Wer in den letzten Jahren durch Instagram, TikTok oder YouTube gescrollt hat, kennt die Bilder: eine Brücke, die fast senkrecht in den Himmel ragt, winzige Autos am Rand einer Rampe, die eher an eine Achterbahn erinnert als an eine Fernstraße. Die Rede ist von der Eshima-Ohashi-Brücke (江島大橋) zwischen den Städten Matsue in der Präfektur Shimane und Sakaiminato in der Präfektur Tottori. Über kaum ein Bauwerk in Japan wurden mehr Mythen erzählt, und kaum ein Bauwerk wurde häufiger mit einer Achterbahn verglichen.
Doch wie viel Wahrheit steckt wirklich in den viralen Aufnahmen? Wie steil ist die Brücke im Alltag, und warum wirkt sie auf Fotos deutlich extremer, als sie es beim Befahren ist? Dieser Artikel ordnet Fakten, Mythen und Praxiswissen ein – mit Zahlen, Hintergrund zum Daihatsu-Werbespot von 2015 und Tipps für alle, die selbst einmal über den Nakaumi-See fahren möchten.

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Was ist die Eshima-Ohashi-Brücke?
Die Eshima-Ohashi-Brücke (japanisch 江島大橋, Eshima Ōhashi) ist eine Straßenbrücke, die den Nakaumi-See überspannt. Auf der westlichen Seite liegt Matsue, die Hauptstadt der Präfektur Shimane. Auf der östlichen Seite schließt Sakaiminato in der Präfektur Tottori an. Wer die Region kennt, weiß: In der Nähe von Tottori liegen auch die berühmten Sanddünen von Tottori, ein beliebter Stopp auf derselben Route.
Das Bauwerk wurde zwischen 1997 und 2004 errichtet und ersetzte eine ältere Brücke, die den wachsenden Schiffsverkehr auf dem Nakaumi-See nicht mehr berücksichtigen konnte. Heute gehört die Eshima-Ohashi-Brücke zu den am stärksten frequentierten Verbindungen zwischen Shimane und Tottori, weil sie die Fahrzeit zwischen den beiden Präfekturen erheblich verkürzt.
Technische Daten der Brücke
Die Eshima-Ohashi-Brücke ist mit etwa 1,7 Kilometern Gesamtlänge und rund 44 Metern Höhe über dem Wasserspiegel eines der größten Brückenbauwerke Japans im Stahlbeton-Segment. Etwa 1,44 Kilometer der Strecke führen über den See, der Rest verteilt sich auf die Zufahrten. Die Breite der Fahrbahn beträgt rund 11,3 Meter, sodass zwei Spuren pro Richtung plus ein schmaler Standstreifen zur Verfügung stehen.
Entscheidend für den Ruf der Brücke sind jedoch zwei Zahlen, die immer wieder für Verwirrung sorgen:
- Auf der Seite Shimane beträgt die maximale Längsneigung 6,1 Prozent.
- Auf der Seite Tottori liegt sie bei 5,1 Prozent.
Eine Steigung von 6,1 Prozent bedeutet, dass die Straße auf hundert Metern etwa 6,1 Meter an Höhe gewinnt. Das ist mehr, als man auf vielen Autobahnen findet, aber es ist nicht annähernd die senkrechte Rampe, die viele Fotos vermuten lassen. Zum Vergleich: In deutschen Mittelgebirgen erreichen Bundesstraßen regelmäßig Steigungen zwischen 8 und 12 Prozent, alpine Pässe in Europa liegen teils bei 15 bis 20 Prozent und mehr. Wer schon einmal einen richtigen Bergpass gefahren ist, weiß daher: Die Eshima-Ohashi-Brücke ist technisch gesehen eine moderate Steigung.
Warum wirkt sie auf Fotos so steil?
