Natur und Industrie; Die letzten Glühwürmchen verlangt dagegen wegen seines Kriegsstoffs eine andere Stimmung.
Eine feste Rangliste wird dem Studio ohnehin nicht gerecht. Ghibli-Filme unterscheiden sich stark im Tempo, im Alter ihrer Figuren und in der Art, wie sie Gefühle zeigen. Die beste Wahl hängt weniger vom Bekanntheitsgrad ab als von der Frage, ob man gerade Lust auf ein stilles Familienmärchen, ein Abenteuer oder ein nachdenkliches Drama hat.
Mehr als ein Werk von Miyazaki
Hayao Miyazaki ist für viele der erste Name, der mit Ghibli verbunden wird. Das Studio wäre ohne Isao Takahata, Toshio Suzuki und zahlreiche Animatorinnen, Hintergrundkünstler und weitere Regisseure aber nicht dasselbe. Takahatas Filme etwa setzen oft auf einen anderen Rhythmus und einen nüchterneren Blick auf Alltag, Erinnerung oder Gesellschaft.
Gerade diese Vielfalt bewahrt Ghibli davor, nur als Marke für nostalgische Fantasie wahrgenommen zu werden. Die bekannten Figuren öffnen die Tür; dahinter warten Filme, die sehr unterschiedlich aussehen und doch dieselbe Geduld für Orte, Beziehungen und Widersprüche mitbringen.
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