Der Grund für den viralen Ruf der Brücke liegt in der Fotografie selbst. Telelinsen komprimieren Entfernungen, weil sie den Hintergrund scheinbar näher an den Vordergrund holen. Steigt eine Straße über mehrere hundert Meter langsam an, sieht das Auge auf Weitwinkelaufnahmen flach aus. Auf einer Telelinse wirkt dieselbe Steigung plötzlich wie eine Mauer.
Bei der Eshima-Ohashi-Brücke kommt erschwerend hinzu, dass die Straße am höchsten Punkt ohne sichtbare Krümmung verläuft und der Horizont durch das Wasser des Nakaumi-Sees ersetzt wird. Es fehlt jeder visuelle Anhaltspunkt, an dem das Auge die wahre Entfernung ablesen könnte. Verstärkt wird dieser Effekt durch Aufnahmen, die in den frühen Morgenstunden oder am späten Nachmittag entstehen, wenn die Sonne tief steht und lange Schatten die Fahrbahn zusätzlich verzerren.
Der Daihatsu-Werbespot von 2015
Der entscheidende Auslöser für den weltweiten Ruf war ein Werbespot des japanischen Autoherstellers Daihatsu, der im Sommer 2015 ausgestrahlt wurde. Daihatsu bewarb das damalige Modell Daihatsu Tanto und inszenierte den Wagen so, als müsse er eine fast senkrechte Rampe bezwingen. Im Spot fährt das Auto scheinbar am Rand einer Klippe entgegen, ehe die Kamera zeigt, dass es sich in Wirklichkeit um die Eshima-Ohashi-Brücke handelt – und der scheinbar wagemutige Stunt entpuppt sich als harmlose Alltagsfahrt.
Der Spot wurde international aufgegriffen, von zahlreichen Medien außerhalb Japans geteilt und sorgte dafür, dass Millionen Menschen die Brücke zum ersten Mal sahen – allerdings verfälscht durch Kameraführung, Telelinsen und ein bewusstes Spiel mit Perspektiven. Wer sich heute an die Mythen erinnert, stößt in Internetforen, Reiseforen und auf Plattformen wie Reddit oder 4chan immer wieder auf Zuschreibungen wie „die steilste Brücke der Welt“ oder „die gefährlichste Brücke Japans“. Beide Aussagen halten einer Überprüfung mit den tatsächlichen Daten nicht stand.
Der Rad- und Fußweg neben der Fahrbahn
Häufig wird behauptet, die Brücke sei extrem gefährlich und für Fußgänger nicht zugänglich. Tatsächlich gibt es einen separaten Rad- und Fußweg parallel zur Fahrbahn, der den See ebenfalls überquert. Dieser Weg ist deutlich steiler als die Straße: Die Rede ist von einem Anstieg mit rund 31 Grad Neigung auf einer kurzen Rampe, die den Höhenunterschied zwischen der Fahrbahn und der Promenade ausgleicht. Genau diese Rampe ist es, die in vielen viralen Aufnahmen zu sehen ist und die für den „Achterbahn“-Eindruck sorgt.
Für Autofahrer ist die Brücke also ganz anders erlebbar als für Radfahrer oder Fußgänger, die den Anstieg direkt am eigenen Körper spüren. Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, sollte die kurze Schiebepassage einkalkulieren, gerade wenn das eigene Rad kein leichtes Rennrad ist. Für Spaziergänger lohnt sich der Weg trotzdem: Der Blick über den Nakaumi-See und auf die Küstenlinie von Shimane ist besonders am frühen Morgen oder in der Stunde vor Sonnenuntergang eindrucksvoll.
Wie sieht die Brücke im Alltag aus?
Auf der Fahrbahn selbst bemerkt man die Steigung weniger, als die Bilder vermuten lassen. Die Brücke verfügt über moderne Sicherheitsstandards: stabile Leitplanken, eine ausreichende Fahrbahnbreite und eine sanft geschwungene Linienführung, die den Anstieg gefühlt abmildert. Wer zum ersten Mal hinauffährt, gewinnt zwar den Eindruck, in die Höhe gezogen zu werden, aber das ist weniger der Physik als dem Fehlen von Vergleichspunkten geschuldet.
Im Alltag spielt sich auf der Brücke dasselbe ab wie auf jeder anderen Fernstraße in Japan: Lkw, Kleinwagen und Motorräder teilen sich die Spur, LKWs wie der Daihatsu und andere japanische Modelle fahren mit normaler Reisegeschwindigkeit, und die meisten Reisenden beschreiben die Überfahrt als unspektakulär. Das, was beeindruckt, ist am Ende nicht das Gefälle, sondern der weite Blick über den See und die ruhige, gut gepflegte Fahrbahn.
Ist die Brücke heute befahrbar?
Ja. Die Eshima-Ohashi-Brücke ist eine öffentliche Fernstraße und kann jederzeit mit dem Auto, dem Motorrad oder dem Fahrrad befahren werden. Eine Mautgebühr wird nicht erhoben. Während der Taifun-Saison im Spätsommer und Herbst kann es jedoch zu wetterbedingten Sperrungen kommen, wie sie auf vielen Küstenstraßen in Japan üblich sind. Auch bei starkem Nebel im Winter empfiehlt es sich, die Fahrt genau zu prüfen, da die Brücke auf einer Höhe von rund 44 Metern über dem Wasser liegt.
Da das Bauwerk außerdem als Zufahrt zum Hafen von Sakaiminato dient, verkehren regelmäßig schwere Lkws und Lieferwagen, die auf den Schiffsverkehr abgestimmt sind. Reisende mit Wohnmobil oder großem Mietwagen sollten die schmaleren Standstreifen und die teils kräftigen Seitenwinde beachten, die auf einer so exponierten Strecke über dem Wasser häufiger vorkommen.
Wie kommt man zur Eshima-Ohashi-Brücke?
Die bequemste Anreise führt über Matsue. Vom Bahnhof Matsue fährt man mit dem Auto rund 30 Minuten in Richtung Sakaiminato. Wer mit dem Zug unterwegs ist, kann bis zum Bahnhof Sakaiminato fahren, der von Matsue aus mit der San'in-Hauptlinie in etwa 50 Minuten erreichbar ist. Vom Bahnhof Sakaiminato sind es dann noch rund 15 Minuten mit dem Taxi oder dem Leihrad bis zum Brückenkopf auf der Tottori-Seite.
Wer einen Tagesausflug plant, kombiniert die Brücke am besten mit den Sanddünen von Tottori und dem Hafen von Sakaiminato, wo regelmäßig Krabbenfischer und Fähren Richtung Oki-Inseln ablegen. Auch das historische Stadtzentrum von Matsue mit der Burg Matsue und dem Adachi-Museum für zeitgenössische Kunst lohnt einen Stopp auf der gleichen Route.
Fazit: Lohnt sich ein Besuch?
Wer mit dem Gedanken spielt, extra für die Brücke nach Shimane oder Tottori zu reisen, darf die viralen Bilder getrost entmythisieren. Die Eshima-Ohashi-Brücke ist ein eindrucksvolles Bauwerk mit einer moderaten Steigung, einer durchdachten Linienführung und einer weiten Aussicht über den Nakaumi-See. Wer die Strecke ohnehin auf dem Reiseprogramm hat – etwa auf dem Weg zu den Sanddünen von Tottori, in den Hafen von Sakaiminato oder nach Matsue – sollte die Brücke einplanen, am besten am späten Nachmittag, wenn das Licht tief über dem Wasser steht und die Telelinse für ein eigenes Erinnerungsfoto sorgt. Wer nur wegen des vermeintlichen Adrenalin-Kicks kommt, wird auf der Fahrbahn selbst wenig Aufregendes finden. Die echte Steigung erlebt man ohnehin nur auf dem Rad- und Fußweg am Rand – und die ist dann tatsächlich so steil, wie sie auf den Fotos aussieht.

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